Die aufeinanderfolgenden Lockdowns haben bei vielen Menschen kreative Ideen geweckt. Ob nun der eine, der mit dem Musizieren angefangen hat, der andere, der wieder damit angefangen hat, oder wieder ein anderer, der sich einer anderen Disziplin zugewandt hat – das Internet wurde von ebenso vielfältigen wie uneinheitlichen künstlerischen Beiträgen überschwemmt. Zwischen den Projekten, die großen Anklang fanden, und dem allzu vielen Unsinn ist man immer noch überrascht, wenn man auf kleine Perlen stößt, die aus der Masse herausstechen. Das ist ganz besonders der Fall bei „First Album“ des deutsch-luxemburgischen Duos Fischer und Hansen, also Christina Fischer und Pierre Hansen. Dieses Duo aus jungen Vierzigjährigen, die auch privat ein Paar sind, hat letzten Monat sein erstes Projekt völlig unabhängig veröffentlicht. Ein Album mit elf Titeln und einer Spielzeit von 48 Minuten, das selbstgemachte Musik aus den Genres Pop, Ambient und Industrial vereint.
Die Einleitung „Waterfalls“ besteht aus einer synthetischen Schleife, die so regelmäßig wie ein Metronom ist. Christina Fischer hat zunächst Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Und das trotz der sehr beachtlichen Arbeit von Patrick Leuchter, der für den Mix und das Mastering verantwortlich war. Die Streicherstimmen sind eindringlich, und das Knistern, das an das Hin- und Her an einem feinen Ufer erinnert, mündet in einen Strudel, der den Zuhörer mitreißt. Bei „in new york“ mit seiner markanten Melodie nimmt die Stimme die Form eines unentschlossenen Elektrokardiogramms an, bei dem der Übergang in die hohen Töne manchmal schwierig ist. Mit diesem Aufruf, „wie Wölfe zu heulen“, wird einem jedoch eine der Stärken der Platte bewusst: die Einfachheit und die Resonanz der Texte.
In „Every Song Is a Love Song“ spürt man besonders deutlich diese Wortknappheit, diese Entscheidung für das Bild statt für den Reim. Davon zeugt dieser Aufruf, es zu wagen, eine Person anzustarren, so wie es Babys tun, die sich der Wirkung, die sie auf die Objekte ihres Blicks ausüben, nicht bewusst sind. Die Anspielung auf die frühe Kindheit wird durch das Einsetzen eines Xylophons am Ende des Titels noch einmal unterstrichen. „Idiots“ gliedert sich in zwei Teile. Ein rasender und beunruhigender Lauf mit Anklängen an Hans Zimmer, gefolgt von einer anachronistischen, ja sogar mittelalterlich anmutenden Einlage, in der die Streicher wie ein Sonnenstrahl in einem Gewirr elektronischer Effekte auftauchen. Fischer und Hansen veranschaulichen hier also die Hoffnung. Denn das Duo zeichnet sich durch den Ausdruck einfacher, und damit zugleich komplizierter Gefühle wie Sehnsucht, Angst oder auch Scham aus.
Der nächste Titel „komm ins land“ ist ein Wiegenlied, das von nervösen Noten unterbrochen wird. Die Melodie wirkt wie eine Spieluhr, die zu schnell oder synkopisch abgespielt wird. Das Ganze erinnert an Massive Attack in voller Kraft. Pierre Hansen gibt zu, dass er – dieser Webdesigner, der eine Zeit lang als Filmemacher im Großherzogtum tätig war – noch nie wirklich komponiert hatte. Er musste sich daher intensiv mit der Programmierung, der Strukturierung und all den technischen Aspekten dieses hybriden Musikgenres auseinandersetzen. Das Ergebnis vermittelt einerseits den Eindruck, einem verrückten Wissenschaftler zuzuhören, der willkürlich alle möglichen Mechanismen betätigt, andererseits aber auch eine erstaunliche Kohärenz und einen eigenen Stil, der im Laufe des Werks immer deutlicher wird. Als einziger Titel, zu dem ein Musikvideo gedreht wurde, beschreibt „elephant’s room“ die Geschichte einer verdrängten Innenwelt. Der Bassist Sascha Mans, einziger Gastmusiker des Albums, schlüpft darin in die Rolle des Elefanten – eine Metapher für unsere Ängste, die an die Oberfläche drängen.
„Arrive am trottoir“ ist ein hübsches Lied, in dem Gefühle durch so einfache Bilder wie ein gemietetes Elternhaus aus Kindertagen oder ein Wassereis zum Ausdruck kommen. „Good shoes“ ist ein Aufruf, sich eine Schutzhülle aufzubauen. Der Gesang eines Kinderchors (aus ihrem eigenen Zuhause und ihrer Nachbarschaft) am Ende des Stücks bildet den Höhepunkt des Albums. Es folgen „You Died Inside of Me“, ein nebulöser Titel, bei dem der donnernde Schluss nach einer Wiederholung klingt, „Tree“, eine beunruhigende, aber schnell vergessene Einladung, und schließlich „Air to Ground“, eine Musik, die zwar wiederum austauschbar ist, aber definitiv die Handschrift der beiden Komplizen trägt.
Der Übergang von der Platte zur Bühne kann, wie man weiß, besonders heikel sein, doch das Duo denkt darüber nach. Auch wenn bislang noch keine Termine feststehen, wird bereits über ein Konzept nachgedacht, bei dem sich Künstler und Zuschauer den Raum teilen. Ein weiteres Ziel des Duos, das sich aus eingefleischten Kinoliebhabern zusammensetzt, ist es, ihre tatsächlich filmische Musik eines Tages in einem Film oder einer Serie zu hören. Der Aufruf an aufgeschlossene Filmemacher, sich bei „First Album“ zu melden, ist daher ergangen.
Das Debütalbum von Fischer und Hansen ist auf fischerundhansen.de erhältlich oder kann auf Spotify gestreamt werden (wo jeder Titel mit einem originellen und stets selbst gestalteten Thumbnail illustriert ist)