Der eine malt mit Feingefühl – Clément Davout – ausschließlich Nahaufnahmen von Pflanzen, die überdimensional wirken, der andere – Laurent Turping – schneidet mit der Kettensäge kleine menschliche Silhouetten aus Buchen-, Kastanien-, Walnuss- und Kirschbaumstämmen heraus.
Man könnte sich eine Geschichte dazu ausdenken. Das trifft übrigens auch auf die Pflanzenporträts von Clément Davoud zu. Dieser junge französische Künstler (er wurde 1993 in Flers geboren) schlenderte abends durch die Straßen von Brüssel und beobachtete das Leben der Menschen im Erdgeschoss durch das Fenster, hinter einem Vorhang aus Topfpflanzen. Das elektrische Licht ließ ihre Schatten besonders deutlich hervortreten. Clément Davoud hat sich zwar nicht mit einer Staffelei als Voyeur auf die Straße gestellt, aber er hat die Idee aufgegriffen, indem er zunächst Fotos machte und anschließend in seinem Atelier daran weiterarbeitete.
Man könnte auch sagen, dass seine Bilder einen Zyklus der vier Jahreszeiten heraufbeschwören. Der Hintergrund der in Öl auf Leinwand gemalten Bilder weist vier Farben auf: Hellblau wie zu Frühlingsbeginn, sattes Grün wie zu Sommeranfang, Rot wie das letzte Leuchten des Herbstes, Braun wie das, was im Winter vom Licht übrig bleibt. Diese Bilder im Bild sind somit eine malerische Auseinandersetzung mit der Erinnerung an Clément Davouts nächtliche Spaziergänge, aber auch eine Wiedergabe seiner Empfindungen, wie die zarten Violetttöne eines Zweigs mit rundlichen Blättern.
Das Licht kommt von hinten, aus einer bläulichen Atmosphäre. Das Gemälde trägt den Titel „Meine Gedanken sind leicht bewölkt“. Die Titel der Werke von Clément Davout sind Zeilen aus Gedichten, die er sich notiert. Sie sind untrennbar mit „Ein Augenblick am Rande der Welt“ verbunden, wo – im Gegensatz zu den anderen Pflanzen, die oft wie an die Scheibe geklebt oder von hinten beleuchtet wirken – der Zweig mit großer naturalistischer Präzision unter einer hypnotischen goldenen Kugel dargestellt ist. Es ist ein Gemälde, das man allein an die Wand hängen und betrachten sollte, um für einen Moment loszulassen. Gleiches gilt für „Elle devient ses yeux“ mit dieser Mondreflexion im Fenster. Mit Topfpflanzen, einem sehr banalen Motiv, hat Clément Davout Julie Reuter überzeugt. So etwa die Zwischenräume eines Ficus-Blattes. Der Titel lautet „Réflecteur des rêves“. Versucht man, diesen 29-jährigen Künstler in der Kunstgeschichte einzuordnen, stellt man fest, dass sich sein Werk vorerst jeder Klassifizierung entzieht.
Die Galerie Reuter Bausch zeigt zum Abschluss der Ausstellungsreihe ihres ersten Bestehensjahres, dass sie keine Scheu vor Eklektizismus hat. Die menschlichen Silhouetten von Laurent Turping sind – vielleicht – jene Personen, die Clément Davout hinter den Pflanzen in deren Wohnräumen beobachtet hat. Man sieht zwangsläufig nur ihre Silhouetten, ihre Umrisse. Man weiß, dass dies nicht Laurent Turpings Hauptberuf ist. Er wurde 1967 in Ettelbruck geboren und belegte Bildhauerkurse, bevor er sich dem Ausschneiden seiner Figuren widmete. Einsam und mit den Händen in den Taschen, feierlich und mit an den Körper gepressten Armen, rundlicher und ein Kind an der Hand haltend. Ist das Art brut? Wir würden es lieber als spontan bezeichnen.
Kehren wir zu unserem Streifzug durch die Geschichte zurück. Dreizehn Figuren sowie ein Hund wurden von Laurent Turping wie für ein Familienfoto dicht beieinander angeordnet und auf einem schmalen Brett unter dem Werk „Ses yeux sont des trous de lumière“ von Clément Davout festgehalten. Das ist es, was man durch das Schaufenster in der Rue Notre-Dame sieht.
Die Ausstellung von Clément Davout & Laurent Turping ist
bis zum 26. November in der Galerie Reuter Bausch zu sehen,
14 rue Notre-Dame in Luxemburg