Die auf Sockeln, an den Wänden und auf dem Boden angeordneten und präsentierten Werke erzählen von der Komplexität der Welt, die von der 1978 in Łódź, Polen, geborenen Künstlerin eingefangen und transformiert wird. Agnieszka Kurant verdeutlicht mithilfe technologisch-geologisch-biologischer Experimente, woraus unsere Welt besteht. Sie fügt die historische Perspektive des Menschen hinzu – ihre eigene sowie die der mit ihr zusammenarbeitenden Wissenschaftler. Sie macht die Prozesse und Funktionsweisen sowohl der Lebewesen als auch der nicht-lebenden Dinge sichtbar. Nicht alle Ebenen von Kurants akribischer Arbeit sind auf den ersten Blick zugänglich; sie erfordern tiefes Nachdenken oder eine detaillierte Erklärung. Jedes der insgesamt etwa fünfzehn Werke, die im Henry J. and Erna D. Leir Pavilion des Mudam präsentiert werden, beeindruckt und regt zum Nachdenken an, sei es durch seine Komplexität, sei es durch seine Technik oder seine Form.
Der Besucher steht vor einem zeitgenössischen Labor, bewegt sich um die Werke herum, betrachtet deren Erscheinungsbild, die Farben oder beispielsweise die flüchtigen Bewegungen einer schwarzen Flüssigkeit. Es handelt sich dabei um eine digital-biologisch-geologische Assemblage, die aus einer 1963 von der NASA erfundenen Substanz besteht: dem Ferrofluid. Dieses ist anorganisch und enthält Nanopartikel, die auf ein Magnetfeld reagieren. Wir stehen vor „Alien Internet“ (2023). Beeindruckend, doch ohne Begleittext, ohne Erklärung weiß man nicht Bescheid, sieht man nicht alles. Es macht nichts, wenn man nicht alles weiß oder nicht alle Codes aller Werke des Künstlers entschlüsseln kann. Man kann sich genauso gut inmitten dieses eher poetischen, einzigartigen Werks bewegen und sich Fragen stellen. Das kann ausreichen, wenn es nicht im besten Fall lebhafte Neugier weckt oder im schlimmsten Fall Frustration hervorruft. Allerdings werden Frustration und Unzugänglichkeit im Kontext der zeitgenössischen Kunst oft als Kritikpunkte angeführt.
Tatsächlich verfolgt die Künstlerin einen eindringlichen Ansatz, der es wert ist, bekannt zu werden. Sie hinterfragt zahlreiche Aspekte des Lebens, dessen Verhalten, unser eigenes Verhalten und dessen Auswirkungen. Agnieszka Kurant ist eine Künstlerin, die sich beispielsweise intensiv damit auseinandersetzt, was das Internet, die sozialen Netzwerke oder Algorithmen in uns bewirken und verändern – und zwar in kognitiver Hinsicht, d. h. als Folge der Vorhersehbarkeit, der wir alle mittlerweile durch unsere digitalen Profile unterworfen sind. Wir können uns keine Zukunft mehr vorstellen – sie wird uns vorausgesagt, in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Philosophisch gesehen wird uns jedoch nach wie vor nicht viel vorausgesagt; es gibt nur sehr wenige leicht zugängliche Visionen, was unsere gemeinsame planetarische Zukunft betrifft. Hier sind unsere Vorstellungskraft, vor allem aber unser Verständnis des Wissens, der Funktionsweisen und der Systeme gefragt, in die wir eingebunden sind – heute vor allem die der digitalen Welten, der Codes, aber auch der Bilder und ihrer Manipulationen. Wie Shoshana Zuboff, Wissenschaftlerin, emeritierte Professorin an der Harvard Business School, Soziologin und amerikanische Literatin, in ihrem 2019 erschienenen Werk *The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power* erklärt. Tatsache ist, dass wir mittlerweile in einer Gesellschaft der Überwachung und Vorhersehbarkeit leben und wir alle unfreiwillig daran mitwirken, indem wir all unsere Daten an die Plattformen weitergeben, damit diese unser Verhalten vorhersagen können – ein Verhalten, das sich auf den Konsum von Produkten, aber auch von Ideen, insbesondere politischer Art, beschränkt. In diesem Sinne, mit all den „ Tricks “ – ein hier keineswegs abwertend gemeinter Begriff –, zeigt uns Kurant die Schichten unserer gemeinsamen Geschichte, die sich im Eiltempo, ja geradezu überstürzt schreibt, ein wenig jedoch ohne unser Wissen und jenseits unseres Denkens. Die notwendige Aufklärung oder Erklärung, vor allem aber die Reflexion, sind entweder nicht wirklich auf der Höhe der Zeit oder einfach falsch ausgerichtet.
Ich kann nicht alle ausgestellten Werke beschreiben oder erklären. Ich habe eines ausgewählt, das mich besonders angesprochen und berührt hat. Es trägt den Titel „A.A.I. (System’s Negative)“ und besteht aus zwei Skulpturen aus Zinkguss aus dem Jahr 2016, die im Erdgeschoss des Pavillons auf weißen Sockeln aufgestellt sind. Sie stellen das Innere verlassener Termitenhügel in der namibischen Savanne dar. Jeder dieser Termitenhügel ist ein Lebensraum, der aus der kollektiven und starken Intelligenz einer Termitengruppe entsteht. Diese Skulpturen sowie ihr Titel ziehen eine direkte Parallele zur von Amazon eingeführten Arbeitsstruktur aus online ausgeführten Mikrotasks. Jeff Bezos, der ikonische und umstrittene Gründer von Amazon (der an die Stelle politischer Entscheidungsträger tritt – doch dies müsste Gegenstand eines anderen Artikels über das sein, was die französische Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla als „Technopolitik“ bezeichnet) spricht von „artificial artificial intelligence“, die eine ununterbrochene Arbeit an jedem Ort ermöglicht, und so kollektiv die Leistung eines Algorithmus simuliert, die zum Zeitpunkt von Bezos’ sehr stolzer Äußerung noch kein Computer leisten konnte – wobei er zweifellos die Bedingungen dieser „Geisterarbeit“ außer Acht lässt (aber auch das ist eine andere Geschichte).
„Risk Landscape“ ist eine Ausstellung, die Einblicke in die Welt der „Zukunftsmöglichkeiten“ vermittelt, von denen Kurant spricht – Einblicke, die für all jene von grundlegender Bedeutung sind, die sich die Mühe machen wollen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie zu verstehen und in ihr Leben zu integrieren.