Eine radikalere Veränderung gibt es in keiner Hinsicht. Nach der vorbildlichen Renovierung – über die Kosten wollen wir nicht sprechen, solange das Geld da ist – der Bourse du Commerce folgt nun der Kokon aus Rohbeton des Palais de Tokyo. Das ist mal etwas anderes als der filigrane Beton des Zylinders von Tadao Ando; Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal waren vor etwa zwanzig Jahren an der Avenue du Président-Wilson ganz anders vorgegangen: vor etwa zwanzig Jahren: eine Entblößung des 1937 für die Weltausstellung errichteten Gebäudes; man könnte es eher als architektonische Brachfläche im Art-déco-Stil bezeichnen als als Kokon, denn die französischen Architekten haben den Ort maximal geöffnet, Raum und Weite geschaffen. Doch beide – sowohl der japanische Architekt als auch das französische Architekturbüro – wurden mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, der erste bereits 1995, Lacaton & Vassal im vergangenen März.
Soviel zu den Behältern und ihren Schöpfern. Auf der einen Seite ein Schmuckkästchen, auf der anderen eine Weite – Räume, die alle möglichen Optionen bieten, wie es sich gehört, wenn es darum geht, Disziplinen in ihrer ganzen Vielfalt und Verschiedenartigkeit zusammenzubringen und miteinander zu vermischen. Was den Inhalt betrifft, so geht es einerseits um die Präsentation von Stücken einer Sammlung, von Familienschmuck ; andererseits um die Freiheit, einem Künstler – in diesem Fall der Deutschen Anne Imhof – freie Hand zu lassen. Einige Jahre nach Tino Sehgal konnte man ihnen vertrauen – nach ihrem Goldenen Löwen in Venedig, für Sehgal war das 2013, für Imhof 2017 –, für Performances, von denen die eine eher zurückhaltend, man könnte sagen, maieutisch in der ständigen Einbeziehung der Besucher, die andere, Imhof im Geiste von Faust, mit ihren Bestrebungen und Ambitionen, radikaler, aber auch barocker. Die junge Frau reihte sich damit in die in ihrem Land so tief verwurzelte Tradition des Gesamtkunstwerks ein.
Ihre Übernahme des Palais de Tokyo lässt sich nicht auf dieselbe Weise beschreiben. Zumindest vorerst, denn die Ausstellung wird im Oktober (vor ihrem Ende) zweifellos ein ganz anderes Gesicht annehmen – mit verschiedenen Aktionen, wobei die Künstlerin selbst unter anderem gerne einen Totentanz und eine Prozession in die Kellerräume des Palais sieht. Zwar folgt das Gesamtkunstwerk normalerweise einem Gesamtplan und ist um ein Konzept herum organisiert, doch hier trägt es zwar den Titel „Stillleben“, ist aber eher im Sinne des englischen Begriffs zu verstehen. Er lässt sich jedoch auch mit der Idee der Eitelkeit in Verbindung bringen; jedenfalls evoziert Anne Imhof mit ihrer Truppe eine ausgewählte Familie, also Wahlverwandtschaften – sie alle haben begonnen, den Puls der Welt und der Zeit, in der wir leben, zu fühlen.
Auch wenn Stimmen wie verlassen durch die Mauern hallen – um der Sängerin Eliza Douglas wirklich zuzuhören, ja, der Musik im weiteren Sinne, muss man sich das für später aufheben. Man muss sich mit einem schönen, großformatigen Video begnügen. Und sich dann in eine Art Labyrinth begeben, das mal in breitere Durchgänge und Alleen mit klarer Abgrenzung mündet, mal dazu einlädt, Ecken und Winkel zu erkunden, um anschließend in noch verstecktere Bereiche hinabzusteigen. Anne Imhof betont ihre Rolle als Malerin: Sie hat den gesamten Raum des Palastes gemalt, in Malerei umgesetzt. Anstatt von Zersplitterung zu sprechen, könnte man sagen, dass der Besucher von einem Ende zum anderen Strahlungen ausgesetzt ist.
Das wird besonders deutlich bei dem Werk, das einem Museumsraum am nächsten kommt: Sigmar Polkes Zyklus „Axial Age“, dessen Tafeln anlässlich der Biennale von Venedig 2007 entstanden sind und seitdem Teil der Pinault-Sammlung sind. Der gleiche Effekt zeigt sich bei dem erhabenen Gemälde von Cy Twombly, doch Anne Imhof hat ihm ein Objekt gegenübergestellt – eine Skulptur, eine Plattform, die an ein Sprungbrett erinnert, es sei denn, man nutzt sie zum Ausruhen. Man meditiert vor dem Gemälde oder taucht in es ein. Die Ausstellung umfasst Werke von etwa dreißig Künstlern, von Géricault bis zu unseren Zeitgenossen, gemischt mit den Arbeiten von Anne Imhof selbst.
Anne Imhof, die erst spät zur Kunst fand und erst im Alter von 28 Jahren an der Städelschule begann, hat seitdem die bedeutendsten und aussagekräftigsten Orte der aktuellen Kunstszene erobert, angefangen beim Portikus in Frankfurt bis hin zum Hamburger Bahnhof in Berlin. Eine queere Person – so bezeichnet sie sich selbst –, eine Künstlerin, die in ihrer Kunst ihren eigenen Weg geht und ihren Blick scharf und ohne Nachsicht auf ihre Umgebung richtet, wobei es ihr nicht zuletzt zu verdanken ist, dass sie sich in ihrer Arbeit auf das edelste und anspruchsvollste Erbe stützt.