Die Konschhal Esch ist ein sehr großer Raum. Fast schon museal wirkt sie, wenn dort – wie derzeit – 70 Werke von Titus Schade ausgestellt sind, einem 1986 geborenen Maler der Neuen Leipziger Schule, der bei Neo Rauch studiert hat. „Tektonik“ lautet der Titel der Ausstellung, in der immer wieder volkstümliche Motive der Vergangenheit aufgegriffen werden – hier Fachwerkhäuser und Windmühlen. Schade folgt zwar dem figurativen Stil seines „Meisters“, doch im Falle von Rauch handelte es sich um eine Malerei mit Botschaft, um die Zensur zu umgehen.
Diese Ausstellung kann einen in ihren Bann ziehen, denn sie wird viele Besucher an die Modelleisenbahnen und Puppenhäuser erinnern, mit denen sie als Kinder gespielt haben. Die Exponate sind übrigens in Rosatönen auf Regalen angeordnet – Windmühlen, Häuser mit Giebelfassaden, Türmchen oder große Bauernhöfe. Durch zwei rautenförmige Ausschnitte in der Wand kann man sogar ein Modell aus diesen typischen Materialien erkennen. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei den Gebäuden hier jedoch um Wolkenkratzer und nicht um Miniaturhäuschen. Das ist überraschend, denn hier sieht man die einzigen zeitgenössischen architektonischen Ausdrucksformen der Ausstellung.
Reißt uns Schade damit aus unseren regressiven Träumen ? Die etwas älteren Besucher werden unweigerlich an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts denken müssen: das Dritte Reich und anschließend die Zeit der DDR. Man verlässt die Ausstellung dann mit einem Gefühl des Unbehagens. Falsch historisch, charakteristisch für die Neue Leipziger Schule – Neo Rauch erhielt seine Ausbildung in der ehemaligen DDR. Man kann sich jedoch fragen, warum Titus Schade, der zwar sein Schüler war, aber erst knapp drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer geboren wurde, sich noch „realistischer“ an volkstümliche Elemente der Vergangenheit hält.
Seine Technik zeugt zweifellos von großem Talent. Man könnte René Magritte oder Edward Hopper erwähnen. Denn seine Werke haben etwas Statisches, etwas in der Zeit Festgehaltenes, zumal es keine Figuren und keine Lebenszeichen gibt, abgesehen von vereinzelten Gegenständen im Schaufenster eines Ladens und einer Innenraumszene. Ein Krug, ein paar Früchte, ein an der Wand hängendes Gemälde. In der Serie der Acrylbilder auf Holz aus dem Jahr 2023 greift Titus Schade seine wiederkehrenden Motive auf, diesmal jedoch in Anlehnung an die blau-weißen Delfter Kachelmotive.
Wir wollen eine ganz persönliche Erklärung für das fast ständige Vorkommen dessen wagen, was ein Lieblingsmotiv zu sein scheint – sei es in den neuesten oder in den älteren Gemälden: eine Windmühle, die übrigens in der Ausstellung in Form eines riesigen Modells zu sehen ist. War Rembrandt nicht der Sohn eines Müllers? Hieß sein Sohn nicht Titus? Woher rührt also die aktuelle Hinwendung zu einem typisch holländischen Motiv? Tektonik… Zugegeben, es gibt einige Erdrutsche, einige Felsen, einen ausbrechenden Vulkan. Ist es der Fall von Asche aus dieser Wolke, der den meisten Gemälden ihre grauen, braunen und glühend gelben Farbtöne verleiht?
In Schades Gemälden tauchen auch Kreuze auf, die durch die stillstehenden Flügel der Windmühlen gezeichnet werden, sowie weitere Symbole, die man als Zeichen einer Katastrophe deuten könnte: rauchende Scheiterhaufen, Kerzen auf einer Türschwelle. Man könnte meinen, das Geisterschiff von Nosferatu sei gelandet und seine Ratten hätten in diesen mittelalterlichen Ortschaften die Pest verbreitet. Die klügsten Besucher werden denken, dass diese Zeichen des Fluchs in unserer Zeit wieder aufgetaucht sind – jene, die die Demokratie heimtückisch untergraben. Spielt Schade hier auch direkt auf den russischen Angriff auf die Ukraine an? Panzer oder Militärturme könnten diesen Eindruck erwecken. Leider stammt dieses Gemälde aus dem Jahr 2010, also aus den Anfängen seiner Karriere.
Tektonik… Uns schien es, als würde dieser Begriff, der aus der Geologie und der Bewegung der Erdplatten entlehnt ist, entgegen seiner eigentlichen Bedeutung verwendet: Denn abgesehen davon, dass Schades Städte Theaterkulissen ähneln, befinden sich viele seiner Gebäude über dem Boden. Entweder stehen sie auf einem Möbelstück oder auf Regalböden, die übrigens zusammenbrechen und das Gemälde selbst in den Abgrund reißen. Es fällt in der Tat schwer, sich die unendliche Wiederholung derselben Motive in der Zukunft vorzustellen. Zwar haben Maler ihr ganzes Leben lang dasselbe Motiv variiert (Buren, Soulages). Doch dabei geht es darum, ein Thema in seinen unendlichen Variationen bis zum Äußersten auszuschöpfen.
Man kann sich denselben Prozess in der mittelalterlichen Welt von Schade kaum vorstellen, auch wenn sie mit Elementen aus anderen historischen Epochen konfrontiert oder verbunden ist, die unserer Zeit immer näher kommen: bäuerliche Architektur (eine Scheune), Industriearchitektur (eine Fabrik), Wohnarchitektur (ein modernistisches Mehrfamilienhaus) oder sogar den schlichten Stil des Bauhauses.
Christian Mosar, Leiter der Einrichtung und Kurator der Ausstellung, der normalerweise „avantgardistische“ Künstler fördert und einst ein gefürchteter Kunstkritiker war, zeigt hier eine Malerei im klassischen Stil, wenn auch mit einigen surrealistischen, fantastischen Elementen im Sinne des englischen Begriffs „Fantasy“. Allein die Ästhetik dürfte gefallen, und das stört uns.
„Tektonik“ von Titus Schade ist noch bis zum 1. September
in der Konschthal in Esch zu sehen