Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Bildende Kunst 6 Min. Lesezeit

Zentral und marginal

Im Rahmen der polnischen EU-Ratspräsidentschaft präsentiert das Bozar in Brüssel eine ebenso politische wie poetische Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit dem Titel „Familiar Strangers“. Die Osteuropäer aus polnischer…

Erschienen in Ausgabe April 2025
Artikel teilen auf

Im Rahmen der polnischen EU-Ratspräsidentschaft präsentiert das Bozar in Brüssel eine ebenso politische wie poetische Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit dem Titel „Familiar Strangers“. Die Osteuropäer aus polnischer Sicht. Sie vereint mehr als vierzig Werke von dreizehn Künstlern und lädt zu einer Reise durch die vielfältigen, komplexen und manchmal widersprüchlichen Identitäten Osteuropas ein, wobei Polen als Ausgangspunkt, vor allem aber als kritisches Prisma dient.

Der Titel „Familiar Strangers“ ist von den Überlegungen des britischen Kulturtheoretikers und Begründers der „Cultural Studies“, Stuart Hall, inspiriert. Stuart Hall schrieb, dass Kultur eine Art des Werdens „mit und trotz der anderen“ sei. Genau diese Idee einer zukunftsorientierten Bewegung, der Transformation und der ständigen Aushandlung von Identität prägt die Ausstellung, die von der aus Polen stammenden Kuratorin Joanna Warsza konzipiert wurde. Sie ist derzeit Ausstellungskuratorin der Stadt Hamburg, Herausgeberin, Dozentin und Autorin. Ihr Interesse gilt der politischen und sozialen Funktionsweise von Kunst außerhalb der „White Cubes“. Zu ihren weiteren Schwerpunkten zählen die Dekolonialisierung in Osteuropa, Kunst und Aktivismus sowie die Theorie der Performativität. Sie hat mehrere Biennalen und Großprojekte mitorganisiert, darunter „Radical Playgrounds“ im Gropius Bau Berlin im Jahr 2024 und den polnisch-romani-Pavillon auf der 59. Biennale von Venedig im Jahr 2022. Im Bozar untersucht sie anhand der Arbeiten der eingeladenen Künstler*innen die Zugehörigkeiten in ihrer Instabilität sowie die vielfältigen Erzählungen, die eine Region durchziehen, die vor allem aus kultureller Sicht oft fälschlicherweise als homogen wahrgenommen wird.

Die Ausstellung zielt darauf ab, den Eurozentrismus – oder genauer gesagt den Westzentrismus – zu dekonstruieren, der lange Zeit die kollektive europäische Erzählung dominiert hat. Sie beleuchtet die europäische Peripherie aus einem neuen Blickwinkel. Joanna Warsza erinnert daran, dass erst die gewaltsame Invasion der Ukraine nötig war, damit das Selbstverständnis und das kollektive Bewusstsein Europas endlich über die westliche Perspektive hinauswachsen konnten. Mit anderen Worten: Der andauernde Krieg hat sichtbar gemacht, was bisher ignoriert wurde. In „Familiar Strangers“ wird man mit den Rändern, den Peripherien und den verschwiegenen oder unterschätzten Erzählungen Osteuropas konfrontiert.

Diese neue Sichtbarkeit geht nicht ohne Spannungen einher. Polen beispielsweise, das Millionen ukrainischer Geflüchteter aufgenommen hat, aber in jüngster Zeit auch Schauplatz interner politischer Konflikte rund um die Rechte von Frauen, LGBTQIA+-Personen und Minderheiten im Allgemeinen war, befindet sich inmitten eines Paradoxons. Es ist zugleich ein Zufluchtsland, eine Bastion der Solidarität, und ein Raum, in dem die sozialen und ideologischen Gräben sehr tief sind. Die Ausstellung versucht nicht, dieses Problem zu lösen, sondern das Paradoxon herauszuarbeiten und damit einen fruchtbaren Boden für künstlerische Auseinandersetzung zu schaffen.

Jeder Raum der Ausstellung ist einem Künstler oder einer Künstlerin gewidmet und entführt uns in einzigartige Welten. Der Rundgang beginnt mit einem Werk von Janek Simon, einer Skulptur, die in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz entstanden ist. Durch diese Verschmelzung von Technologie und Vorstellungskraft hinterfragt der Künstler den Austausch von Ideen sowie alle Formen und Einflüsse zwischen Peripherie und Zentrum. Anschließend entdeckt man die Gemälde von Mikołaj Sobczak, der historische Erzählungen neu interpretiert, indem er queere Figuren und marginalisierte Perspektiven einbringt.

Es folgt das Patchwork-Textilwerk von Małgorzata Mirga-Tas, einer polnisch-roma-Künstlerin, das Formen des kollektiven Gedächtnisses und des Widerstands würdigt. Der Film „Consumer Art“ von Natalia LL, einer Symbolfigur der polnischen feministischen Szene, sowie das Video „Miraculous Accident“ von Assaf Gruber, das kürzlich auf der Berlinale gezeigt wurde, zeugen von dieser erschütternden Spannung zwischen Kritik und Verbundenheit, zwischen gewaltsamer Ablehnung und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit.

