Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Feuilleton 3 Min. Lesezeit

Harry, ein großer Freund, der es gut mit euch meint

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe August 2021
Artikel teilen auf

Ida Lupino (1918–1995), die dank der ihr im vergangenen Jahr von den „Films du Camélia“ gewidmeten Retrospektive gerade erst vor dem Vergessen bewahrt wurde, zählt zu den großen Pionierinnen des Frauenkinos. Als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin war sie zudem eine produktive Filmemacherin, die zahlreiche Werke für Kino und Fernsehen inszenierte. Am kommenden Mittwoch würdigt die Cinémathèque de Luxembourg den Film „The Bigamist“ (1953), einen hervorragenden Spielfilm, in dem Lupino zärtliches Einfühlungsvermögen für ihren männlichen Protagonisten zeigt, der sowohl zwischen zwei Städten als auch zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen ist. Was bedeutet schon das Gesetz, sagt uns die englische Künstlerin im Wesentlichen, wenn überall der Gott der Liebe herrscht? Ein Glaubensbekenntnis voller Elan und Mut für die 1950er Jahre, inmitten einer noch sehr konservativen amerikanischen Gesellschaft.

Am Anfang steht, wie ihr Vorname biblischen Ursprungs schon andeutet, Eve, die von Joan Fontaine gespielte Frau, mit der Harry (Edmond O’Brien) verheiratet ist. Er scheint in San Francisco die perfekte Liebe zu leben, doch die launische Natur trübt dieses scheinbare Glück. Eve kann keine Kinder bekommen. Untröstlich und mit diesem Unglück abgefunden, verändert sich ihr Wesen nach und nach: Ihre Sanftmut wandelt sich in Pragmatismus, ihre Liebe in einen Kult der Arbeit und des gesellschaftlichen Erfolgs … auch wenn sie dabei ihren immer einsamer werdenden Ehemann vernachlässigt. Deshalb sieht man gleich zu Beginn von „The Bigamist“, wie dieses Paar ein Adoptionsverfahren durchläuft. Im Zuge einer von der Adoptionsstelle gegen ihn eingeleiteten Hintergrundüberprüfung kommt Harrys Doppelleben ans Licht. Das Leben, das er in Los Angeles führen will, einer Stadt, in die er gelegentlich für seine geschäftlichen Aktivitäten reist. Eines Tages, als er grübelnd über seine Liebeskummer umherwanderte, stieß er zufällig auf eine Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebte: die Brünette Phyllis, gespielt von Ida Lupino, die ihn zum Abendessen in ein chinesisches Restaurant einlud. Die Falle schließt sich langsam, und auch hier spielt die Etymologie ihre Rolle als Hinweisgeber voll und ganz, denn der makellosen Eva steht die sinnliche und antike Geliebte (philia, auf Griechisch) gegenüber. Ein paar Tage des Flirts reichen aus, damit diese schwanger wird, was Harry bei einem zweiten Aufenthalt in Los Angeles erfährt. Er übernimmt voll und ganz die Verantwortung und macht Phyllis einen Heiratsantrag. Nun, da er doppelt verheiratet ist, stellt sich das Dilemma: Soll er die eine für die andere verlassen? Oder die andere für die eine? Zwei Unglücksfälle entsprechen sich also symmetrisch, und in beiden Fällen würde Harry im Hinblick auf die guten Sitten als Schurke dastehen. Zu der Schwierigkeit, eine Entscheidung zu treffen, kommt der Wunsch hinzu, ein Kind zu adoptieren, den Eve endlich geäußert hat und der ihr Lebensfreude und eheliche Zuwendung zurückgibt. Eve blüht wieder auf, öffnet sich erneut der Liebe, sodass Harry nicht in der Lage ist, sich von ihr zu trennen. Unfreiwillig zum Bigamisten geworden, ist Harry gezwungen, im Verborgenen zu leben.

Genau wie der Staatsanwalt, der sich während des Prozesses verständnisvoll gegenüber Harry zeigt, verzichtet die Filmemacherin darauf, auch nur das geringste Werturteil über diesen Mann zu fällen. Der Film endet in dem Moment, in dem die Urteilsverkündung bevorsteht. Die Verhandlung – vor Gericht wie im Kino – wird somit unterbrochen. Wir sind hier weit entfernt von dem Moralismus, der heute unter bestimmten feministischen Aktivistinnen vorherrscht, die manchmal eher zur Volksjustiz als zur psychologischen Einfühlung neigen.

„The Bigamist“ (1953, USA), Originalfassung mit französischen Untertiteln, 83 Min., wird am Mittwoch, den 11. August, um 19 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt