Oben auf dem Mönchsberg erinnert ein (alter) Teil mit seinen Mauern, Zinnen und seinem Turm an ein Märchen. Daneben herrscht eher Museumsarchitektur vor: ein mehr oder weniger flaches Gebäude, dessen Etagenaufteilung nicht erkennbar ist, doch schon die Fassade von Lawrence Weiner ist für den Betrachter von unten ein Kunstwerk. Lassen wir das wunderschöne Panorama von der Terrasse einmal beiseite. Das Museum der Moderne wurde 2004 eröffnet; den tiefgreifenden Wandel in der kulturellen Landschaft der Stadt kann man auf die Jahre der Jahrhundertwende zurückführen, in denen die bildende Kunst endlich mit der durch das Festival fest etablierten Musik konkurrieren konnte.
Nichts verdeutlicht diese rasante Entwicklung besser als die Galerie von Thaddeus Ropac: Wie oft waren wir schon in den ersten Stock in der Kaigasse hinaufgestiegen – das Programm war bereits hervorragend, die Räumlichkeiten jedoch sehr beengt. Bis zum Umzug – übrigens bereits dem zweiten – an den Mirabellplatz, und da dieser Elan in Österreich sehr schnell zu eng wurde, ließ sich die Galerie in Paris nieder, im Marais und in Pantin, überquerte den Ärmelkanal nach London und die Meere bis nach Seoul. Adressen, die auf dem Kunstmarkt zählen. Und zum Zeitpunkt des Festivals hat die Ausstellung in der Villa Karst deren Exzellenz nur noch bestätigt, mit Sean Scully und „The Shadow of Figuration“, da der Künstler es ablehnt, allzu streng als abstrakt bezeichnet zu werden. Tatsächlich steht man vor seinen Gemälden wie vor Mauern, die aus Blöcken aus Farbe und Farbfeldern errichtet sind; manchmal verwandelt gerade diese horizontale Ausdehnung sie in Landschaften, in Weiten aus Wasser und Himmel. In erster Linie geht es jedoch um die Pinselstriche oder Pinselzüge – nichts ist lebendiger als diese vibrierenden Flächen, diese Gitterwerke, in denen sie keineswegs gefangen oder eingeschlossen sind.
Von der modernen Klassik (oder umgekehrt) – auch am Mönchsberg – mit den Videos von Bill Viola; die zahlreichen, großzügigen Räume ermöglichen eine schöne Präsentation der Werke (bis zum 30. Oktober). Ob der amerikanische Künstler die Protagonisten nun zum Schutz vor den heranrollenden Wellen zusammenkommen lässt oder sie beispielsweise in einer Art Prozession durch einen Wald ziehen lässt – bei Bill Viola geht es immer um das Feiern. Ein Hauch von Feierlichkeit – das passt, wie man weiß, zu „Tristan und Isolde“, einer Inszenierung, die er im Herbst 2018 an der Bastille mit Peter Sellars realisiert hat und die im Januar und Februar wiederaufgenommen wird.
Ich möchte hier nicht zu einem kompletten Rundgang durch Museen, Galerien und Messen einladen – das Festival zieht Fachleute und Besucher gleichermaßen an. Etwas weniger gilt dies wohl für das Künstlerhaus, den Sitz des Kunstvereins, der per Definition eher der zeitgenössischen Kunst gewidmet ist. In diesem Sommer – und noch eine Woche lang – ist die Französin (die allerdings in New York lebt) Camille Henrot an der Reihe, mit Gemälden und Skulpturen in einer schönen Installation mit dem Titel „Mother Tongue“. Eine Kunst der perfekt beherrschten Kühnheit, die sich auf das Thema der Mutterschaft selbst konzentriert und darüber hinaus – wie es das Wort sowohl im Französischen als auch im Englischen nahelegt – über die Sprache hinausgeht, von den ersten körperlichen Kontakten bis hin zur Sprache als Kommunikationsmittel. In einem auf Deutsch wiedergegebenen Interview spricht die Künstlerin selbst von der „Ambivalenz der Gefühle“, die ihre Gemälde hervorrufen, „sowohl der Entfremdung als auch der Freiheit“. Ihre Qualität liegt gerade in dieser Spannung, in einer ungelösten Dialektik.
Dieser Sommer hatte für den langjährigen Liebhaber österreichischer Kunst einen ganz besonderen Reiz, einen Hauch, einen Anflug von Nostalgie. Zunächst Wilhelm Scherübl im Innenhof der Neuen Residenz: Dort hatte er vor einiger Zeit ein Feld mit 365 Sonnenblumen in Töpfen angelegt und sie zwischen Mai und Oktober 2014 wachsen lassen; heute ist die Sonnenblume immer noch präsent, wenn auch sparsamer, verbunden mit Oikos, einem langgestreckten Holzgebäude griechischen Ursprungs, das die Bewohner einbezieht und – so könnte man sagen – im Ideal dem indonesischen Lumbung nahekommt.
Als Nächstes die Fotografin Elfie Semotan, im Fotohof mit „All Personal“, einer äußerst fesselnden Auswahl aus ihrem Archiv, mit den Männern, die sie in ihrem Leben als Frau kennengelernt hat, wie die Maler Kocherscheidt und Kippenberger, sowie mit ihrem Rückzugsort in Jennersdorf, ganz in der Nähe der fast schon heiligen Anlage von Walter Pichler. Und schließlich „Die Damen“, eine Gruppe von vier feministischen Künstlerinnen (von denen eine nach ihrem Tod durch Lawrence Weiner ersetzt wurde). Ach, ihre Aktionen in den 1980er- und 1990er-Jahren – deren Humor und Ironie, die so beißend und unwiderstehlich waren, haben wir nie wiedergefunden. Eine Erinnerung kommt mir in den Sinn, die bei jedem Aufenthalt in Venedig wieder lebendig wird: Es war 1993, ihr Name stand mit Kreide auf dem Markusplatz geschrieben; sie streuten dort Vogelfutter aus, woraufhin sich die Vögel natürlich in einem turbulenten Schwarm darauf stürzten. Gleichzeitig verteilten sie kleine Tütchen, auf deren einer Seite ein Totenkopf und auf der anderen eine Taube als Symbol des Friedens abgebildet war – „eine Botschaft zwischen Gut und Böse“.