Die erste Ausstellung, „The River Always Flows“, ist eine Ode an die Sauer, geschaffen von einer Einheimischen. Die Fotografin und Filmemacherin Annick Wolfers lebt am Ufer eines weitaus imposanteren Flusses: der Themse in London. Doch paradoxerweise hat sie gerade die Wellen und Strömungen des Flusses ihrer Kindheit fotografiert – und zwar anlässlich eines traurigen Ereignisses: Das Elternhaus musste geräumt werden. Annick Wolfers hat dieses Interieur und die Menschen, die mit gepackten Kartons ihre Erinnerungen mitnehmen, zurückhaltend fotografiert. Im Gegensatz dazu symbolisiert der Fluss der Sauer, der – wie der Titel sagt – floss, fließt und noch lange fließen wird, den Strudel des Lebens, auch wenn die Nachkommen heute oft verstreut sind.
Weit entfernt vom ursprünglichen Ufer, vom hohen Gras am Ufer der Sauer und von den Algen, die an den Steinen am Grund haften, von den Baumwurzeln, die ins Wasser tauchen, um dort ihren Saft zu schöpfen. Annick Wolfers hat bewusst nur das Spiegelbild dieser Welt eingefangen, die ihr als Kind vertraut war – auf und unter Wasser. Es ist ein recht komplexes Spiegelbild von Erinnerungen, das schwer zu entschlüsseln ist. Nur der Effekt eines auf die Wasseroberfläche gekehrten Himmelsgewölbes ist eine recht einfache und poetische Anspielung auf die nahen und mittlerweile fernen Familienkonstellationen von Clervaux. Vielleicht hat die Technik Annick Wolfers zu weit vom Sinnlichen entfernt.
Für die andere Ausstellung hat das Centre national de l’audiovisuel der Cité de l’image den Saal des Brahaus mit seinen gotischen Gewölben zur Verfügung gestellt, der bis in die Neuzeit hinein das Wohnzimmer einer Familie aus Clervaux war. Im Frühjahr werden wir auf den Rundgang mit den Fotografien im Freien zurückkommen, doch für die kalte Jahreszeit hat die Gemeinde das ehemalige Fremdenverkehrsamt in einen Ausstellungsraum umgewandelt. Ein zwar bescheidener Raum, in dem regelmäßig Fotografien ausgestellt werden – bei einer Temperatur, die der Strenge des Winters in den Ardennen trotzt.
Das Werk von Nico Patz trägt den Titel „Cliärrwer Saiten, Cliärrwer Zeiten“. Es handelt sich, um es ganz klar zu sagen, um eine Erinnerungsarbeit über Clervaux und die öffentlichen Gebäude, die die Bevölkerung zusammenbrachten. Diese Zeit liegt übrigens noch gar nicht so lange zurück, als die Einheimischen von Clervaux, die noch immer dort leben, in der Entbindungsstation der Clinique Saint-François zur Welt kamen.
Es ist das erste Gebäude, das die Besucher von „Cliärrwer Saiten, Cliärrwer Zeiten“ empfängt. Daneben befindet sich eine Tafel, auf der das Baujahr, die Funktion und das Jahr des Abrisses angegeben sind. Die 1910 errichtete Klinik der Franziskanerinnen, die zur Behandlung von Tuberkulosekranken diente, wurde später zum Allgemeinkrankenhaus und auch zur Entbindungsklinik. Nico Patz ist zudem Initiator einer Sammelaktion, bei der für jede Serie ein privates Foto gesammelt wird. Die Verbundenheit der Einwohner von Clervaux kommt in den sechs vorgestellten Serien umso stärker zum Ausdruck.
Der mittlerweile pensionierte Zahnarzt und waschechte Cliärrwer fotografiert seit 2008 – zu einem Zeitpunkt, als über den Abriss oder die Stilllegung dieser Orte entschieden wurde – jene Orte, die einst Teil des öffentlichen Lebens waren. Mit Ausnahme des Hôtel du Parc, das in Privatbesitz übergegangen ist, der Post, des städtischen Schwimmbads, des Festsaals der Grundschule, eines Industrieunternehmens und der Klinik. Orte wesentlicher öffentlicher Dienstleistungen, deren Verschwinden das Zusammenleben und das Bild von Clervaux verändert, das sich nun auf Edward Steichens „Family of Man“ und den Willen konzentriert, die „Cité de l’Image“ zu einem neuen Schwerpunkt der kulturellen Dezentralisierung Luxemburgs zu machen.
Die architektonische und soziologische Reportage von Nico Patz könnte jene Gemeinden kritisieren, die die Bedeutung des täglichen Zusammenlebens der Einwohner außer Acht lassen. Aber seien wir ehrlich: Diese Gebäude sind nicht immer architektonische „Perlen“ (mit Ausnahme des Schwimmbads und der Holzvertäfelungen in der Sommerresidenz des Grundherrn, dem Hôtel du Parc). Ihre Sanierung, und sei es nur im Hinblick auf technische Anpassungen, wäre mit exorbitanten Kosten verbunden.
Die stets frontal aufgenommenen Fotografien von Nico Patz bilden eine Reportage von kulturellem, architektonischem und soziologischem Wert. Zur Objektivität der Bildkomposition gesellt sich die Sensibilität des „Einheimischen“, der diese Orte bestens kannte. Der Besucher spürt, so wie es einst die Patienten taten, die Sanftheit der bunten Buntglasfenster. Man fragt sich, was allgemein in Luxemburg aus den Fliesen geworden ist, die einst den Boden öffentlicher Räume und die Flure der Häuser schmückten? Das Geländer der schmiedeeisernen Treppe zeugt – auch wenn es sicherlich nicht den heutigen Normen für Barrierefreiheit entsprechen würde – von einem weit verbreiteten Handwerksberuf, von dem es heute nur noch wenige Vertreter gibt.
Léon Braconnier lässt im Katalogtext, dessen Layout ebenso schlicht ist wie der Bericht von Nico Patz, spüren, dass die Fotografien, die stillgelegten Maschinen der Fabrik Tramway Tramrail International (CTi) noch immer nach Motoröl und dem Staub des geschnittenen Metalls riechen. An dieser Stelle steht nun das Gymnasium, das noch erweitert werden soll – ein Beweis für die neue Vitalität eines Kantons mit wachsender Bevölkerung.
Die gelbe Farbe der Post, typisch für die „Plastikjahre“, und ihre Zwischendecken aus Gittergewebe sprechen für sich. Die 1970er-Jahre waren nicht gerade von bestem Geschmack, aber die Post, ihre Schalter und die Briefe, die man unter der Glasscheibe der Postbeamtin hindurchschob – oft begleitet von einem kleinen Plausch –, gehörten zum Leben dazu. Ist es übrigens das Revival der modernistischen Architektur, das das Schwimmbad mit seinen Fassaden aus Glaslamellen und seinem wellenförmigen Gewölbe so attraktiv macht?
Das Werk von Nico Patz ist zweifellos nostalgisch: Man meint fast, das Echo der Kinderstimmen zu hören, und die feuchte Hitze lässt die Wände der Umkleideräume beschlagen. „Cliärrwer Saiten, Clärwer Zeiten“ ist insofern zeitgemäß, als es eine Realität beschreibt, die zu Recht betrauert wird.
Die Ausstellungen „The River Always Flows“ und „Cliärrwer Saiten, Cliärrwer Zeiten“ sind noch bis zum 20. Dezember im Maison de la culture und im Brahaus in Clervaux zu sehen