Tatsächlich sind es zwei. Zwei Ausstellungen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, abgesehen von der Galerie Nosbaum Reding und den fast nebeneinander liegenden Ausstellungsräumen. Auch was die Künstler betrifft, trennt sie alles – bis hin zu der Zeit, in der sie gelebt haben oder leben. Für den Besucher ergibt sich letztendlich ein Streifzug durch die Kunstgeschichte, eine Gegenüberstellung von Gestern und Heute, eine Auseinandersetzung damit, was Malerei ist, was sie kann oder will – im Abstand von mehr als fünfzig Jahren. Der Zufall will es, dass die Werke der verschiedenen Künstler in etwa im gleichen Alter entstanden sind, in den Fünfzigern und Sechzigern. Bei August Clüsserath führt dies zurück in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Bei Thomas Arnolds, André Butzer und Matthias Schaufler sind sie alle jüngeren Datums. In beiden Fällen sind sie auf diese Weise ein beredtes Zeugnis.
August Clüsserath, 1899 in Völklingen geboren, gehört zu jener Generation von Künstlern – vor allem deutschen –, deren Elan und Werdegang im besten Moment durch den Krieg jäh unterbrochen wurden (zuvor war er nur knapp der Einberufung entgangen). Und die es danach schwer hatten, Anerkennung zu finden – auch im Saarland war man kaum auf Innovation aus, während unser Mann stets am Puls der Zeit war, sei es bei der Neuen Sezession oder der Neuen Gruppe Saar. Er starb 1966, und erst fast dreißig Jahre später kam die Anerkennung; noch später, erst kürzlich, wurden in Völklingen und in Dillingen eine Straße und ein Zentrum nach ihm benannt.
Die Ausstellung besteht aus Tuschezeichnungen, die meisten davon in Schwarz-Weiß, einige der Papiere strahlen jedoch in einem wunderschönen Rot, Grün, Blau oder Violett. Man bleibt in der Epoche ihrer Entstehung, wenn man in ihnen einen Pinselstrich entdeckt, der manchmal an Hartung erinnert, und eine Tiefe, die eher an Soulages erinnert. Das sagt doch einiges über die Qualität und vor allem die Kraft dieser Tuschezeichnungen aus, die Clüsserath übrigens eine Zeit lang der ZERO-Bewegung nahegebracht hatten. Das ist angesichts dieser Zen-artigen Ausstrahlung, die man ihnen zuschreiben kann, durchaus nachvollziehbar. Und das Hauptmerkmal liegt gerade in dem, was man als ebenso kühne, unerschrockene wie gelungene Synthese bezeichnen muss, Clüsserath selbst sagte, dass „jedes Bild eine kühne Tat“ sei, bevor er hinzufügte, dass in einem Bild „starke Schnitte und kräftige Taten geschehen, die sich aber in aller Harmonie abspielen – starkes, urtümliches Wachstum“.
Wir verlassen die Abstraktion, zumindest in jener reinen Form, wie wir sie kennen. Und müsste man jenseits des Allzweckbegriffs „Malerei“ etwas Gemeinsames bei den drei deutschen Künstlern der anderen Ausstellung erkennen, würde man sich der Figuration zuwenden – natürlich in abgeschwächter Form, überarbeitet und korrigiert, wenn man so will, und man würde auf die wiederkehrende Präsenz von Mensch und Tier hinweisen, ganz gleich in welcher Ausgestaltung. Ein eher konzeptueller Ansatz, wie in dem Ausschnitt des Gemäldes, auf dem ein Bein einer grauen Stange gegenübersteht, bei Thomas Arnolds ; verspielter und insgesamt ausdrucksstärker, eine Malerei, die sich in einem regelrechten Wirbel befindet, bei den Hirschen, dem Pferd und dem Hirten von Matthias Schaufler; gekonnt naiv, der Volkskultur verwandt, bei André Butzer und seiner „Frau am Birnbaum“.
Soviel zu den Gemälden, Ob Öl oder Acryl – es wäre jedoch ungerecht und für den Besucher sehr bedauerlich, die begleitenden Arbeiten auf Papier nicht zu erwähnen und ihnen nicht die größte Aufmerksamkeit zu schenken: Graphitstift bei Thomas Arnolds, Pastell bei Matthias Schaufler, Kaltnadelradierung bei André Butzer. Arnolds’ Strich begeistert durch seine Leichtigkeit, er hat etwas von einer Skizze, ohne dabei an Tiefe zu verlieren; Dynamik und Spannung werden in Schauflers „Golden Boys“ noch verstärkt; und bei Butzer erweist sich die Aussage als prägnanter. Es zeigt sich: Anstatt uns mit möglichen Verbindungen zwischen den Künstlern oder, über die Zeit hinaus, mit dem längst vergangenen Clüsserath aufzuhalten, geht es hier vielmehr darum, vielfältige Dialoge einzugehen – sowohl hinsichtlich der Themen als auch hinsichtlich der Möglichkeiten der Malerei.