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Bildende Kunst 7 Min. Lesezeit

Orte des Widerstands

In einer Zeit, in der die Generation Z mit den Augen auf Bildschirme geheftet aufgewachsen ist, muss man sich dringend fragen, was für junge Menschen noch von der physischen Begegnung, von der sinnlichen und…

Erschienen in Ausgabe Oktober 2025
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In einer Zeit, in der die Generation Z mit den Augen auf Bildschirme geheftet aufgewachsen ist, muss man sich dringend fragen, was für junge Menschen noch von der physischen Begegnung, von der sinnlichen und körperlichen Erfahrung der Welt übrig bleibt. Ich spreche hier von denjenigen, mit denen ich im Rahmen meiner Lehrtätigkeit zu tun habe und die zwischen 13 und 22 Jahre alt sind.

Wir alle haben eine physische Identität, die durch einen Personalausweis oder einen Reisepass bescheinigt, aber auch durch Regeln, Rechte und Pflichten definiert wird; doch wir verfügen zudem über vielfältige digitale Identitäten auf jeder Plattform und in jedem sozialen Netzwerk – Identitäten, die ebenfalls im Rahmen der gesellschaftlichen Grenzen berücksichtigt werden müssen. Die digitale Realität hat sich als vorherrschender Horizont durchgesetzt. Soziale Netzwerke, der Strom von Bildern, Informationen und vor allem Meinungen und Standpunkte – alles durcheinander – ziehen endlos und ungefiltert an uns vorbei. Sie werden von Algorithmen gesteuert, die nicht dazu da sind, das Wohlergehen junger Menschen zu gewährleisten, sondern um Gewinn zu generieren. Eine Realität, die nicht mehr zum Sehen oder Nachdenken einlädt, sondern zum Konsumieren – in einer pawlowschen Logik, die von einer fast vollständigen Vorhersehbarkeit unseres Konsums und unserer Ideen diktiert wird. Dies erläuterten der Schauspieler Sacha Baron Cohen in seiner sehr prägnanten Rede vor der Versammlung der ADL1 und Shoshana Zuboff in ihrem Buch mit dem Titel „The Age of Surveillance Capitalism“. Die Soziologin wies darin darauf hin, dass soziale Netzwerke nicht bloß Orte des Austauschs sind: Sie sind Maschinen, die unsere Daten erfassen, unsere Aufmerksamkeit zu Geld machen und unser Verhalten vorhersagen. Nicht nur unser Konsum wird gesteuert, sondern auch unsere Ideen, unser Verhältnis zur Welt und zu uns selbst. Insbesondere Jugendliche sind dafür ideale Zielgruppen: Ihre noch zerbrechliche Vorstellungswelt wird von Bildern kolonisiert, die ihnen nicht gehören, sowie von wirtschaftlichen Logiken, die ihr Verlangen nach Anerkennung ausnutzen.

In diesem Zusammenhang erhält das Lesen oder der Besuch eines Museums mit Jugendlichen eine neue kulturelle Bedeutung. Es ist nicht mehr nur ein Moment der künstlerischen Bildung, sondern eine Geste des Widerstands in der physischen Realität. Ein Museum zu betreten bedeutet, den Vorrang eines greifbaren Raums zu bekräftigen – eines Körpers, der geht, der schaut, der atmet und sich mit einem Kunstwerk auseinandersetzt; ein Echo der komplexen Realität der Welt. Es bedeutet, für einen Moment dem Einfluss des digitalen Stroms zu entfliehen, um wieder Anschluss an eine langsamere Zeit zu finden, an eine verkörperte und menschliche Erfahrung. Das gilt zwar für jeden Ausflug, doch ein Museum bleibt ein besonderer Ort.

Asma Mhalla geht in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Cyberpunk2“ noch einen Schritt weiter und beschreibt, wie die Vereinigten Staaten, aber auch Europa unter dem Einfluss der großen Tech-Konzerne und ihrer Vertreter, die libertären Ideologien folgen, neu gestaltet oder umprogrammiert werden. Sie zeigt, dass sich hinter dem pseudo-progressiven Fassade der Plattformen ein ideologisches Projekt verbirgt: unsere Gesellschaften in permanente Märkte zu verwandeln, in denen jede menschliche Interaktion zu verwertbaren Daten wird. Dies führt zu einer Schwächung der Demokratie, der Sozialität und des kritischen Denkens, also der kognitiven Fähigkeiten.

Die Entfremdung ist zweifach: zum einen wirtschaftlich, da unsere Aufmerksamkeit und unsere Wünsche zu Produkten multinationaler Konzerne werden; zum anderen aber auch existenziell, denn die Erfahrung der Realität, ebenso wie die der Geselligkeit, wird nach und nach durch eine mediatisierte, vorgefertigte Erfahrung ersetzt. Auch Museen sind vor dieser Entfremdung nicht gefeit; auch dort wird die Geselligkeit allzu oft durch standardisierte, „instagrammable“ Abendveranstaltungen ersetzt. Die Eventkultur ist ein Spiegelbild der digitalen Realität, in der die Illusion echter menschlicher Begegnungen vermittelt wird, die jedoch die Abschottung noch weiter fördert. Diese gesamte Eventkultur hat die Geselligkeit, den Austausch und die Auseinandersetzung mit der Kunst verdrängt, auch beim erwachsenen Publikum.

