Die Galerie Requisite entführt die Besucher in eine Welt, die zugleich anekdotisch, konzeptuell und verwirrend ist. Wolfgang Mïller, bekannt für seinen experimentellen und eher ikonoklastischen Ansatz, wird hier in der ganzen Vielfalt seines Schaffens präsentiert. Zu sehen sind experimentelle Videos, teilweise zweckentfremdete Alltagsgegenstände, zahlreiche Archivmaterialien sowie Textfragmente, Bücher und Zeichnungen. Hinzu kommen Töne und Musik, Slogans, Interventionen, die ins Absurde abgleiten, sowie unsichtbare Protokolle. Der Ausstellungsparcours widersetzt sich der linearen Logik einer klassischen Retrospektive und beleuchtet vielmehr den spielerischen Geist von Wolfgang Müller – und zwar von den 1980er Jahren bis ins Jahr 2025.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Die Tödliche Doris, ein Kunstprojekt, das 1980 in West-Berlin von Wolfgang Müller selbst ins Leben gerufen wurde. Diese Klang- und Performancekunstgruppe war nie eine Band im eigentlichen Sinne, sondern definierte sich vielmehr als fiktionales, bewusst schwer fassbares Konstrukt: ein Projekt, das jegliche Kategorisierung ablehnte, sei sie identitätsbezogener oder ästhetischer Natur. Es stand zudem in deutlichem Gegensatz zu anderen avantgardistischen Gruppen wie den großartigen Einstürzenden Neubauten, die auch heute noch brillant bestehen.
Im damaligen, noch durch die Mauer geteilten Berlin spielte „Die Tödliche Doris“ ebenfalls mit den Codes des Punk, des Experimentellen und der Queer-Kultur – ihrer Zeit weit voraus –, jedoch stets aus einer unverblümt kritischen Haltung heraus, die dennoch spielerisch sein wollte.
Die fiktive Figur namens Doris war eine proto-queere Figur. Sie hat nie existiert, doch gerade das Wesen ihrer Nichtexistenz wirft auch heute noch die Frage auf, wie kulturelle Mythen entstehen und fortbestehen. Sie ist weder ein Mann noch eine Frau, weder eine Gruppe noch ein einzelnes Individuum, weder ein Künstler noch gar ein Werk im eigentlichen Sinne. Doris bleibt vielmehr eine Maske oder so etwas wie eine allegorische Leinwand, auf die man jede nur erdenkliche Identität projizieren kann. Insofern nimmt dieses Projekt bereits die aktuellen Debatten über Geschlechterfragen, multiple Identitäten, Fluidität oder auch über die Frage der Ausblendung von Urhebern und der Auflösung der Grenzen zwischen Realität und Erfindung vorweg. Wolfgang Müllers Geste zielt darauf ab, Normen ins Wanken zu bringen; vielleicht möchte er Erwartungen unterlaufen. Vor allem aber stellt er durch Verschiebung und Metamorphose die Figuren der Kunstgeschichte wieder in Frage.
Die Ausstellung bietet anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Werke einen großzügigen Einblick in diesen Ansatz. Zu sehen sind absurde Videos, die mit rudimentären Mitteln gedreht wurden, sowie Objekte, die allein wegen ihres symbolischen Potenzials ausgestellt sind, einfach so, es gibt auch Texte, die zwischen konzeptueller Poesie und dadaistischer Absurdität oszillieren, sowie in Island aufgenommene Vogelstimmen, die die „Ursonate“ von Kurt Schwitters nachahmen – Island spielt mittlerweile eine große Rolle für den Künstler. In diesem gut zusammengestellten Sammelsurium finden sich auch einige Gemälde, die der Ästhetik eines Logos oder Piktogramms nahekommen. Das gesamte Ensemble vermittelt den Eindruck eines von den Kuratoren organisierten Künstlerflohmarkts: Es gibt weder einen narrativen Rundgang noch eine klare Chronologie. Die Interpretationsansätze sind begrenzt. Die Ausstellung nimmt jedoch eine gewisse Weigerung ein, eine eindeutige Wahrheit zu vermitteln.
