Eine Künstlerin, die zum ersten Mal in den „Deux galeries de la Ville de Dudelange“ ausstellt, erhält automatisch den Raum „Dominique Lang“ im ehemaligen Bahnhof an der Haltestelle „Dudelange Ville“. Dort erwartet den Besucher eine große Überraschung: die starke Ausdruckskraft und die farbenfrohe, ganz persönliche Welt der Künstlerin, die sich auf ihrer Website selbst als „Malerin“ bezeichnet: Golnaz Afraz.
Es ist nicht bekannt, wo Marlène Kreins, die Leiterin der Kulturabteilung der Stadt Dudelange, die Werke von Golnaz Afraz, die 1981 in Teheran geboren wurde, kennengelernt hat. Man nimmt an, dass dies im vergangenen Jahr geschah, nachdem Golnaz Afraz den Preis der Villa Seurat Foundation erhalten hatte. Oder vielleicht auf der Website von Saatchiart, der berühmten Londoner Galerie, die sich seit 2019 zu einer Online-Plattform entwickelt hat, die sich auf die Entdeckung neuer Künstler spezialisiert hat? Golnaz Afraz gewann 2015 den Saatchi Art Showdown-Preis, dessen Thema in jenem Jahr „Painted World“ lautete.
Eine gemalte Welt. Oder von Gemälden. Besser lässt sich die Bildwelt jener Künstlerin nicht zusammenfassen, die ab 2007 in Teheran Malerei studierte und dort auch ausstellte – eine Tatsache, die angesichts des Schicksals der Frauen im Land der Mullahs, das Marjane Satrapi in ihren Comics so eindrücklich geschildert hat, durchaus erstaunlich ist. Ab 2011 studierte sie dann in Straßburg, wo sie heute lebt. In den großen Räumen im Erdgeschoss der Galerie Dominique Lang hängen großformatige Gemälde, darunter „Last Woman“, „Die letzte Frau“, das der Ausstellung auch ihren Gesamttitel gibt.
Dieses große Gemälde – Golnaz Afraz malt alle ihre Werke mit Gouache und Acryl – ist einfach an die Wand geheftet, genau wie „Green Lemon“. Dadurch erhalten sie eine gewisse Leichtigkeit, die unserer Meinung nach besser zum allgemeinen Geist des geschmeidigen Strichs der Künstlerin und ihrer ebenfalls bewegten Welten passt als die auf Keilrahmen gespannten Werke. Die Atmosphäre wird meist durch den natürlichen Außenraum bestimmt, mit Ausnahme beispielsweise der Innenraumszene „Party Time“. Der Blickwinkel des Künstlers ist dort weit genug von den Figuren entfernt, sodass man die Bewegung der Feier spürt, während die Figuren ansonsten durchweg frontal oder frontal und im Profil dargestellt sind, unbeweglich, mit erstarrten Zügen, manchmal mit geschlossenen Augen wie Statuen, Totems…
Es handelt sich überwiegend um Frauen, deren mit Lorbeerkränzen geschmückte Haare sich in der übrigen Vegetation des Gemäldes verlieren. Sie wirken hieratisch und tragen manchmal fein gezeichnete Kragen, die an Stickereien erinnern. Rätselhaft – man weiß nicht, ob sie von einer paradiesischen Welt träumen, sich an gestern erinnern oder sich in die Zukunft versetzen, wie in dem Porträt „Futur“, in dem das Gesicht mit den von Blumen verdeckten Augen einen Astronautenhelm trägt.
Im Obergeschoss sind weitere Porträts zu sehen, darunter „Son regard“, dessen Blick den Betrachter direkt in die Augen durchdringt. Ansonsten tauchen immer wieder bestimmte Motive auf – Früchte, ein Boot –, manchmal ist ein Teil des Bildes unvollendet, oder am Rand ist eine zweite Komposition platziert. Und dann immer wieder diese knalligen Farben. Man kommt nicht umhin, an Strömungen der Kunstgeschichte zu denken – und das ist ein Kompliment –, die übrigens gegensätzlich sind: deutscher Expressionismus, französischer Impressionismus, angelsächsischer Hyperrealismus.
Auch wenn es sich ganz offensichtlich um ein Werk handelt, das etwas Persönliches erzählt, kann man darin – wie im Gemälde „Bages“, das unweigerlich an Monets Garten in Giverny erinnert – auch das Storyboard einer Zukunftsvision sehen. Denn ganz offensichtlich ist auch die ökologische Sorge Teil des Werks, das Golnaz Afraz malt. Wie die rote Farbe des Feuers im Wald im Hintergrund von „Cold Fire“. Es würde nicht überraschen, wenn diese Wahlstrasbourgerin, deren Lebenslauf eine internationale Karriere offenbart, die sich jedoch seit einiger Zeit eher auf Frankreich zu beschränken scheint, bald in Luxemburg wieder zu sehen wäre.
Golnaz Afraz – „Dernière femme“ ist noch bis zum 16. Juni in der Galerie Dominique Lang in Dudelange zu sehen