Ein Schwarz-Weiß-Porträt von Jesus Christus ist hoch oben auf der geschnitzten Holzkanzel der Chapelle de la Charité in Arles angebracht. An sich nichts Ungewöhnliches an einem heiligen Ort. Doch auf diesem Porträt hält der Sohn Gottes einen Ölkanister mit der Aufschrift „3-in-1“ vor sich. Ein ikonoklastischer, unbeschwerter und humorvoller Augenzwinkern, der den schelmischen Geist von Michel Medinger widerspiegelt. Genau die Art von Bild, die er gerne mit einem verschmitzten Lächeln kreiert, um daraus Grußkarten zu gestalten, die er an Freunde verschickt. Der luxemburgische Fotograf steht den ganzen Sommer über im Rampenlicht der renommierten Rencontres de la Photographie d’Arles, und zwar im Rahmen einer Ausstellung, die den heiligen Geist hinter seinem kreativen Schaffensprozess auf bewundernswerte Weise zum Ausdruck bringt.
Der Ausstellungsort, eine denkmalgeschützte (aber entweihte) Barockkapelle mit reichhaltiger architektonischer Ausstattung, ist bekanntermaßen schwer zu erfassen, da die unmittelbare Umgebung dazu neigt, alles, was dort gezeigt wird, zu verschlingen. Für die Fantasiewelt von Michel Medinger war dies der ideale Rahmen. Im hinteren Teil der Kapelle verdeckt ein riesiges Holzregal, das ebenso vertikal ist wie der Künstler selbst, den Altar fast vollständig; dieser wurde nun durch ein riesiges Kuriositätenkabinett ersetzt. Diese monumentale Installation fügt sich nicht nur mühelos in das barocke Dekor der Kapelle ein, sondern dominiert den Ort sogar, als wäre sie schon immer dort gewesen.
Die von der Kuratorin Sylvie Meunier konzipierte Inszenierung ist zugleich eine Hommage an das Leben eines Mannes und eine der eindrucksvollsten Installationen dieser Ausgabe der „Rencontres“. Auf einer Höhe von über sieben Metern kann das Publikum Plastikfiguren von Affen oder Schweinen, alte Turnschuhe, die bei den Olympischen Spielen zum Einsatz kamen, Puppen, die man glatt für Gruselpuppen halten könnte, Vintage-Kameras, getrocknete Blumen, Tierskelette, obskure Werkzeuge und eine Ansammlung religiöser Gegenstände – all diese unpassenden Artefakte, die Michel Medinger im Laufe der Jahre liebevoll gesammelt hat, dienen als Ausgangsmaterial für die sorgfältige Gestaltung überraschender, geheimnisvoller und poetischer Stillleben, die an das Werk von Joel-Peter Witkin erinnern, wenn auch weniger makaber.
Das gesamte Universum, das man sich im Kopf dieses großen, überaus sympathischen und fröhlichen Dandys vorstellt, liegt hier vor unseren Augen – zugleich absurd und großartig. Es macht Spaß, in den in der Kapelle verstreuten Werken die Gegenstände wiederzuerkennen, die in den einzelnen ausgestellten Inszenierungen verwendet wurden. Man versteht den Maßstabs-Effekt. Man schmunzelt über das anthropomorphe Gemüse, über die Assoziationen zwischen Dingen, die sonst nirgendwo aufeinandertreffen würden. Man stellt sich die Lichtinszenierung vor. Die Objekte sprechen miteinander, antworten einander, hier mit Humor, dort mit Poesie, oft in tiefem Schwarz, das ein gewisses Gefühl der Schwere für Kompositionen unterstreicht, die dadurch fast ihren leichten Charakter verlieren. Wie der Künstler selbst sagt: „In meinen Werken steckt schwarzer Humor, denn ich liebe den scheinbaren Unsinn, das Absurde im Stil von Max Ernst und den Surrealisten.“
Hier und da sind auch Selbstporträts zu sehen, auf denen Michel Medinger, ein ehemaliger Spitzensportler (er lief 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio die 800 Meter), genau wie sein Vater, inmitten seines Durcheinanders in Szene setzt, rätselhafte Gegenstände auf dem Kopf trägt, sich hinter einem Stück eines Tierskeletts versteckt und sich sogar à la Rembrandt die Haare kämmt. Der englische Titel der Ausstellung „Lord of Things“, der auch auf dem Umschlag des Katalogs zu finden ist, stammt aus einem dieser Selbstporträts. Im Deutschen wird der Titel durch ein Wortspiel zu „L’ordre des choses“. Eine weitere subtile Anspielung auf sein skurriles und ausgefallenes Universum, das aus zahlreichen und vielfältigen Gegenständen aus seinem persönlichen Flohmarkt besteht, über deren Schicksal er ganz nach Lust und Laune entscheidet.
