Glaubt man Julien Gracq und seinem Werk – wofür „Le Rivage des Syrtes“ ein Beispiel ist –, so stellen Ordnung und Unordnung beide eine gleich große Bedrohung für die Welt dar. Die eine birgt zumindest die Gefahr der Erstarrung, die andere die Gefahr, in Verwirrung zu führen. Die Art und Weise – oder geradezu die Kunst – von Bernar Venet liegt genau zwischen diesen beiden Polen, entfaltet sich dort und verbindet sie jenseits jeglicher trügerischen binären Gegensätze. Auf der einen Seite die Anordnungen und Stapelungen, auf der anderen Seite die Zusammenbrüche. Und die Ausstellung in der Galerie Ceysson & Bénétière vereint Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Radierungen des Künstlers. Als ob das noch nicht genug wäre, gibt es auch einen Rückblick auf das, was als erster Schritt, als Entwurf in den sechziger Jahren angesehen werden kann: den „Tas de charbon“ (Kohlehaufen) und „Saturation or et blanc“ mit einer Klammer auf der rechten Seite – ein Gemälde, das der Besucher entdeckt, wenn er sich weit genug auf seinem Rundgang vorwagt – einem Gemälde aus dem Jahr 2008, das jedoch auf die konzeptuelle Phase verweist, auf deren Schemata und deren Nähe zur Mathematik.
Wenn Sie das Wandhaff besuchen – ein Besuch ist wärmstens zu empfehlen, da die Räume und ihre Ausstellungsstücke musealer Qualität sind –, stehen Sie gleich nach dem Eingang, nachdem Sie an den ebenfalls von Bernar Venet entworfenen Möbeln vorbeigegangen sind, stehen Sie vor Bögen – natürlich aus Stahl –, die durcheinander übereinander gestapelt sind (diese Bögen, die Sie von ihren in den Himmel ragenden Enden her kennen, in ihrer Monumentalität an der Brüsseler Autobahn). Die aktuelle Ausstellung, die noch bis zum 18. November läuft, bleibt in gewisser Weise bei seinen Werken, die fest am Boden verankert sind. Der Begriff ist nicht ganz zutreffend, denn sie tragen die Erinnerungen und das Potenzial der Bewegung in sich; die Ausstellung trägt zwar den Titel „Schwerkraft“, doch diese unbestreitbare Schwerkraft wirkt leicht und ist von Dynamik durchdrungen.
Das besagte Durcheinander ist das Ergebnis (mit einem gewissen Anteil an Zufall und Unvorhersehbarkeit) der Performance am Abend der Vernissage. Zu Beginn lagen zwanzig Bögen in einem Stapel, den man ohne Weiteres als geordnet hätte bezeichnen können. Doch dann trat Bernar Venet, Fahrer eines Gabelstaplers, fährt heran, ein Seil ist an einem der Bögen befestigt, und unter dieser äußeren Krafteinwirkung des wieder in Gang gesetzten Gabelstaplers stürzt das Ganze zusammen – ein Einsturz, dem man gerne den Charakter einer anderen Ordnung zuschreibt. Lesen wir dazu noch einmal Henri Bergson : Die Unordnung verliert ihren negativen Charakter, sie ist einfach die Ordnung, die wir nicht suchen. Und mit der uns Bernar Venet überrascht.
Bei einer früheren Ausstellung im Berliner Tempelhof hatte er sich auf diese Weise an einer Reihe von Bögen zu schaffen gemacht, wobei er den ersten verschob, sodass die anderen wie Dominosteine umfielen. Im Wandhaff kam einem dabei das Bild der Implosion unerwünschter Wohnblocks in den Sinn: Es stürzt ein, es bricht zusammen, und der zuvor sehr begrenzte Raum weitet sich aus, die Skulptur zerbricht sozusagen. Man kennt das Phänomen des Aufplatzens von Früchten, ihre Volumenvergrößerung.
Die meisten Skulpturen in der Ausstellung sind unterschiedlich groß und wurden insbesondere anstelle von Bögen und an Ecken (beides findet man auf der Avenue de la Liberté) geschaffen, neun Ecken, zwölf, dreizehn, manchmal an die Wand gelehnt, sind ebenso viele Variationen desselben Themas, um es mit den Worten der Musik zu sagen, während die Performance ihrerseits durch Lärm beeindruckte, einen ungestümen Donnerlärm. Andere Skulpturen greifen wiederum auf andere Weise unseren ursprünglichen Gegensatz auf; sie heißen „Stack“ und „Dispersion“.
Dass Bernar Venet heute einen so bedeutenden Platz in der internationalen Kunstszene einnimmt, verdankt er zweifellos seinen Skulpturen, die uns immer wieder beeindrucken. Nicht weniger jedoch seinen Gemälden und Zeichnungen, in denen er die energiegeladenen und lebendigen Seiten seiner Kunst perfekt zum Ausdruck bringt. Oder – wenn auch in geringerem Maße – seinen Radierungen und Druckgrafiken. Bernar Venet wird untrennbar mit der Linie assoziiert, sei sie gerade oder geschwungen, mit Kraft und Finesse mit Pinsel oder Kreide geformt oder auch vertieft eingezeichnet, daneben ihr stahlhartes Gewicht – all dies in dieser Ausstellung mit scharfem Gespür und einer beständigen Experimentierfreude.