Manchmal entdeckt man durch Zufall Installationen in Institutionen und Galerien, die eine Fortsetzung der fünften Biennale „De mains de maîtres“ darstellen. So hat sich diese herausragende Ausstellung im Portugiesischen Kulturzentrum in Merl niedergelassen, wo eine Art Anhäufung von strohfarbenen und leuchtenden, orangefarbenen, roten, dunkelblauen und azurblauen, zotteligen Kugeln den Blick der Passanten auf sich zieht.
„Corail“, das im Schaufenster ausgestellt ist, lädt dazu ein, die Ausstellung „Tissures“ (Webarbeiten) zu besuchen, die eine Auswahl von Werken der Künstlerin Maria Joã Gomes aus Palmstreifen präsentiert. Sie greift dabei eine handwerkliche Verbindungstechnik aus der Algarve auf, die traditionell bei der Erntearbeit zum Einsatz kommt. Maria Joã Gomes wurde von der Biennale für Kunsthandwerk aufgrund ihres technischen und formalen Talents ausgewählt, ein uraltes Handwerk wiederzubeleben, das hier eine neue Vitalität findet und sich in zeitgenössische Kunst verwandelt.
Der ungebremste Wettbewerb durch die Massenproduktion von billigen „Deko“-Artikeln minderer Qualität führt dazu, dass diese Art authentischer Kreativität für Stücke, deren Herstellung langwierig und anspruchsvoll ist, zum Aussterben verurteilt ist. Angefangen beim Trocknen der Palmblätter über das Zerschneiden in Streifen bis hin zu den in „Tissures“ gezeigten riesigen ovalen Halsketten und den geflochtenen, zusammengenähten Bändern mit ausgefransten Rändern, die die Designerin humorvoll „Chenille“ getauft hat.
Wie „Terra“ bestehen auch diese vier Stelen aus Flechtwerken, die um Holzpfosten gewickelt sind und von Palmenstämmen inspiriert sind – also vom Leben und von der Natur –, ganz im Sinne des Themas der diesjährigen Biennale „Nature Singulière“. Die von Maria Joã Gomes entwickelte Spiraltechnik gewährleistet die Stabilität eines weiteren vertikalen Werks, „Pyramide“, eines kegelförmigen Objekts, sowie von „Alabastro“, einem kugelförmigen Werk. Man könnte „Alabastro“ fälschlicherweise für eine Töpferarbeit halten – eine weitere Technik, mit der Alltagsgegenstände wie Schalen, Körbe und Vasen neu interpretiert werden. In solchen formalen Anlehnungen verbindet sich die technische Virtuosität von Maria João Gomes mit der ästhetischen Perfektion von „Càlice“.
Der naturalistische Stil von Maria Joã Gomes scheint weit entfernt von der Möbelkollektion zu sein, die Dante Goods and Bads – alias Christophe de la Fontaine und Aylin Langreuter – in der Galerie Liberté präsentiert. Es ist eine Überraschung, den „ &Industriedesignerin“ wiederzusehen, die, nachdem sie ihre luxemburgische Heimat verlassen und ihr Know-how bei der spanischen Möbeldesignerin Patricia Urquila verfeinert hatte, 2014 gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin, der Künstlerin Aylin Langreuter, die „ Collectors Collections“ in limitierter Auflage entworfen hat.
Die Annäherung von „Grande Liberté“ an „Tissures“ mag auf den ersten Blick sowohl hinsichtlich des formalen Erbes als auch der Herstellungsweise unmöglich erscheinen. Doch das Label „Dante Goods and Bads“, das zwar weltweit vertrieben wird, ist vor allem in Kunsträumen zu finden, wie in dieser Galerie, die kürzlich von Françoise Kuth eröffnet wurde. Da sie sich formal für außergewöhnliches Design begeistert, konnte die Frau die Leidenschaft von Christophe de la Fontaine und Aylin Langreuter für das Automobil – oder genauer gesagt, für die Automobilausstattung – nur teilen.
Die Bezüge von Sitzfläche und Rückenlehne der Sessel AL13 in den Ausführungen „Red Duster“, „Ipanema“ und „Coupé“ lassen die Inspiration durch eine Sportwagenmarke erkennen. Das Gestell der Sessel besteht aus Aluminium mit Autolackierung – eine Technik, die von Designmöbelherstellern übernommen wurde. Überraschend ist jedoch die Verschraubung der Sesselkonstruktion. Falsch! Möbelmarken nutzen für die Serienproduktion den Guss, während Christophe de la Fontaine nicht auf die handwerkliche „Nischenhaftigkeit“ verzichtet hat: Das heißt, es handelt sich um limitierte Auflagen von nur drei Exemplaren.
Ganz im Ernst: Hinter dem Namen der Serie „Grande Liberté“ verbirgt sich die Gefahr, die von der vereinfachten Massenproduktion der Marken ausgeht. Wer beispielsweise das Sofa „Serpentine“ in Form einer Rennstrecke erwirbt, wird von dessen ergonomischem Komfort begeistert sein. Die Herstellung des Schaumstoffs und die Verarbeitung der Lederteile zeugen von einer Qualität, deren Geheimnis nur noch die Handwerker aus Norditalien kennen und deren Tradition sie fortführen.
Die Fußstütze „Pepita“ in Form eines Motorradsattels bildet einen Kontrast zur konzeptionellen Strenge von Christophe de la Fontaine durch den „Pep“ von Aylin Langreuter, die bei „Dante Goods and Bads“ ihre „verrückte“ Handschrift hinterlässt “ bei Dante Goods and Bads einbringt. Das Tüpfelchen auf dem (unechten) Kuchen aus (echten) individualisierten Motorteilen. Aufgestellt auf dem Beistelltisch „Darling“.
„Tissures“ von Maria João Gomes ist noch bis zum 10. Januar im Portugiesischen Kulturzentrum zu sehen. „Grande Liberté“ von Goods and Bads ist noch bis zum 24. Dezember in der Galerie Liberté zu sehen