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Feuilleton 4 Min. Lesezeit

Mutter Erde

Nach Feuer, Wasser und Wind schließt die „Nacht der Kultur“ in Esch-sur-Alzette ihren Elementzyklus mit einer zehnten Ausgabe ab, die der Erde und der Erinnerung gewidmet ist

Erschienen in Ausgabe September 2021
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An diesem Samstag, dem 11. September, fand die wichtigste Kulturveranstaltung der südlichen Metropole im viel zu wenig bekannten Natur- und Waldzentrum Ellergronn statt. Die Nacht steht im Mittelpunkt, denn es handelt sich um die letzte Großveranstaltung, bevor die Stadt – gegen alle Widerstände – zur Kulturhauptstadt Europas wird. Unter den rund vierzig Angeboten, die in diesem Jahr auf dem Programm stehen, findet man ein „Roots Village“ mit Volksmusik, Porträts personifizierter Sonnen und glühenden Holzscheiten. Demgegenüber lockt ein Jahrmarkt mit pyrotechnischen Attraktionen die Besucher an. Die verschiedenen Stahlkonstruktionen, die von Pierre de Mecquenem entworfen und von der Compagnie La Machine inszeniert wurden, wecken Neugier und sorgen für Unterhaltung. Darunter befindet sich insbesondere ein Kraftspiel, ein Klassiker auf Jahrmärkten, das Flammen erzeugt und an die industrielle Vergangenheit der Region erinnert.

In einem rundlichen Gehege, einer Art Miniaturdorf, ein Sammelsurium aus Wurzeln, Holzkonstruktionen und Beleuchtungselementen. Die Mitglieder einer fröhlichen, ausgefallenen und ein klein wenig beunruhigenden Gemeinschaft laden die Neugierigsten ein, sich in bunte Kostüme zu werfen und das Gehege zu betreten, um um einen selbstgebauten Hügel herum zu tanzen. Es handelt sich um „Belle Racine“, eine Kreation des Kollektivs „Métalu A Chahuter“, die den Betrachter in ihren Bann zieht. Etwas abseits führt ein schlecht ausgeschilderter Weg zu einer winzigen Lichtung, wo Émmanuel Fleitz und Sayoko Onishi, beleuchtet von einem brennenden Totem und einigen Scheinwerfern, eine funkelnde Darbietung bieten. Die Tänzerin und Choreografin, ganz in Rot gekleidet, lauert im Schatten. Nur ihre Arme, deren Bewegungen abgehackt wirken, ragen aus einem Busch hervor. Zwei Schlangen, verzaubert vom Kontrabass von Émmanuel Fleitz, die zwischen Halbdunkel und Flammen herumspringen und sich krampfhaft winden. Die Tänzerin neckt den Musiker und geht sogar so weit, sein Instrument zu malträtieren. Ein schrecklicher Anblick. Man denkt an einen hypothetischen nächtlichen Spaziergänger, der zufällig auf die Szene stoßen und die Flucht ergreifen würde. Zum Abschluss durchquert Sayoko Onishi das Publikum, rennt davon und verschwindet im Wald.

Der von der Veranstaltung gepriesene „Ruf der Natur“ ist übrigens wörtlich zu nehmen, da sich mehrere, von Laternen beleuchtete Wege über das gesamte Gelände verteilen. Auf einem dieser Wege entdeckt man insbesondere die Ausstellung „La mémoire de l’oubli“ von NSSR, alias Nicolas Schneider. Auf einer Strecke von etwa fünfzig Metern liegen beleuchtete Glas- und Aluminiumflaschen neben grellen Fotocollagen, die diese abbilden. Eine recht gelungene Art, „Unhöflichkeit in künstlerische Formen und ökologisches Bewusstsein“ zu verwandeln. Am Ende des Weges hat der ACLI Cercle Esch-sur-Alzette italienische kulinarische Spezialitäten zubereitet, vor allem aber eine musikalisch untermalte Pantomime mit dem Titel „Floralia“. Das heißt, eine Tanzvorführung von drei Paaren auf erhöhten Podesten, begleitet vom Rhythmus mehrerer Akkordeons. Leider war kein Akkordeonspieler in Sicht, dafür aber ein widerspenstiger Lautsprecher, der „Is This Love“ von Bob Marley spielte, sowie formlose Tänzer. Zwischen Kichern, Jubelrufen und schelmisch übertriebenem Applaus zeigte sich das Publikum unerbittlich.

Auf dem großen Platz, dem Mittelpunkt des Geschehens, wird um 22 Uhr ein neun Meter hohes Gerüst beleuchtet. Vor diesem Altar hat sich eine große Zuschauermenge versammelt, um den Höhepunkt des Abends mitzuerleben: eine atemberaubende Aufführung der Compagnie Luc Amoros mit dem Titel „La Tortue de Gauguin“. Die Inszenierung basiert auf einer Anekdote, wonach der französische Maler während eines Aufenthalts auf den Marquesas-Inseln den Panzer einer lebenden Schildkröte bemalt haben soll. Was laut den Idealisten vermuten lässt, dass ein Werk von Paul Gauguin dem Kunstmarkt entgangen sein könnte und noch immer in den Gewässern des Pazifiks schwimmt. Auf der vierstöckigen Metallkonstruktion malen, singen, rezitieren, spielen und leben acht Künstler (zwei pro Etage) und bescheren einem aufmerksamen und bewundernden Publikum einen unvergesslichen Moment. In jeder Szene, untermalt von den bewegenden Worten einer Sprecherin und der mitreißenden Begleitung eines Musikers, erkunden sechs Maler verschiedene Themen. Kindliche Gemälde, Selbstporträts, Fayoum-Porträts oder Kaleidoskope. Das Gerüst verwandelt sich in eine Burg, bevor die letzten Leinwände beim Herabfallen eines Wasserhurrikans verschwinden und ein visuelles und akustisches Spritzspektakel entsteht.