Michel Mazzoni lobt in der Galerie Nei Liicht das „Fast-Nichts“, das dem Philosophen Vladimir Jankélévitch so am Herzen lag. Man könnte auch an Japan denken, wo das Detail mit dem Universellen verbunden ist. Doch der in Audun-le-Tiche geborene und in Brüssel lebende Fotograf lädt uns nicht zu einer fernöstlichen Meditation ein. Der übergreifende Titel der Fotografien von Michel Mazzoni lautet „Flat Cuts“. Es handelt sich um Postkartenformate, die sorgfältig mit einem Passepartout gerahmt sind, sowie um mittelgroße und große Formate, die direkt an die Wand geklebt wurden. Dies lässt sich als Verweis auf die Fotografie interpretieren, die ihrem Wesen nach zweidimensional ist. Er zeigt hier Aufnahmen von in der Realität dreidimensionalen Elementen, insbesondere von architektonisch sehr ausgeprägten Gebäuden, die zu flachen Elementen werden.
Erläuterung. Es ist nicht so, dass sie kein Relief hätten – die im Schatten liegenden Flächen verleihen ihnen zwangsläufig eines –, doch Michel Mazzoni verwandelt sie in seinen ausschließlich schwarz-weißen Fotografien in ein abstraktes Spiel aus hellen, grauen und dunklen Bereichen: buchstäblich, wie der Titel der Ausstellung schon sagt, sind es „Flat Cuts“. Das gilt auch für alle Nahaufnahmen von Details. Mineralien, Vegetation, Früchte, Wolken. Der Großteil der Kleinformate (Abzüge auf Barytpapier, 9 x 6 cm) ist dieser visuellen Übung gewidmet.
Wir befinden uns hier in der reinen Abstraktion, selbst bei einer Komposition aus Dia-Schachteln – oder vielmehr bei ihrer Zerlegung in drei Elemente, die von oben betrachtet wie eine Gleichung zu sehen sind: Deckel der Schachtel gleich graue ebene Fläche, in der offenen Schachtel festgeklemmte Dia-Scheiben gleich weiße Scheiben und teilweise leeres Fach gleich weiße Scheiben und schwarze Rechtecke. Es handelt sich um eines der mittelgroßen Formate, die direkt an die Wand geklebt wurden. Wie dieser Wandbehang (vielleicht ist es auch ein Teppich oder eine Tapete oder ein Bodenbelag – die Fotografien tragen keine Beschriftung) mit grauen und weißen Arabesken. Das Motiv wurde aus nächster Nähe fotografiert und der Abzug so stark vergrößert, dass das Bild pixelig wirkt.
Ein Bild also, das zugleich komponiert und zerlegt ist. Aber … wirklich „Flat Cuts“? Wäre es nicht falsch, die perspektivlosen Aufnahmen von Michel Mazzoni auf eine Übung in fotografischer Zweidimensionalität zu reduzieren? Es sind genau diese Details, die tatsächlich für Volumen sorgen, und die Kompositionen von Michel Mazzoni haben Tiefe: Unter einigen der kleinen Formate befinden sich weitere Schichten aus kariertem Papier und vor allem farbiges Papier. Deren Fragmente ragen aus der streng rechteckigen Komposition heraus. Der Fotograf weiß, was das Unvollkommene (und nicht die Unvollkommenheit) zur Strenge beiträgt.
„À Bord… En Bord de Mer Noire“ der luxemburgischen Fotografin Neckel Scholtus in der Galerie Dominique Lang ist ein Werk, das im Gegensatz zu dem von Michel Mazzoni steht. In Farbe ist es die „Reportage“ einer Reise durch Griechenland, die Türkei, Bulgarien und Rumänien. Es sind Porträts von Einheimischen, die vor ihren Häusern posieren (lexiquedevoyage). Es ist äußerst bewegend, diese Gebäude mit Steingrundgeschoss und Holzobergeschoss zu sehen, die meist mit einem roten Ziegeldach bedeckt sind, zusammen mit ihren Besitzern. So wie diese alte Dame mit dem Strohhut, die an ihrem Gitter lehnt.
Diese Frauen und Männer, die sichtlich von der Arbeit gezeichnet sind, sind stolz auf ihr Zuhause. Und das zu Recht: Diese wunderschönen traditionellen Häuser werden immer seltener, und die neuen Häuser der jungen Generation, die ganz aus Beton bestehen – auch wenn sie den alten Stil nachahmen –, haben nicht mehr den Charme der Tradition. Kann man sagen, dass Neckel Scholtus in diesem Sinne soziologische Arbeit geleistet hat? Man würde sie eher als eine „Bildsammlerin“ bezeichnen. So auch bei der Serie der zurückgelassenen Gegenstände (Strandhütte, Bett, Boot oder kleines Plastikpferd) sowie bei den Erzeugnissen des Bodens, die auf die Arbeit der Bewohner dieser Häuser verweisen. Die lokalen Erzeugnisse werden direkt auf dem Boden oder in den Händen von Kindern fotografiert. „À Bord… En Bord de Mer Noire“ ist ein bewegendes Roadmovie, das einer Reportagefotografin würdig ist.
Die Besucher der beiden Galerien der Stadt Dudelange können selbst entscheiden, ob ihnen dieses realistische „Anderswo“ oder das minimalistische „Anderswo“ besser gefällt. Muss man sich überhaupt entscheiden?
„Flat Cuts“ von Michel Mazzoni und „À Bord… En Bord de Mer Noire“ von Neckel Scholtus sind bis zum 14. April in der Galerie Nei Liicht in der Rue Dominique Lang sowie in der Galerie Dominique Lang im ehemaligen Bahnhof Dudelange-Ville zu sehen