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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Was die Teststreifen anzeigen

Das Museum in Göttingen feiert 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland mit einer Ausstellung seiner Sammlung von Thora-Streifen, von denen einige über 300 Jahre alt sind

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Das hebräische Alphabet ist faszinierend. Es handelt sich um Buchstaben, die Europa schon lange vor den Schengen-Abkommen vereint haben. Seit zwei Jahrtausenden werden sie ununterbrochen von einem Ende des Kontinents zum anderen verwendet, trotz Verfolgungen, Pogromen und der Shoah. Zwar wurden sie zum Schreiben jüdischer Sprachen wie Hebräisch, Jiddisch und lange Zeit auch Judenspanisch verwendet. Doch nicht nur das. Auch das Altfranzösische, zahlreiche italienische Dialekte, Deutsch und sogar Türkisch wurden mit hebräischen Schriftzeichen geschrieben. Neben der Verwendung durch Gelehrte im Laufe der Jahrhunderte spielten diese Buchstaben auch eine wichtige Rolle – und tun dies weiterhin – im jüdischen Alltag, in der Volkskultur und im Handwerk. Das Städtische Museum in Göttingen – jener Stadt, die Barbara besang und die viel näher liegt, als man denkt – widmet bis zum 17. Oktober eine Ausstellung den „Tora-Wimpeln“ (auf Hebräisch „Mappot“) eine Ausstellung. Es handelt sich dabei um eine besondere Tradition der aschkenasischen Welt, also des Judentums in Mittel-, Nord- und Osteuropa. Die „Mappot“ sind Stoffstreifen, die dazu dienen, die Tora-Rolle – die handgeschriebene Abschrift der ersten fünf Bücher der hebräischen Bibel – geschlossen zu halten und zu schützen. Seit dem Ende des Mittelalters war es Brauch, der Synagoge zu Ehren eines Neugeborenen eine „Mappah“ zu schenken. Die Ausstellung „Gestickte Pracht und gemalte Welt“ bietet daher die Gelegenheit, eine faszinierende Tradition unserer Regionen zu entdecken.

Diese Leinenstreifen, von denen einige bis zu vier Meter lang sein können, werden aus den Beschneidungslappen hergestellt und mit den Namen des Neugeborenen und seines Vaters sowie mit Segenswünschen und Verzierungen geschmückt. So ist beispielsweise auf einem Band aus dem Jahr 1690, von dem nebenstehend ein Fragment zu sehen ist, auf Hebräisch zu lesen: „ Natan, Sohn von Rav Avraham, möge er viele glückliche Tage erleben, geboren unter einem günstigen Stern, Tag 1, am 26. Schewat 450 nach dem kleinen Kalender. Möge er für die Tora, die Chuppah und die Mizwot heranwachsen. Amen selah “. Auf diesem Zettel, dem ältesten in der Sammlung des Museums, wird dem kleinen Natan, geboren am 5. Februar 1690, also gewünscht, dass er mit dem Ziel aufwächst, die Tora zu studieren, zu heiraten und gute Taten zu vollbringen, wobei das Studium und die Heirat nur zwei von vielen anderen sind. Dieser Wunsch spiegelt den Segen wider, der am Ende der Beschneidungszeremonie gesprochen wird. Wie Michal Friedländer in dem wunderschönen Katalog zur Ausstellung feststellt, verkörpern diese Formeln, die auf allen 28 im Museum aufbewahrten Bändchen wiederholt werden, die Grundwerte der jüdischen Gemeinden. „Bei näherer Betrachtung“, so die Expertin, die zugleich Kuratorin am Jüdischen Museum Berlin ist, „erweisen sich die Bändchen als Träger kraftvoller Texte, die uns Aufschluss über die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Entstehungszeit und des Entstehungsortes geben können.“ Tatsächlich erzählt jedes Band eine Geschichte, nicht nur durch die Schrift, sondern auch dank der prächtigen Illustrationen, die Blumen- und Tiermotive zeigen. Ob gestickt oder gemalt – die Mappot entführen uns in eine magische Welt. Zwar sind darauf Darstellungen verschiedener Elemente des Segens zu sehen, wie die Tora-Rolle oder ein Paar unter der Chuppah, dem Baldachin, der bei der traditionellen Hochzeitszeremonie verwendet wird. Doch man erkennt auch Jagdszenen sowie zahlreiche Tiere, oft in Anlehnung an die heiligen Schriften. Die farbenfrohen Exponate, die nach einem langwierigen Restaurierungsprozess nun zu sehen sind, sind eine Augenweide und dürften selbst die Jüngsten begeistern, die von den Einhörnern und Gazellen fasziniert sind, die sich auf diesen Stoffresten verirrt haben.

Abgesehen von einem Erwerb aus dem Jahr 1983 wurde die gesamte Sammlung bis zum Jahr 1917 im Museum zusammengetragen. Die Tatsache, dass jeder Streifen der Tora bestimmten Personen und Familien zugeordnet werden kann, macht die Sammlung international einzigartig. In ihrem Vorwort zum Katalog hebt Museumsdirektorin Andrea Rechenberg die Bedeutung dieser Tatsache hervor, da sie beweise, dass diese Sammlung nicht aus Objekten zusammengestellt wurde, „die den jüdischen Gemeinden durch die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes entrissen wurden“. Zu erwähnen ist außerdem, dass sich das Städtische Museum Göttingen mit dieser Ausstellung an den Feierlichkeiten zu 1700 Jahren jüdischem Leben in Deutschland beteiligt. Eine Gelegenheit also, einige der Traditionen und Schriften wiederzuentdecken, die Europa geprägt haben.

Gestickte Pracht und gemalte Welt. Tora-Wimpel-Sammlung, Städtisches Museum Göttingen, bis zum 17. Oktober 2021.
Der zweisprachige Katalog (Deutsch und Englisch) ist im Verlag Vandenhoek und Ruprecht erschienen.
30 Euro. ISBN: 978-3-525-55795-2