Diese ganze anekdotische Welt scheint nicht belanglos zu sein. Es handelt sich sehr wohl um die Strategie des Künstlers. Und wir als Betrachter scheinen herausgefordert zu werden: Wir müssen hier eine klassische Erwartung, eine große Offenbarung, hinter uns lassen; es gibt keine unmittelbare Bedeutung, wir müssen eine gewisse Form der Verirrung akzeptieren. Denn hinter dem anekdotischen oder lächerlichen Charakter bestimmter Werke zeichnet sich eine kritische Haltung ab, die radikal sein will. Der Künstler hinterfragt die Art und Weise, wie Kunst konsumiert wird, all das, was man von einem Werk, einem Museum oder auch einem Künstler erwartet. Wir werden hier Zeugen des Spiels und seiner Sabotage. Wolfgang Müller führt in die Irre: Er stellt aus, um zu löschen, und er hat geschaffen, um alles wieder rückgängig zu machen.
Allerdings kann sich diese Haltung auch gegen sie selbst wenden. Die Ausstellung als Ganzes richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum, das mit der Post-Punk-Ästhetik, dem Berlin der 1980er Jahre sowie den Debatten über Konzeptkunst oder Queer-Geschichte vertraut ist. Man erkennt hier eine bestimmte Generation wieder. Für ein Laienpublikum kann sich das Erlebnis in der Galerie Requisite als undurchschaubar oder frustrierend erweisen, aber es kann auch Neugier auf dieses Universum wecken, das aus Requisiten und Klängen besteht. Die Installation, die eine Art DJ-Shop inszeniert, deutet darauf hin. Man weiß nicht, ob man die ausgestellten Schallplatten wirklich entdecken kann oder ob man auf eine Aktivierung durch einen echten DJ warten muss. Das bewusst in Kauf genommene Fehlen jeglicher Kontextualisierung verstärkt den Eindruck, man sei in eine Art geschlossenen Club eingetreten, einen Club aus den 80er Jahren, ein ganzes Universum von Anspielungen, zu dem nur Eingeweihte Zugang haben – oder all jene, die ebenfalls die Spuren verwischen, indem sie so tun, als wüssten sie Bescheid.
Man tastet sich vor. Vielleicht liegt darin auch die Stärke – aber auch die Grenze – des Schaffens dieses Künstlers, der sich selbst ins Abseits gestellt hat, während er spielt. Indem er den Konsens ablehnte, zwang er insbesondere mit „Die Tödliche Doris“ dazu, anders zu denken. Indem er Erklärungen vermied, hat er zweifellos Lücken geöffnet. Die Ausstellung präsentiert kein vollendetes Werk, sondern eine Reihe von Vorschlägen, Spannungsfeldern und zu füllenden Räumen. Wir sind zweifellos dazu eingeladen, neu zu überdenken, was Kunst und Schöpfung sein könnten, ohne ein fertiges Produkt zu sein. Dies betrifft das gesamte kreative Werk, mit Ausnahme der Schriften von Wolfgang Müller, die ebenfalls auf einem schmalen Regal ausgestellt sind. Als Autor und Forscher schrieb er über das Berliner Leben, aber auch über Ornithologie, über Island oder über die Tänzerin und Schauspielerin Valeska Gert, die in den 1920er- und 1930er-Jahren in Berlin tätig war.
In der Ausstellung lässt sich das künstlerische Schaffen somit als eine Abfolge von unbeständigen Gesten betrachten, die jedoch in ihrer Fähigkeit, die Norm in Frage zu stellen, von Bedeutung sind.
In dieser fast schon extremen Überlagerung von Requisiten, Bildern und Klängen hat Wolfgang Müller somit nicht nur eine fiktive Figur erschaffen, sondern auch eine ganze Welt, die sich nach einem Aufbrechen der Grenzen der Kunst, aber auch der Musik sehnt – bis hin zur Schönheit des Unhörbaren. Mit Doris, einer Figur der Abwesenheit, aber auch einer gewissen Utopie, bietet Wolfgang Müller eine Präsenz, die sich aus ihrer Nichtexistenz nährt.