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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Lob der Moderne (oder auch nicht)

zeitgenössische Kunst

Erschienen in Ausgabe Juli 2023
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Man muss es sich verdienen, es liegt etwas abseits von allem oder mitten im Nirgendwo. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Châteauvert gehört nicht zu denen, die viel Aufsehen erregen und die Massen anziehen. Ganz im Gegensatz zu dem, was wir gerade in Arles erlebt haben, wo die Aperitifs länger dauern als die Ausstellungen. In diesem schwarzen Metallkubus, der am Fluss Argens liegt und eine Wiese überragt, auf der Ziegen weiden, bietet ein ebenso kleines wie begeistertes Team zweimal im Jahr Ausstellungen, einen Skulpturengarten, Begegnungs- und Vermittlungsprojekte sowie Künstlerresidenzen an. Man muss dieses Dorf mit weniger als 150 Einwohnern besuchen, um die Einzelausstellung des Duos Martine Feipel und Jean Béchameil, „Traversée de nuit“, zu entdecken.

Die weitläufige Halle ist in Halbdunkel getaucht – eine ideale Kulisse für die Vorführung des Videos, das der Ausstellung ihren Titel gibt. Es zeigt eine partizipative Performance, einen Marsch, an dem etwa fünfzig Menschen unterschiedlichster Herkunft teilnahmen und der in der Dämmerung in der Umgebung des Kunstzentrums stattfand. „Es ist eine Hommage an die Migrationsbewegungen von gestern, heute und morgen, wie man sie bereits in der babylonischen Kunst sieht“, erklärt die luxemburgische Künstlerin. Sie bezieht sich dabei auf Bevölkerungsbewegungen, seien sie politischer oder historischer Natur (Gandhis Salzmarsch 1930, Maos Marsch 1934, der Marsch der schwarzen Amerikaner 1963) oder jüngere wie die der Flüchtlinge im Dschungel von Panama in Richtung USA oder auf den gefährlichen Wegen nach Europa. Wie so oft in ihrem Schaffen fügen Martine Feipel und Jean Béchameil ein von ihnen selbst gefertigtes Element hinzu. Hier sind es auf Stöcke gesteckte Figuren, eine Art stilisierte Fahnen, die an ihre beiden Lieblingsthemen erinnern: die Natur und die Moderne.

So widmen sie ihre Überlegungen dem Erbe der Moderne, das ebenso faszinierend wie enttäuschend ist. „Architektur, Technologie, industrielle Produktion und Ideologien haben unser Verhältnis zur Welt verändert, oft auf ambivalente Weise, indem sie einerseits zerstören, was andererseits aufgebaut wird“, fährt sie fort. Die in der Ausstellung präsentierten Werke tragen somit die Spuren dieser Reflexion, sei es in formaler (die Stofffahnen „Catch fire“, das Flachrelief „Electric Eclipse“) oder eher poetischer Form. Zu sehen ist auch „Garden of Resistance“, das 2022 im Mudam präsentiert wurde. Dieser Baumstamm aus Aluminium erwacht dank ausgeklügelter Robotik zum Leben, und „natürliche“ Auswüchse (Blumen, Pilze) besiedeln den Stamm. Eine Art, die Widerstandsfähigkeit der Natur zu verdeutlichen: „In Waldgebieten ist ein toter Baum Quelle des Lebens und der Gastfreundschaft. Dort entstehen neue Lebensräume. Fauna und Flora erneuern sich dort.“ Hinzu kommt „Dreamers“, eine neue, anlässlich der Ausstellung geschaffene Werkserie, die wie ein Wald aus bunten Keramikbäumen wirkt.

Schöne Anspielungen auf die Moderne finden sich in den farbenprächtigen „Catch Fire“-Bannern, deren Motive an die Textilkunstwerke von Sonia Delaunay oder an die Künstler des Bauhauses aus den 1920er Jahren erinnern. Diese von der Decke herabhängenden Fahnen verweisen zudem auf die Kämpfe und Demonstrationen, die mit ihnen einhergegangen sein könnten. Auch die brutalistische Architektur wird mit dem „Hôtel Utopia“ wieder aufgegriffen, einem Werk, das 2018 während eines Künstleraufenthalts von Martine Feipel und Jean Béchameil auf Ibiza entstand. Einen Tag lang nahmen sie die Ruinen eines unvollendeten Hotels des katalanischen Architekten José Luis Sert, eines Schülers von Le Corbusier, in Besitz. Die leuchtenden Farbflächen hauchen diesem verlassenen Ort neues Leben ein und unterstreichen einmal mehr die Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit, die in einer von Veralterung geprägten Welt unverzichtbar sind.

„Martine Feipel und Jean Bechameil setzen sich mit der Welt auseinander und haben dabei einen gemeinsamen Nenner: die Natur und die Art und Weise, wie Menschen sie wahrnehmen. Eine Natur, die sich auflehnt und von der die Künstler neue Darstellungen liefern, um so unsere Welt in ihren aktuellsten Veränderungen auf andere Weise zu erzählen“, fasst Lydie Marchi, Kuratorin der Ausstellung, zusammen.