Auch auf die Gefahr hin, durch Wiederholungen zu langweilen: Die Räume des Wandhaff, der Galerie Ceysson&Bénétière sind so gestaltet, dass man sich leicht vorstellen kann, wie drei Kamele, die in einer Ecke zusammengedrängt stehen, plötzlich aufstehen und vorwärtsgehen – ausgestopfte Tiere, Skulpturen aus verschiedenen Materialien. Es war das Werk „Camel“, das 1968 in New York ausgestellt wurde und die Aufmerksamkeit auf Nancy Graves lenkte. Natürlich gibt es im Wandhaff keine Kamele, ebenso wenig wie die darauf folgenden Assemblagen aus Knochen und Körperfragmenten. Dennoch führt uns die Ausstellung weit zurück, in die frühen 1970er Jahre, als Nancy Graves zweimal, 1972 und 1977, an der Documenta teilnahm und 1980 in Venedig im amerikanischen Pavillon vertreten war, der damals einer Gemeinschaftsausstellung gewidmet war. Als alleinige Frau waren die Zeiten dafür noch nicht reif; das Milieu blieb lange Zeit männlich dominiert.
Heute würdigen die Galerie Ceysson&Bénétière und die Nancy Graves Foundation unter optimalen, musealen Bedingungen ein Werk (wieder) bekannt, das nur wenig Zeit hatte, sich zu entfalten, da die 1939 geborene Künstlerin bereits 1995 verstarb. Das spielt jedoch keine Rolle: Gestützt auf ihr Wissen insbesondere in den Naturwissenschaften, der Geografie und sogar der Astronomie konnte sie schnell vorankommen, und nur aus sentimentalen Gründen werden wir bei bestimmten Werken aus dem Jahr 1972 verweilen. Denn eine chronologische Betrachtung ist hier fehl am Platz; das Werk lebt vielmehr von seinem Reichtum und seiner Fülle. Ein Ölgemälde trägt den Titel „Polytropos“ – dieses homerische Epitheton passt überaus gut zu Nancy Graves selbst, zu ihren vielfältigen und innovativen Arbeitsweisen, da stimme ich Rachel Stella zu.
Ein dennoch willkommener Auftakt zu so viel Fülle und kreativer Üppigkeit sind die wenigen Lithografien aus dem Jahr 1972, die der Besucher gleich beim Betreten der Ausstellung zu seiner Linken vorfindet. Die Serie umfasst insgesamt zehn Werke, die hier jedoch nicht alle zu sehen sind. Sie sind von der Mondoberfläche inspiriert, die hier zu einem wahren Feuerwerk veredelt wird. Mal handelt es sich um eine Explosion aus farbenfrohen, lebhaften und akzentuierten Punkten, mal wirken sie zarter und stehen im Kontrast zu einem leicht naturfarbenen Papierhintergrund (wie bei der bewundernswerten Nummer VI, Maskelyne DA Region of the Moon, mit sechs Farbverläufen in Grün-, Braun-, Grau-, Blau-, Gelb- und Rosatönen). Anschließend begeben wir uns direkt ans Ende des Galerieraums, zu „Canoptic Legerdemain“, wo eine weitere Lithografie aus dem Jahr 1990 zu sehen ist, um uns sofort ein Bild von der Kreativität von Nancy Graves zu machen.
Die Lithografie ist auf einer Aluminiumplatte befestigt, und davor entfaltet sich – als Wandskulptur aus verschiedenen Materialien – ein wahres Spektakel, bei dem es dem Besucher schwerfällt, seinen Blick zu fixieren, so sehr wird er von der Bewegung des Werks selbst mitgerissen. Vielleicht ruht sein Blick auf dem Gesicht links oder auf dem Vogel rechts. Wie so oft bei Nancy Graves bewegt man sich hier zwischen Malerei und Skulptur. Und mehr denn je haben wir die Möglichkeit, die Arbeit der Künstlerin zu verfolgen, zu sehen, wie sich die Elemente zusammenfügen: „Zu verstehen, wie ein Bild entsteht, bedeutet, sich die Mittel an die Hand zu geben, einen kritischen Blick zu üben“ (Éric de Chassey).
Zahlreich in der Ausstellung sind Papierarbeiten, Aquarelle oder Pastelle, Ölgemälde auf Leinwand oder Holztafeln sowie Skulpturen, von denen die einen die Linie in den Vordergrund stellen, während andere eine Reihe von „Wax Works“ bilden, deren Bestandteile in den unterschiedlichsten Verrenkungen angeordnet sind. Auch hier ist die Vorgehensweise interessant und faszinierend: Sie bestehen aus Bronze, wurden anhand verschiedener organischer oder industriell gefertigter Objekte gegossen und schließlich durch Brennen bei hohen Temperaturen emailliert. Und wir erfahren, dass es sich dabei um die Wiederbelebung einer mehrere Jahrtausende alten Technik aus dem Indus-Tal handelte.
Bei den anderen eigenständigen Skulpturen, die weniger zusammengekauert sind und sich in Windungen, Kurven oder Drehungen erheben, wirkt es ein wenig so, als hätten sich die Linien der Pastellzeichnungen materialisiert, verfestigt. In den Aquarellen und Ölgemälden herrscht eine größere Dichte, und dennoch stets größte Frische; man könnte sagen, dass sie vor lauter Linien und Farben geradezu zu lodern beginnen.
Man könnte sich lange mit den (poetischen) Namen beschäftigen, die Nancy Graves ihren Werken gegeben hat. An den Anleihen, die sie hier und da gemacht hat, sowohl aus der Biologie – wie bei dem Namen eines südafrikanischen Säugetiers – als auch aus Gedichten von Octavio Paz, wie bei diesem bedeutenden Werk von 1991, *Fat Drops of the Milk of Silence*. Paradoxerweise in diesem Fall, denn es gibt kein Werk, das aussagekräftiger ist als das ihre. Es singt, ja schreit geradezu, in dem Sinne, dass die Stimme Freude zum Ausdruck bringt. In ihrer Offenheit, ihrer unaufhörlichen Suche erweist sich die Kunst von Nancy Graves als berauschend. Eine Art Begeisterung ist in ihrem Wesen und ihrer Machart selbst verankert.