Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Strenge der glänzenden Streifen

Das Werk heißt „Ah! Die schönen Italienerinnen“, wenn Daniel Buren auf die Farbpaletten von Ferrari, Maserati usw. zurückgreift…

Erschienen in Ausgabe September 2022
Artikel teilen auf

Nach den Luxemburgern können nun seit vielen Jahren auch Touristen die vielfältigen Landschaften der Altstadt oder der Vororte durch gestreifte, in der Mitte ausgesparte Rahmen entdecken. Kunstliebhaber wissen: Daniel Buren war hier, zum Beispiel in der Rue du Fort Olisy unterhalb des Bock, und man konnte mit Freude feststellen, dass die Streifen neu gestrichen wurden – allerdings gibt es keinen Hinweis auf den Namen des Künstlers und die Entstehungsgeschichte des Werks. Und die Passanten ahnen in diesen Tagen natürlich nicht, dass ganz neue Werke des französischen Künstlers, zwar nicht vor Ort, sondern, wie er sagt, „situiert“, für einige Wochen in einer nomadischen Galerie in Clausen, also nicht weit von dort entfernt, zu sehen sind – im Rahmen eines ersten luxemburgischen Auftritts der Pariser Galerie Faure Beaulieu in der Malt-Innovative Factory.

Daniel Buren bezeichnet als „Ortsspezifische Arbeiten“ jene Werke, die zwar nach festgelegten Regeln entstehen, aber dennoch mobil sind und in unterschiedlichen Kombinationen ausgestellt werden können. Im vorliegenden Fall, bei „Ah ! les belles Italiennes“, handelt es sich um Stahlrohre, die zusammengesetzt und an der Wand befestigt sind und so ein Gemälde oder eher eine Skulptur, wenn man so will, ein Flachrelief bilden. Diese Rohre, die der Breite der Buren-Streifen von 8,7 Zentimetern entsprechen, variieren in ihrer Anzahl – und damit in ihrer Breite – zwischen drei und fünfzehn sowie in ihrer Höhe, wobei sich die Farbe und Weiß abwechseln. So verteilen sich etwa zehn davon in dem schönen und großzügigen Raum der Galerie, der, wie der Name schon andeutet, früher der Produktion eines Stadtviertels diente, das sich in den Händen der Bierbrauer befand.

Regeln, aus denen eine Kunst entsteht, die von Strenge geprägt ist, und Freiheit, aus der sich der Zauber für unsere Augen ergibt. Letzterer rührt nicht nur von der unterschiedlichen Größe der Werke her; unsere Begeisterung ist im Wesentlichen auf die Leuchtkraft der Farben zurückzuführen. Und auch hier hat sich Daniel Buren paradoxerweise Regeln auferlegt (die dann, immer innerhalb eines Systems, diese gewissermaßen dazu bringen, sich zu öffnen, zu entfalten, wie Blumen). Die Frage nach der Herkunft des Ausstellungstitels „Ah ! die schönen Italienerinnen“ wurde bereits weiter oben beantwortet. Denn die Farben stammen aus den Farbkarten italienischer Autohersteller wie Ferrari, Maserati, Lamborghini und Fiat… (Andere Ausstellungen – man kann sie sich leicht mit schönen Deutschen oder Französinnen vorstellen –, wären wohl nicht ganz so schillernd.) Ganz einfach also: Karosserielack, der auf die Vierkantrohre aus Stahl aufgetragen wurde.

Die Regeln, wie immer, oder das System, auch wenn es dem Besucher nicht bewusst ist. Die Werke sind alphabetisch nach ihrem Titel geordnet, der nichts anderes ist als der Name der verwendeten Farbe. Und das beginnt in unserem Fall mit „Blu California“, 266.901, Ferrari-Maserati, und endet mit „Viola Nebula“, 0275, Lamborghini, wobei Buren für die Hängung eine Wand Nummer eins festgelegt hat, an der er das erste Werk platziert, während die anderen von links nach rechts im Anschluss daran aufgehängt werden.

Das führt uns zurück in den Raum der Galerie, dessen Ausdehnung durch Säulen gegliedert wird. Ein schwieriger Raum für eine Gemäldeausstellung, da die Wände ständig durch Türen, Fenster und andere Öffnungen unterbrochen werden – die einen schwarz, die anderen lichtdurchflutet. Daniel Buren hat die Gestaltung so gelungen umgesetzt, dass man meinen könnte, es handele sich um eine In-situ-Arbeit, obwohl er den Ort nicht gesehen hatte und ihm lediglich Pläne, Filme und Fotos zur Verfügung standen. Auf diese Weise wurden starke Akzente und Orientierungspunkte an den Wänden gesetzt, und der Clou liegt in der Höhe der Werke, deren oberer Rand bei allen genau zwei Meter über dem Boden liegt, also in der Mitte der Wand. Unabhängig von der Höhe des jeweiligen Werks selbst gibt es genau zwei, die den Boden zu berühren scheinen, was durch ihre Vertikalität dennoch einen schönen Effekt der Leichtigkeit erzeugt. Und im Übrigen entsteht für das Auge, das entlang der Wand wandert, so etwas wie eine Horizontlinie.

Der Galerist Arnaud Faure Beaulieu macht in Luxemburg mit Buren seinen ersten Schritt außerhalb Frankreichs. Die Dauer der Ausstellung im Malt erweist sich als sehr kurz und ist zudem in ihren Öffnungszeiten eingeschränkt. Wird dieses Experiment mit dieser neuen Form der „nomadischen Galerie“ wiederholt oder sogar fortgesetzt? Das wäre in der einen oder anderen Form wünschenswert; es wäre schade, wenn der Kunst (und welche Möglichkeiten bieten sich da für die Skulptur und die Installation!) dies vorenthalten bliebe.

Die Ausstellung ist bis zum 24. September im Malt, 1, rue de la Tour Jacob, zu sehen (mittwochs bis samstags von 13:30 bis 19:30 Uhr)