Im Laufe der Werke zeichnet sich eine mentale Geografie ab, die eines reichen und vielfältigen Europas, das vor allem von Migrationen, historischen Brüchen sowie fragmentierten Zugehörigkeiten geprägt ist. Die Ausstellung bietet keine einzige lineare, eindeutige Erzählung, sondern vielmehr ein Mosaik aus Erfahrungen, in dem sich im Laufe der Entdeckung koloniale Erinnerung, Klassenkampf sowie Fragen des Geschlechts und der ethnischen Zugehörigkeit miteinander verflechten. Die Künstlerinnen und Künstler sprechen nicht aus einer festgefahrenen Identität heraus, sondern von Orten des Übergangs, der Mehrdeutigkeit und natürlich der Hybridität.

Die Ausstellung steht in engem Zusammenhang mit einem weiteren bedeutenden Ereignis des vergangenen Jahres: dem Projekt, das im polnischen Pavillon auf der 60. Kunstbiennale in Venedig präsentiert wurde. Das unter dem Titel „Repeat after Me“ laufende immersive Videoprojekt des Künstlerduos Open Group – bestehend aus Yuriy Biley, Pavlo Kovach und Anton Varga, die alle drei aus der Ukraine stammen – hinterließ durch seine emotionale Kraft und seine radikale Einfachheit einen bleibenden Eindruck.

Das Werk, das vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine entstanden ist, lässt Geflüchtete zu Wort kommen, die, anstatt ihre Geschichte direkt zu erzählen, sich an die Geräusche von Waffen, Explosionen, Schüssen und Alarmsignalen erinnern. Diese Geräusche, die stimmlich nachgebildet werden, verwandeln sich in Träger einer gemeinsamen traumatischen Erinnerung. Sie wird zum Mittel einer kollektiven Verbindung und einer einfühlsamen Weitergabe. Die Zuschauer*innen sitzen vor einer großen Projektionsfläche und hören und sehen die aufeinanderfolgenden Erzählungen von erzwungenen Abgängen und ebenso erzwungenen Ankünften, die von all diesen interviewten Ukrainer*innen erzählt werden. Jede Erzählung endet mit stimmlichen Nachahmungen der Kriegsgeräusche, die offenbaren, was Worte nicht ausdrücken können. Man kann sich auf einen der hohen Stühle setzen, die vor der Filmprojektion gegenüber den Mikrofonen aufgestellt sind, und auf Einladung der Interviewten die Geräusche nachahmen. Das ist eine Art Karaoke der besonderen Art.

Die Auswahl dieses Projekts für den polnischen Pavillon, kuratiert von Joanna Warsza und Wojciech Szymański, war kein Zufall. Sie zeugte von dem Willen, mit einer streng nationalen Lesart der kulturellen Identität zu brechen. Sie bekräftigte die Notwendigkeit einer transnationalen Kunst, die in der Lage ist, die Realitäten der Migration, die Solidarität zwischen den Völkern sowie die Stimmen der Vertriebenen einzubeziehen. Diese Geste war umso stärker, als sie aus einem Land kam, das historisch durch Spannungen mit Russland geprägt ist, aber auch durch eine nationale Identität, die oft im Gegensatz zum Anderssein konstruiert wurde.

Zwischen Brüssel und Venedig zeichnet sich ein roter Faden ab: der eines Europas im Wandel, das von den Gewalttaten der Vergangenheit und Gegenwart geprägt ist, aber auch von Solidaritätsbekundungen, neuen Formen des Zusammenlebens und unerwarteten Wegen, Gemeinschaft zu schaffen. Ein Europa, das es ab sofort neu zu erfinden gilt – sowohl im wirtschaftlichen Kontext als auch im historischen Kontext einer gemeinsamen Identität. „Familiar Strangers“ ist keine Ausstellung über Polen, sondern aus der Perspektive Polens. Ausgehend von diesem oft unbekannten und komplexen Land, das in unserer europäischen Vorstellungswelt zugleich zentral und randständig ist. Jan Böhmermann, ein satirischer Journalist polnischer Herkunft und Moderator im deutschen Fernsehen, hat kürzlich in seiner Sendung „Neo Magazine Royale“ einen Beitrag präsentiert, in dem er genau von diesem Polen spricht, das bisher insbesondere von den deutschen Nachbarn ignoriert wurde und das man nach und nach wiederentdeckt, als ein Land, das groß ist und durch seine Identitäten und seine Geschichte fasziniert.

Polen erinnert uns mit dieser gelungenen Ausstellung daran, dass Osteuropa keine stumme oder erstarrte Peripherie ist, sondern ein Ort kultureller Erfindungskraft, großer und symbolischer Konflikte sowie ständiger Erneuerung der Formen. Indem sie diese „vertrauten Fremden“ zeigt, die Polen bevölkern, lädt sie uns dazu ein, neu darüber nachzudenken, was es heute bedeutet, Europäer oder Europäerin zu sein. Und vielleicht endlich die Stimmen oder Klänge zu hören, die wir heruntergespielt haben – selbst im Hinblick auf die Sicherheit.