„I’m not there – The invisible influx of music on art“, derzeit in der Galerie Zidoun & Bossuyt zu sehen, ist ein Überblick über Künstler von den 1980er Jahren bis heute, die von der deutschen Pop-Rock- und Punk-Szene inspiriert wurden. Es war Filip Markiewicz, ein luxemburgischer Maler und zugleich Musiker, der den Kurator Max Dax in Berlin kennengelernt hat.
Max Dax, 1969 in Kiel geboren, ist Kurator, Autor und Journalist sowie Gründer des Magazins „Spex“, dem deutschen Pendant zum französischen Magazin „Les Inrocks“. Als Organisator zweier großer Ausstellungen in Hamburg im Jahr 2019 und in Rotterdam im Jahr 2020 fällt die Ausstellung in Luxemburg angesichts der Größe der Galerie im Grund zwangsläufig kleiner aus.
Dort zeigt er Ikonen der Pop-, Rock- und Punk-Kunst wie Isa Genzken (geb. 1948). Ihre minimalistisch anmutenden Fotografien „New York, 1981“ entstanden bei einem Konzert der Band CBGB. Es handelt sich um C-Prints, auf denen Isa Genzken ausschließlich die technischen Elemente einfängt: Lautsprecherboxen, ein Mikrofon vor einem Verstärker, den Fuß eines Musikers auf einem Wah-Wah-Pedal. Es ist der Moment der Performance. Das ikonische Bild, mit dem die Ausstellung eröffnet wird, ist „Autobahn“, ein großformatiges Ölgemälde auf Leinwand aus dem Jahr 2020 von einem weiteren Star der deutschen Popszene. Emil Schult, geboren 1946, dieser Schüler von Gerhard Richter, Joseph Beuys und Dieter Roth, war der offizielle Gründer der Band Kraftwerk. Er greift hier das Cover auf, das er 1974 für das erste offizielle Album der Düsseldorfer Band entworfen hatte. Man erinnert sich an den Titelsong des gleichnamigen Albums, an die „Motorik“-Musik, in der man Reifen auf dem Asphalt der Autobahn hört. Dort kreuzen sich ein Käfer und eine Mercedes-Limousine in einer hügeligen Landschaft, hinter der eine strahlende Sonne aufgeht. Ein Flugzeug fliegt hoch am Himmel. Heute, im Rückblick, erinnert man sich an die Freizeit- und Revolutionsgesellschaft der Jahre nach 1968. Auch der Name der Band selbst, Kraftwerk, erinnert an die Kernkraft, die den Strom über die Hochspannungsmasten leitet, die man auf dem Bild sieht…
„I’m not there – The invisible influx of music on art“ ist bemerkenswert inszeniert: Neben „Autobahn“ ist die „Nano-Gitarre“ (2011) von Thomas Scheibitz (geb. 1968) zu sehen. Weiter hinten in der Ausstellung ist „Peace“ (2018) zu sehen. Diese beiden schematischen (oder abstrakten – das Kürzel „peace“ lässt sich hier als Gitarre in einem Kreis lesen) Skulpturen sind eine deutlich erkennbare Hommage an Hardrock und Heavy Metal. Doch Thomas Scheibitz ist, wie der Titel „Nano-Gitarre“ andeutet, auch fasziniert von den hochentwickelten wissenschaftlichen Fortschritten der Nanotechnologie seit Ende der 1990er Jahre. Ein Wechsel des Registers: Die Wissenschaftler verwendeten ein musikalisches Beispiel in Form eines Lasers, der eine Nanogitarre spielt. Selbst Emil Schult wechselt in „Typical Angels“, einem Tintenstrahldruck auf Papier aus dem Jahr 2014, in eine andere Dimension, nämlich die am Computer gezeichnete 3D-Darstellung.
Neben diesen farbenfrohen Werken präsentiert sich hier Radenko Milak, geboren 1980 in Bosnien-Herzegowina, von dem Max Dax sieben Aquarelle auf Papier zeigt, die Musikikonen gewidmet oder von diesen signiert sind. Ihr Bezug zur Politik (Bob Dylan und Barack Obama, Donald Trump und Kanye West, 2022), die ewige Hoffnung auf „Peace and Love“ von Yoko Ono und John Lennon (War is Over). Die Serie „Musical Trascendences“ wurde eigens für die Ausstellung von dem Künstler geschaffen, der so etwas wie das „Baby“ von Max Dax ist. Die Aquarelle von Radenko Milak wirken so klinisch wie eine fotografische Kopie. Madonna küsst darin Britney Spears auf den Mund, und die Band Laibach tritt darin in Nordkorea auf. Die Künstler und ihre Werke sind engagiert: Gleich daneben ist die Bleistiftzeichnung auf Papier von Filip Markiewicz „Copyright Copy“ aus dem Jahr 2015 zu sehen, die auf einem Song von Trent Reznor basiert: „I’m just a copy of a copy of a copy“. Für Markiewicz, dessen Familie als polnische Einwanderer in Luxemburg lebt, veranschaulicht die Frage des Urheberrechts die Erziehung im ehemaligen Ostblock, wo Popmusik und Konsum jenseits des Eisernen Vorhangs als Klassenfeinde galten.
Markiewicz ist im hinteren Raum zu finden, mit einem verblüffend großen Ölgemälde auf Leinwand mit dem Titel „Rehearsal for a still life“. Die farbenfrohen und realistischen Elemente dieser ganz neuen „Skizze“ für ein Stillleben bilden das Gegenstück zu einem Ölgemälde auf Leinwand von Henning Strassburger, „Switchblade/Possible Psycho Surf Songs (Tack XI)“, dem jüngsten Künstler der Gruppenausstellung. Diese beiden Werke stehen unserer Meinung nach am stärksten in Verbindung mit der Geschichte der Malerei: (psychedelische) barocke Madonnen und Vanitas bei Markiewicz, Kandinsky und Klee bei Strassburger, dessen zarte Pinselführung zudem einen Kontrapunkt zur farbenfrohen Ausdruckskraft von Markiewicz bildet.
Die deutlichste Verbindung zwischen Malerei und Musik findet sich in den schwarzen Tasten des Klaviers und dem Metronom in Thomas Scheibitz’ Werken „Klavier“ (2019) und „Track“ (2022). Dabei handelt es sich jedoch um abstrakte Gemälde. Denn hier zeigt sich schließlich eine Art Höhepunkt des freien Ausdrucks, den „The Sound of Silence“ von Simon und Garfunkel am besten zum Ausdruck bringt. Auf den drei sehr großformatigen Werken („Untitled“, „Discovery“, „Lieder in Vakuum“ und „What other people can’t“, 2018) arbeitet der 1982 geborene Max Frintrop mit reinen Blautönen auf Leinwand, unter Verwendung von Tinte, Acrylfarbe und reinen Pigmenten. Gestik und Rhythmus prägen die drei nebeneinander hängenden Werke von Bettina Scholz (geb. 1979). Die sehr großformatigen Werke „Disappearence/Reappearence“, „Firestarter“ und „Qualm“ aus den Jahren 2019, 2020 und 2022, ausgeführt in Acryl und Sprühfarbe auf MDF und Glas, sind ein Werk der reinen Empfindung im Einklang mit der Musik.
I’m not there – Der unsichtbare Einfluss der Musik auf die Kunst,
ist bis zum 4. März in der Galerie Zidoun & Bossuyt, 6 rue Saint-Ulrich, Luxemburg-Grund, zu sehen