Während sich das Kuriositätenkabinett dem Besucher offenbart, wenn er sich zwischen den direkt auf dem Boden der Kapelle aufgestellten Leuchtkästen hindurchschlängelt, war es doch die Sammlung von Polaroids unter einem Bogen auf der linken Seite der Kapelle, die uns am meisten fasziniert hat. Als ausgebildeter Chemiker hat Michel Medinger vielfältige, zum Teil experimentelle Techniken der Bildgestaltung und -reproduktion erforscht (Cibachrome, Cyanotypie, Platinotypie usw.). Für diese Serie von Stillleben, die schlicht präsentiert wird (schwarzer Rahmen, weißes Passepartout, dunkle Bildleiste) und in (relativ) kleinem Format vorliegt, verwendete er die Technik des Farb-Polaroid-Transfers, bei der die Emulsion abgelöst und auf einen Papierträger aufgebracht wird. Das Ergebnis sind Stillleben mit verblassten Farben, deren Ästhetik zwischen Romantik, Burleske und einer gewissen Vorstellung vom Tod schwankt.
Im Mittelpunkt dieser farbenfrohen Kompositionen stehen die Blumen, über die der Künstler sagte: „Ich verwende gerne verwelkte Blumen, zum einen, weil mich dieser Zustand formal interessiert, zum anderen aber auch, weil ich gerne die Kehrseite der Dinge zeige. Ich habe ein besonderes Gespür für Veränderungen, für den Verfall… Die Menschen tun allzu oft so, als sähen sie nur die ewige Schönheit.“ In diesen ätherischen Kompositionen findet sich der Einfluss der klassischen Malerei und der Vanitas-Gemälde des 17. Jahrhunderts wieder, die prägende Elemente seiner künstlerischen Ausbildung waren. In diesem Zusammenhang ist die Anspielung bemerkenswert, die durch die wenigen Öffnungen im Kuriositätenkabinett entsteht und einen Blick zwischen den ausgestellten Objekten auf die „Apotheose der Heiligen Theresa“ des Avignoner Malers Pierre Parrocel freigibt.
Diese Ausstellung ist eine Hymne an die Zerbrechlichkeit des Lebens, an die vergehende Zeit, an jene Blumen, die welken, aber niemals sterben. Im übertragenen Sinne lädt uns Michel Medinger mit seinen 83 Lebensjahren dazu ein, über unsere Vergangenheit nachzudenken, die Gegenwart zu genießen und uns eine ewige Zukunft vorzustellen. Doch diese Ausstellung ist auch eine Würdigung eines sich ständig weiterentwickelnden Schaffensprozesses, bei dem die Fotografie bereits in der Phase des Sammelns beginnt, bei dem die Anhäufung einen Mechanismus zur Gestaltung von Kompositionen auslöst, die bis dahin im Unbewussten verborgen waren. Michel Medinger drückte es mit folgenden Worten aus: „Was ich liebe, ist die Langsamkeit des Fotografierens mit der Großformatkamera. Mehr hinzuschauen und Zeit zu verschwenden. Es ist wie die Feier einer Messe.“
Amen.