Luxemburg nimmt seit 1988 regelmäßig an den internationalen Kunst- und Architekturausstellungen der Biennale von Venedig teil. In diesem Jahr, bei ihrer 19. Ausgabe, wird die internationale Architekturausstellung von Carlo Ratti kuratiert. Der italienische Architekt und Ingenieur kommentiert seine Arbeit wie folgt: „Um einer Welt in Flammen zu begegnen, muss die Architektur die gesamte Intelligenz nutzen, die uns umgibt.“
Vor der offiziellen Präsentation hatte ich Gelegenheit, mich mit Valentin Bansac und Mike Fritsch zu unterhalten, zwei der Designer und Architekten, die das Projekt „Sonic Investigations“ für den luxemburgischen Pavillon im Rahmen der Architekturbiennale in Venedig 2025 entworfen haben. Die dritte, Alice Loumeau, war damit beschäftigt, die Ausstellung in einem anderen Zusammenhang vorzubereiten. Die drei Freunde lernten sich in Rotterdam kennen, wo sie für Rem Koolhaas arbeiteten, bevor sie sich in Paris niederließen.
Zunächst möchte ich auf den Titel eingehen: „Sonic Investigations“. Dieser lässt sich in zwei Teile untergliedern: „sonic“, was sich auf Klang, Geschwindigkeit und das Hören bezieht und die Bedeutung des Hörerlebnisses in diesem Projekt unterstreicht. Das Wort verweist nicht nur auf den Bereich der Akustik, sondern auch auf einen sensorischen Ansatz, der über die reine visuelle Wahrnehmung hinausgeht. Dann gibt es noch „investigations“, was einen Ansatz der Erkundung, Forschung und Analyse suggeriert. Dieser Begriff impliziert eine investigative Arbeit, den Willen, das aufzudecken, was oft nicht wahrnehmbar ist oder ignoriert wird.
Die beiden jungen Architekten berichten, dass sie sich von Bernhard Leitners Forschungen zu „Klangräumen“ inspirieren ließen. In diesem Sinne wird der Pavillon ein echtes Eintauchen ermöglichen, bei dem der Klang zum wichtigsten Mittel der Erkundung wird. Befreit von der allgegenwärtigen visuellen Überflutung unserer heutigen Gesellschaft lädt er zu einer radikalen Sinneserfahrung ein und lässt uns in ein Universum eintauchen, das fast gänzlich ohne Licht ist, in dem das Hören zu einem bewussten, ja vielleicht sogar transformativen Akt wird. So banal es auch erscheinen mag: Ein auf die Klanglandschaft konzentriertes Zuhören offenbart ungeahnte Dimensionen unserer Umgebung und kann unsere Wahrnehmung des Raums verändern.
Sonic Investigations wird darüber hinaus eine Sammlung von Originalinhalten präsentieren, bestehend aus einem immersiven Hörstück, Texten und einer Feldforschung. Anstatt physische Objekte anzuhäufen, möchte das Projekt die Biennale von Venedig zu einer Plattform für Forschung und Wissensgenerierung machen. Sein Ziel ist es, auf der Grundlage von Intuitionen großzügig zum Nachdenken und, wenn möglich, zu einer Diskussion über den Stellenwert von Klang in unseren gebauten und natürlichen Umgebungen anzuregen.
Vor diesem Hintergrund ist die Inszenierung des Pavillons als minimaler Eingriff konzipiert, der einen optimalen akustischen Rahmen für die Präsentation der in Luxemburg aufgenommenen Klanglandschaften bieten soll. Die Architektur basiert auf umweltbewussten Prinzipien: Die Bauelemente werden bewusst nur geringfügig verändert, um ihre Wiederverwendung zu erleichtern und so die Umweltbelastung zu verringern.
Bereits vor dem Pavillon wird ein Lautsprecher die Besucher ansprechen, ihre Neugier wecken und das Hörerlebnis einleiten. Im Inneren angekommen, tauchen die Besucher in eine Klangwelt ein, die es ihnen ermöglicht, das luxemburgische Territorium anhand einer einzigartigen akustischen Kartografie zu erkunden. Am Ausgang dieses Hörraums sind wir alle eingeladen, einen „Making-of“-Bereich zu entdecken, der einen Blick hinter die Kulissen des Projekts gewährt.
Mit diesem Ansatz beschränkt sich „Sonic Investigations“ nicht auf ein bloßes immersives Erlebnis. Das Projekt regt zu einer kritischen und einfühlsamen Auseinandersetzung mit unserer Beziehung zu Klanglandschaften an. Indem das Hören in den Mittelpunkt des Konzepts gestellt wird, wird deutlich, dass der Pavillon unsere Wahrnehmungen hinterfragen, die Allgegenwart des Visuellen in Frage stellen und neue Perspektiven darauf eröffnen wird, wie wir Räume bewohnen und erleben.
In Anlehnung an John Cages „stilles“ Werk 4’33’’ lädt „Sonic Investigations“ dazu ein, die Augen zu schließen und aktiv zuzuhören, denn angesichts der visuellen Vorherrschaft wird das Zuhören zu einem politischen Akt, der neue Perspektiven für die Erkundung gebauter und natürlicher Umgebungen eröffnet, wodurch unsere Aufmerksamkeit verlagert und den Wesen – mehr als nur menschlich — irdischen Wesen, ob lebendig oder nicht, ein wenig in Anlehnung an Bruno Latour, den Philosophen, Anthropologen und Soziologen, bei dem Alice und Vincent studiert haben. Beide sind Absolventen des Masterstudiengangs „Experimentelle politische Künste“, der vom verstorbenen Bruno Latour und Frédérique Aït-Touati am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) geleitet wurde.
Die Entwickler betonen zudem, dass das Projekt „Sonic Investigations“ auch darauf abzielt, die ganze klangliche Vielfalt Luxemburgs hervorzuheben – ein Gebiet, in dem sich industrielle, städtische und natürliche Geräusche konzentrieren und überlagern. Die drei Architekten sowie das übrige Team (zu dem auch der Klangkünstler Ludwig Berger, der Philosoph und Musikwissenschaftler Peter Szendy sowie der Grafikdesigner Pierre Vanni gehören) räumen dem Klang hier einen zentralen Platz ein, um eine neue Form des räumlichen und sensorischen Verständnisses zu erschließen.
An der Schnittstelle zwischen Praxis und Theorie setzt sich dieses Projekt mit dem dicht besiedelten Gebiet Luxemburgs auseinander – einer Fallstudie, die repräsentativ für globale raumplanerische Herausforderungen ist und in der sich biologische, geologische und anthropogene Klänge in der komplexen Klanglandschaft des Anthropozäns vermischen. Wie lässt sich die Verflechtung der für dieses begrenzte Gebiet spezifischen zeitgenössischen Realitäten sichtbar machen? Die Architekten sind überzeugt, dass dies durch aufmerksames Zuhören und Feldaufnahmen gelingen kann, die eine klangliche Vielfalt aus vielfältigen Umgebungen einfangen. Beide sprechen von einer verkörperten Erfahrung des Raums. Sie sind der Ansicht, dass dieser Ansatz auch die Möglichkeit bietet, neue Perspektiven zu entwickeln und einen multisensorischen Ansatz in die architektonische und räumliche Praxis einzuführen.
Das Projekt befasst sich zudem mit den historischen und kulturellen Resonanzen von Klängen. Jedes Gebiet besitzt eine einzigartige klangliche Signatur, ein Echo seiner Vergangenheit und seiner Wandlungen. Das Projekt, das sich an alle Zielgruppen richtet, ermöglicht es, die akustischen Schichten zu kartografieren, die unsere Wahrnehmungen und Interaktionen beeinflussen. Die Wiedergabe dieser Klangatmosphären in einem immersiven Pavillon kann eine neue Art bieten, den Raum zu erleben und zu begreifen, die über die reine visuelle Wahrnehmung hinausgeht.
Durch die Schaffung neuer Erzählungen und die Darstellung des Territoriums jenseits anthropozentrischer Perspektiven wird die akustische Dynamik von Landschaften offenbart, die von menschlichen Infrastrukturen geprägt sind. Der Pavillon wird in diesem konkreten Kontext zu einem immersiven Raum, der das Unsichtbare sichtbar macht und dem Klang wieder einen Platz im Verständnis unserer gemeinsamen Umwelt einräumt. Dieser Ansatz stützt sich auf Konzepte wie die akustische Ökologie von Murray Schafer aus den 1960er Jahren und den von Steve Goodman entwickelten Begriff des „Klangkriegs“, bei dem der Klang zum Träger von Spannungen wird und die Herausforderungen einer sich rasant wandelnden Welt thematisiert.
Über das bloße Zuhören hinaus regt „Sonic Investigations“ zu einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Klangumgebung an und damit, wie diese durch menschliche Aktivitäten geprägt wird. Wie beeinflussen die Veränderungen der Klanglandschaft unser Wohlbefinden und unsere Beziehung zu Orten, oder wie prägen Urbanisierung, Infrastruktur und Energieflüsse unsere akustischen Wahrnehmungen? Dieses Projekt bietet einen Rahmen für Experimente und Analysen – in erster Linie für das Kreativteam, aber auch für das Publikum im weitesten Sinne. Es wird zweifellos dazu beitragen, neue Gestaltungsansätze zu entwickeln, die den akustischen Gegebenheiten besser Rechnung tragen.
Indem „Sonic Investigations“ das Hören wieder als wesentliche Wahrnehmungsform in den Vordergrund rückt, bietet es ein klangliches Eintauchen, das unser Verhältnis zu Räumen und Orten neu definiert. Indem dieser Ansatz eine Alternative zur Dominanz des Visuellen bietet, eröffnet er neue Horizonte für das Verständnis und die Gestaltung unserer Umgebung, indem er die akustische Dimension vollständig in unsere räumlichen und architektonischen Erfahrungen integriert.
Im Zentrum des Pavillons lädt eine gemeinsam mit dem Künstler Ludwig Berger konzipierte Klanginstallation, die einem Acusmonium nachempfunden ist, dazu ein, den Raum auf eine andere Art und Weise zu erkunden. Sie ist das Ergebnis von Begegnungen mit Experten aus verschiedenen Disziplinen, darunter Ökologie, Sozialwissenschaften, Ingenieurwesen, aber auch Geschichte und Datenwissenschaften.
Und schließlich wird das Projekt sowohl räumlich als auch zeitlich durch eine Publikation mit dem Titel „Ecotones: Investigating Sounds and Territories“ erweitert. Das Ganze wird von verschiedenen Aktionsmomenten begleitet, darunter eine Klangperformance von Ludwig Berger außerhalb der Räumlichkeiten mit Lesungen aus der Publikation. Zudem findet ein kurzer Künstleraufenthalt mit Gaia Ginevra Giorgi statt, der in einer Performance im Pavillon sowie in einem von Nicola Di Croce geführten Audio-Spaziergang auf der Lagune gipfeln wird.
Die 19. Internationale Architekturausstellung – La Biennale di Venezia findet vom Samstag, 10. Mai, bis Sonntag, 23. November 2025 statt (Fachbesuchertage am 8. und 9. Mai). Kuratoren: