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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Zwei Schamanen der Kunst

In Metz präsentiert die Galerie Octave Cowbell die Ausstellung „De gestes et de paroles“. Das von ihrer Leiterin Vanessa Gandar initiierte Projekt gestaltet sich als Dialog zwischen zwei Künstlerinnen, die sich bis…

Erschienen in Ausgabe August 2024
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In Metz präsentiert die Galerie Octave Cowbell die Ausstellung „De gestes et de paroles“. Das von ihrer Leiterin Vanessa Gandar initiierte Projekt gestaltet sich als Dialog zwischen zwei Künstlerinnen, die sich bis dahin noch nie begegnet waren: Christelle Enault und Claire Hannicq, eine aus den Vogesen stammende Künstlerin und Mitbegründerin des „Atelier Faires“, die die Galerie Cowbell bei der letzten Ausgabe der Luxembourg Art Week an ihren Stand eingeladen hatte. Es handelt sich also um zwei vielseitige Künstlerinnen mit ungewissem Status, die in der am Eingang der Ausstellung ausgehändigten Broschüre als „Säerinnen“, „Hüterinnen“ oder auch als „Alchemistinnen“. Als ausgebildete Baumpflegerinnen lassen beide alte, handwerkliche Traditionen wieder aufleben, wie Stickerei, Intarsien, Glasbearbeitung, Glasmalerei, Zeichnen oder Gesang. Die Ausstellung versteht sich als Versuch, Kunst und Handwerk gleichwertig zu behandeln, ohne eine Wertehierarchie zwischen diesen beiden Produktionsformen zu schaffen, und gleichzeitig beim Publikum das Bewusstsein für die verschiedenen Formen der Ökoästhetik zu schärfen, die als Reaktion auf den Klimanotstand entstanden sind. „De gestes et de paroles“ ist ein großes heidnisches Fest, das Mythologien, schamanische Praktiken und Kosmogonien umfasst und bei dem das ästhetische Erlebnis mit heilenden, spirituellen oder psychologischen Wirkungen einhergeht.

Im Laufe ihrer Zusammenarbeit stellten Christelle Enault und Claire Hannicq fest, dass sie beide Bogenschießen betreiben – eine Gemeinsamkeit, die auf Anhieb eine Vielzahl natürlicher Elemente wie Luft, den Windhauch oder auch die menschliche Atmung in den Vordergrund rückt. Bei der Ausstellungseröffnung konnten die beiden Bogenschützinnen direkt in der Galerie üben. Während Claire Hannicq ihre Pfeile auf die aus Stroh gefertigten Zielscheiben abschoss, intonierte die andere ein Lied in einer neuen, bisher unbekannten Sprache, die vollständig von der Künstlerin erfunden wurde und an die Tradition des schamanischen Gesangs anknüpft. Mehrere Exponate der Ausstellung zeugen von dieser Performance und führen sie zugleich fort. Einige Zielscheiben sind so belassen worden, wie sie waren – durchlöchert. Es werden „Liebespfeile“ ausgestellt (Semeuse, 2023), die sich dadurch auszeichnen, dass ihre Bronzespitzen das Abbild verschiedener Bäume (Buche, Ahorn, Kiefer, Sauerampfer, usw.), was ihnen einen poetischen, ja sogar magischen Charakter verleiht. Hannicq greift hier die Symbolik des Bogenschützen auf, dessen Pfeile „bei jedem Auftreffen auf die Zielscheibe Licht und Erkenntnis hervorbringen“, wie die Künstlerin auf ihrer Website erklärt. Mit jedem abgeschossenen Pfeil wird ein Samen gesät, was die Künstlerin zu einer „Kriegerin und Säerin“ macht.

In der Mitte des großen Saals schafft die Inszenierung einen Ort der Besinnung, an dem man über Kopfhörer die Lieder von Enault hören kann, die auch von Octave Cowbell auf Vinyl veröffentlicht wurden (unter dem Titel „Sawé Ta Lulwa. La geste des sèves; die in einer Auflage von 200 Exemplaren gepresste Schallplatte ist in der Galerie erhältlich). Diese eindringlichen Lieder werden mit den virtuosen Zeichnungen der jungen Frau kombiniert, die nach bereits existierenden Vorlagen entstanden sind und sich mit Legenden und folkloristischen Bräuchen auseinandersetzen. Man erkennt darin die Zeichnung einer Bogenschützin neben dem Wort „ Breathing “ (Bourrache, 2019), aber auch das Gesicht einer alten Frau (Berce, 2021) und einen Mann, der ein Bärenfell trägt (Cannelle, 2020), alles mit Buntstiften gezeichnet. Das Auge ist ein symbolisches und metaphysisches Motiv, das in ihren Zeichnungen immer wiederkehrt; seine kreisförmige Gestalt taucht überall auf und steht im Einklang mit anderen Motiven, wie dem des Mondes (Alchémille, 2020), der es mit dem Himmlischen verbindet, oder dem der Perle, die es mit der Wasserwelt verknüpft. Man findet es sogar in „Les Larmes Culturelles“ von Claire Hannicq wieder, einem antiken Glas, das ein Auge und die zahlreichen Glasblasen enthält, die sich auf seiner Oberfläche gebildet haben. Das Oculus gewinnt dort als Motiv eine organische und formale Eigenständigkeit, die an die figurativen Eigenheiten der surrealistischen Bewegung erinnert, mit der Enaults Zeichnungen eine Vorliebe für das Unbewusste, den Traum und die Metamorphosen zwischen den Arten, wie sie beispielsweise André Masson in seinen Gemälden wiedergegeben hat.

Im letzten Teil der Veranstaltung wird ein Gedicht von Christelle Enault vorgelesen, das auf ein weißes Tuch gestickt ist – eine wahrhaft sinnliche und lyrische Ode an den Holunder. Drei Tische untermalen den Verlauf des Rundgangs und führen uns vom Wort zu den Erinnerungen, von der Oberfläche der Blätter zu den Wurzeln – Früchte eines handwerklichen Könnens, das mit der Industrialisierung immer seltener geworden ist. Sie stehen in herrlichem Einklang mit der Tafel, auf der Papiere aus verschiedenen, gepressten Pflanzenarten zusammengestellt sind, deren Texturen dem Betrachter ihre Nuancen und Farbtöne offenbaren. Vor diesem pflanzlichen Mosaik denkt man an das Werk von Herman De Vries.

Dann kommt endlich die Sonne, ihre Schrift: „Heliografie“. Ein großes Baumwolltuch trägt einen riesigen Vorhang, der sich nach einer langen Belichtungsphase in der Sonne eingeprägt hat. Der Abdruck des Lichts grenzt an Magie und hat etwas Alchemistisches an sich. Es handelt sich gewissermaßen um ein heidnisches Pendant zum Heiligen Veronika-Tuch, ohne dass während des Entstehungsprozesses menschlicher Kontakt stattfand – man spricht dabei von einem sogenannten „acheiropoietischen“ Bild.

Von Gesten und Worten, bis zum 22. September
in der Galerie Octave Cowbell, Metz
Ein Rahmenprogramm rund um diese schöne Ausstellung : ein Vortrag am 29. August mit der Kuratorin Sophie Bernal („