Die Sozialisierung junger Menschen spielt sich mittlerweile auf Instagram, TikTok, Snapchat und anderen Plattformen ab: Ihre Identität wird durch gefilterte Bilder und den ständigen Druck der Blicke anderer geprägt, wobei es kaum Moderation oder Kontrolle gibt. Wo die Jugend eigentlich eine Zeit der Persönlichkeitsentwicklung sein sollte, der Selbstfindung durch Experimente und den direkten Umgang mit anderen, wird sie zu einem Ort der Angst, des Vergleichens und der Abhängigkeit von digitaler Bestätigung. Jugendliche wissen nicht mehr, woran sie sich in der realen Welt orientieren sollen. Ein geführter Museumsbesuch hingegen vermittelt Jugendlichen und ihren Begleitern Regeln und eine andere, komplexere Art, die Realität zu verstehen – durch künstlerische Darstellungen und Erinnerungskultur, manchmal unter Einsatz technologischer Hilfsmittel oder sogar künstlicher Intelligenz. Die „Realität“ der sozialen Netzwerke, die der Binarität der digitalen Sprache nachempfunden ist, vereinfacht die Realität und lässt sowohl komplexes Denken als auch Empathie nach und nach verschwinden.

In diesem Alter wird der Kontakt mit der greifbaren Realität einer gemeinsamen und komplexen Welt entscheidend. Das Museum kann zu einem Gegenraum werden oder wieder zu einem solchen werden. Der Museumsbesuch gewinnt wieder entscheidende Bedeutung. Ein Museum ist kein Strom: Es ist ein bewusst langsamer, oft stiller Raum, in dem man sich in Zeit und Raum bewegt. Vor einem Kunstwerk entdeckt der Jugendliche sich selbst als freien Betrachter, ohne dass ihm ein Algorithmus vorschreibt, was er sehen soll. Er erlebt eine Form der Präsenz gegenüber sich selbst und der Welt, die sich nicht auf Daten reduzieren lässt.

Museen müssen daher Orte der Reibung sein: Die Werke leisten Widerstand, sie erfordern Zeit, sie geben sich nicht auf Anhieb preis. Sie verlangen Anstrengung, eine innere Umstellung, manchmal sogar Unbehagen. Diese Anstrengung steht im krassen Gegensatz zur Bildschirmkultur, die die sofortige Befriedigung in den Vordergrund stellt. Das Museumserlebnis ist daher zutiefst prägend: Es lehrt uns neu, hinzuschauen, zuzuhören und uns überraschen zu lassen. Die Kunst wird in ihrer materiellen Verankerung zu einem Symbol des Widerstands. Es geht nicht nur um Ästhetik: Es geht darum, wieder zu lernen, sich mit der Andersartigkeit eines Kunstwerks und damit auch mit einem anderen Menschen an einem Ort auseinanderzusetzen, der dieser Reibung gewidmet ist.

Als öffentliche Einrichtung hat das Museum eine politische und kollektive Dimension. Während digitale Plattformen gewinnorientiert sind, muss das Museum weiterhin einem kulturellen und pädagogischen Auftrag folgen: Es wirkt zum Wohle der Allgemeinheit. Das Museum oder das Kunstzentrum versucht nicht, Aufmerksamkeit zu erregen, um sie gewinnbringend zu vermarkten, sondern den Blick zu schärfen, die Vorstellungskraft zu bereichern und ein kollektives Gedächtnis aufzubauen.

Jugendliche ins Museum mitzunehmen, bedeutet, sie daran zu erinnern, dass es nichtkommerzielle Orte gibt, Räume der symbolischen Kostenfreiheit (der Eintritt in Museen in Luxemburg ist für Schulklassen und begleitende Lehrkräfte kostenlos), an denen man sich noch als Bürger und vor allem als Subjekt seines eigenen Lebens bilden kann. Auf diese Weise bietet man jungen Menschen ein Gegenmodell.

In einer Gesellschaft, die von Bildern und ungeprüften Informationsströmen überflutet ist, die sogar unsere Gedanken beeinflussen, ist es fast schon ein politischer Akt, Jugendliche ins Museum mitzunehmen. Man bietet ihnen damit symbolische und sinnliche Orientierungspunkte. Man ermöglicht ihnen, eine Beziehung zur Welt zu erleben, die nicht über die Schnittstelle eines Bildschirms verläuft, sondern durch die direkte Begegnung mit einem Kunstwerk, einem Raum, einer anderen Sichtweise. Asma Mhalla erinnert daran, dass der Schlüssel zum Widerstand in einfachen Gesten liegt: im Treffen mit Freunden, im Austausch von Gesprächen offline und in der Kunst als gemeinsames Erlebnis.

In einer Zeit, in der alles darauf ausgerichtet zu sein scheint, unsere Aufmerksamkeit – insbesondere die der Jugendlichen – auf sich zu ziehen und abzulenken, wird das Museum wieder zu einem Zufluchtsort. Es ist ein zerbrechlicher, aber unverzichtbarer Ort. Junge Menschen ins Museum mitzunehmen (aber auch ins Kino, ins Theater, ja sogar ins Stadion oder auf eine Klassenfahrt – der Grundgedanke bleibt derselbe) ist keine außerschulische Aktivität, sondern ist zu einer kulturellen und politischen Notwendigkeit geworden. Es ist vielleicht eines der wenigen Gegenmittel gegen eine überreizte Welt, die uns nach und nach unserer gemeinsamen Menschlichkeit zu berauben droht.