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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Integration steht noch aus

Durch das Schaufenster des „Cultures of Assembly“ (COA) in der Rue du Brill in Esch zieht ein Modell des „Bâtiment T“, einer der Aufnahmeeinrichtungen der ONA (Office national de l’accueil), die Blicke auf sich. Dieses…

Erschienen in Ausgabe April 2025
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© Pfannkuchen!

Durch das Schaufenster des „Cultures of Assembly“ (COA) in der Rue du Brill in Esch zieht ein Modell des „Bâtiment T“, einer der Aufnahmeeinrichtungen der ONA (Office national de l’accueil), die Blicke auf sich. Dieses Gebäude beherbergt allein 1.200 Asylsuchende und Personen, denen internationaler Schutz gewährt wurde. Direkt unterhalb des Modells ist auf dem Boden die kleinste Gemeinde Luxemburgs gemessen an der Einwohnerzahl eingezeichnet: Saeul mit 980 Einwohnern. Dieser visuelle Kontrast markiert den Eingang zur Ausstellung „Municipality 101: Reimagining Inclusive Communities“, die vom Architekten, Forscher und Fotografen Mohammed Zanboa konzipiert und gestaltet wurde.

„Municipality 101“ ist aus dem Forschungsprojekt „After Arrival“ hervorgegangen, das sich mit räumlicher Gerechtigkeit und dem Recht auf Wohnen befasst und das Zanboa im Rahmen seiner Masterarbeit in Architektur an der Universität Luxemburg durchgeführt hat (Land, 20.09.24). Darin erstellt er eine Kartografie der Aufnahme in Luxemburg anhand der Analyse von 17 Einrichtungen der ONA, die er besucht hat. In „Municipality 101“ zeigen große Plakate in den Farben Europas die Topografie dieser Einrichtungen, und Fotos vermitteln einen Eindruck vom dortigen Leben.

Die ONA verwaltet 73 Einrichtungen, auf deren Gesamtfläche von einem Quadratkilometer etwa 8.200 Bewohner leben. Das entspricht der Einwohnerzahl einiger luxemburgischer Gemeinden wie Junglinster (8.405) oder Wiltz (7.697). Remich, die flächenmäßig kleinste Gemeinde – 5,3 Quadratkilometer – zählt lediglich 4.100 Einwohner. Aus diesem Kontrast entsteht die grundlegende Metapher der Ausstellung: die Idee einer 101. luxemburgischen Gemeinde, in der die Bewohner der ONA-Einrichtungen als eigenständige Bevölkerung betrachtet werden. Über das ganze Land verstreut bilden diese Bewohner einen „liquid body“, der das gleiche Potenzial für soziale und politische Teilhabe birgt wie die Bevölkerung der hundert „festen“ Gemeinden. Mit diesem Bild lädt Zanboa zum Dialog und zur Zusammenarbeit zwischen Flüchtlingen, Fachkräften und Entscheidungsträgern ein.

An der Podiumsdiskussion, die im Rahmen der Ausstellungseröffnung stattfand, nahmen Abdelrahman Assad (ehemaliger Bewohner von Aufnahmeeinrichtungen), César Reyes Najéra (COA), Antoine Paccoud (Observatoire du logement), Markus Miessen (COA), Sérgio Ferreira (Asti) und Mohammed Zanboa. Mit der Schaffung dieser partizipativen Plattform versucht Zanboa, die vorherrschende Logik zu durchbrechen, die Flüchtlinge auf die Rolle passiver Leistungsempfänger beschränkt, und schlägt vor, sie als Akteure der Gesellschaft anzuerkennen, die über Rechte und eine Stimme verfügen.

Assad spricht von der Isolation der Pflegeeinrichtungen gegenüber dem Rest der Gesellschaft. „Sie funktionieren so unabhängig, dass man fast vergisst, dass man sie wieder verlassen muss. Und wie sollten die Menschen mit den finanziellen Mitteln, die sie haben, überhaupt hinauskommen?“ Der Blick in die Zukunft fällt schwer. Die Bewohner verlieren nach und nach ihre Selbstständigkeit, da ihre Bewegungsfreiheit und ihr Alltag streng durch ihren Status, ihr Asylverfahren und den mit der ONA unterzeichneten Vertrag geregelt werden. Dieses Dokument, das jeden noch so kleinen Aspekt ihres Lebens regelt – von der zulässigen Größe eines Teppichs bis hin zum Kontakt mit der Presse –, wird in der Ausstellung in seiner Gesamtheit, einschließlich aller 24 Anhänge, präsentiert.

Ferreira kritisiert die luxemburgische wie auch die europäische Migrationspolitik, die entgegen ihren Bekenntnissen weder Aufnahme noch Schutz gewährt. Er verweist auf ein Plakat in der Ausstellung, das schematisch die Komplexität des Asylverfahrens veranschaulicht. „Niemand kann es verstehen, ohne es mehrmals zu lesen“, erklärt er und betont, dass diese Undurchsichtigkeit kein Zufall, sondern eine politische Entscheidung sei. Eine Entscheidung, die dazu beiträgt, Asylsuchende und Personen, die internationalen Schutz genießen, in die Rolle von Menschen zweiter, ja sogar dritter oder vierter Klasse zu drängen. Gemeinsam mit Zanboa machen sie darauf aufmerksam, dass die Ankunft im Aufnahmeland – anders als man vielleicht annehmen könnte – weder eine Atempause noch eine Erleichterung bedeutet. Vielmehr markiert sie den Beginn eines neuen Gewirrs aus unsichtbaren, aber sehr realen Grenzen, die die Integration bremsen oder gar verhindern. Sei es durch Sprachbarrieren, beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche.

Paccoud, Sozialgeograf am Liser, erläutert die zentrale Rolle des Grundbesitzes in der akuten Wohnungskrise in Luxemburg. Er weist darauf hin, dass 0,5 Prozent der Wohnbevölkerung allein die Hälfte der bebaubaren Grundstücke des Landes besitzt. Grundbesitz bedeutet Macht. Die Entscheidungen dieser Eigentümer wirken wie ein sozialer Filter, der es ermöglicht, zu kontrollieren, wer die Mittel hat, sich dauerhaft in Luxemburg niederzulassen. Er beschreibt diesen Mechanismus als eine Form der Gentrifizierung auf nationaler Ebene: Migranten sind willkommen, um Mieten zu zahlen, doch ihre vollständige Integration wird nicht wirklich gewünscht. Etwa 2.300 Bewohner der ONA-Einrichtungen haben bereits den Flüchtlingsstatus erhalten, bleiben dort jedoch jahrelang festgefahren – gefangen in einem völlig unzugänglichen Immobilienmarkt.

„Municipality 101“ lädt alle Beteiligten ein, sich zusammenzufinden, um Alternativen zu entwickeln und umzusetzen. Es ist zugleich ein Aufruf an die Gesellschaft und die bestehenden Gemeinden, würdige Lebensräume für Flüchtlinge zu schaffen, Möglichkeiten für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu eröffnen und die „permanente Vorläufigkeit“ zu durchbrechen, in der ihr Leben in der Schwebe hängt.