Auch tiefgründige Konzepte lassen sich anhand einfacher Gegenstände veranschaulichen. Für die Ausstellung „Land in Motion“ hat das Nationalmuseum für Archäologie, Geschichte und Kunst aus seinen Sammlungen einen Pflug aus dem späten 19. Jahrhundert, einen gusseisernen Ofen, römische Amphoren, eine Tischdecke, die auf einem Bauernhof in Nospelt gefunden wurde und mit rotem Garn ein Motiv aufweist, das von Millets „Die Ährenleserinnen“ inspiriert ist… Diese Exponate, die den Alltag ihrer Zeit veranschaulichen, gehen oft sehr treffende Dialoge mit den sie umgebenden Kunstwerken ein und hüllen den Besucher in ein Gefühl der Vertrautheit, das perfekt zum Thema passt.
Das dargestellte Thema ist zwar keineswegs neu, doch der Blickwinkel ist interessant. Die Frage nach der Existenz einer wirklich natürlichen Natur zu stellen, ist bereits eine Antwort an sich. Die Ausstellung führt die Entfremdung der Natur durch den Menschen auf 10.000 Jahre zurück, doch sie könnte noch weiter zurückreichen. Es ist schon lange her, dass die Natur als solche nicht mehr existiert, dass sie vom Menschen verändert, selektiert und schließlich ausgebeutet wird. Das Foto der Tundra, das den Rundgang einleitet, zeigt ein Relikt: „einen der letzten Orte auf der Erde, der noch nicht verändert wurde“, betont Isabelle Maas, Hauptkoordinatorin der Ausstellung. Und dennoch würde man nicht schwören, dass hinter einem Busch nicht ein Fragment einer Sojus-Kapsel herumliegt.
Die Ausstellung gliedert sich in vier Teile: Waldlandschaften, Agrarlandschaften, Flusslandschaften und Industrielandschaften. Alle wurden – mehr oder weniger offensichtlich – von Menschenhand geprägt. Wenn man „in die Natur“ geht, denkt man oft an den Wald. Doch „sie sind völlig künstlich“, stellt Isabelle Maas fest. So wie die Landschaften rund um die Burgen von Larochette und Hohlenfels, die Koekkoek vollständig aus der Fantasie entworfen hat. Diese romantische Vision spiegelt die beunruhigende, ja sogar tragische Vision von Erwin Olaf wider, der in diesem düsteren Schwarz-Weiß-Foto zweifellos sein nahendes Lebensende zum Ausdruck bringt.
Die Landwirtschaft prägt unsere Landschaften seit der Jungsteinzeit auf offensichtliche Weise. Veranschaulicht wird dies hier durch römische Werkzeuge, deren perfekte Formen sich seit 2000 Jahren kaum verändert haben. Oder auch dieser unglaublich realistisch wirkende gepflügte Boden, der von Didier Marcel aus Elastomer gefertigt wurde. Dieses Werk hinterfragt, wie wir die Dinge wahrnehmen, je nachdem, wo wir uns befinden: Würden wir diese Formen ebenso aufmerksam betrachten, wenn wir am Rande eines Feldes spazieren gingen? Das schöne Ölgemälde auf Leinwand von Pierre Blanc, „Temps gris“, wurde gerade erst restauriert. Seine Zuschreibung, die zuvor ungewiss war, wurde dank eines im Rahmen entdeckten Papierstücks bestätigt. Es handelt sich um das erste Gemälde, das beim „Cercle artistique du Luxembourg“ erworben wurde. Zwischen Naturalismus und Art déco illustriert „Le Laboureur“ von Léon Nosbuch eine Welt, die sich mühsam vorwärtsbewegt.
Die Poesie des Wassers
Der Bereich, der den Flusslandschaften gewidmet ist, ist sehr eindringlich. Er vermittelt, dass Wasser nicht einfach nur eine fließende Substanz ist. Es ist die Verkehrsachse, die die historischen Epochen herangetragen hat und mit ihnen diese Weinberge, deren Allegorie auf den Seiten eines römischen Sarkophags eingraviert ist, der in der Umgebung von Remerschen entdeckt wurde. In den berühmten Fotografien von Su Mei Tse möchte man gar nicht wissen, ob man die Vorderseite oder die Rückseite betrachtet, so angenehm schwebt man in diesem Zwischenraum. Der Videobeitrag von Marco Godinho ist faszinierend. Der Künstler erklärt, inwieweit Flüsse seine Inspiration nähren. Das fließende Wasser fließt im Rhythmus der verstreichenden Zeit und bietet dem aufmerksamen Betrachter seine eigene Sprache. Godinho, der zu Hause Wasser sammelt, das er überall dort mitnimmt, wo er vorbeikommt, sieht darin einen von Natur aus poetischen Ausdruck.
Der letzte Teil ist eher materieller Natur und vielleicht am leichtesten zu begreifen. Die Industrie tut sich zugegebenermaßen schwer damit, sich unauffällig zu verhalten. Vom Titelberg bis zum Belval, das Fernand Bertemes 2006 gemalt hat, schreibt sich hier die moderne Geschichte Luxemburgs. Die mit der Hacke in die Erdkruste gehauenen Gräben, die Höhe der Hochöfen, die nun die Kirchtürme überragen, die bis dahin die Dörfer im Süden des Landes beherrschten: Alles ist auf den Kopf gestellt, in der Luft, an der Oberfläche und darunter. Das Gemälde von Harry Rabinger drückt dies mit einer gewissen Gelassenheit aus. Nichts Beunruhigendes an diesem Vorentwurf, der zu einem riesigen Werk werden sollte, das noch immer im Jongelycée von Esch zu sehen ist. Serge Ecker, der den Süden wie seine Westentasche kennt, spricht schön von dieser Identität, die sich schneller wandelt, als er es geglaubt hätte. Die roten Böden werden grün, die Natur hüllt die einst rötlichen Abbauflächen und Halden nun in Smaragdgrün. Diese vor einigen Jahrzehnten verwüsteten Gebiete sind heute weitläufige Natura-2000-Gebiete, in denen Orchideen wachsen und Schmetterlinge fliegen. Eckers Fotografien, die in Wiltz oder Dudelange die Rückeroberung der Brachflächen durch die Wildnis festhalten, zeigen: Wenn sich der Mensch das Recht anmaßt, der Welt sein Gesetz aufzuzwingen, dann geschieht dies nur aus Eitelkeit, denn er weiß sehr wohl, dass er nicht das letzte Wort haben wird.
Die raffinierte Kombination aus Kunstwerken und Alltagsgegenständen wird durch eine gelungene Inszenierung untermalt. Die Ausstellung beeindruckt weniger durch das, was sie materiell präsentiert, als vielmehr durch die Überlegungen, die sie anzuregen vermag. In dieser Hinsicht ist das Bemühen zu würdigen, das Thema an ein junges Publikum anzupassen. Spezielle Inhalte (Audiostationen, Zeichenworkshop, illustriertes Heft…) wurden entwickelt, um Kinder mit diesen Fragestellungen vertraut zu machen, die zwar heute noch nicht das breite Publikum interessieren, sich aber morgen unweigerlich durchsetzen werden.
Die Ausstellung „Land in Motion“ ist bis zum 11. Januar 2026 im MNAHA zu sehen