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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Indianer und matrilineare Abstammung – ob fern oder nah, Hüter der Vergangenheit und der Zukunft

Von Arizona und Oklahoma bis zu den Calanques von Marseille

Erschienen in Ausgabe Juni 2023
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Man könnte dies leicht als aufeinanderfolgende Wellen erkennen – als Anleihen bei anderen Kontinenten durch Künstler, die zweifellos eine Vorliebe für das Exotische haben, sich aber wohl eher von bestimmten spirituellen Strömungen angezogen fühlen oder gar durch politische Skandale aufgerüttelt werden. Die Anziehungskraft des Fernen Ostens ist weit entfernt, ebenso die Faszination Afrikas. Näher bei uns besteht das Phänomen jedoch weiterhin, und Reisen bilden nicht nur die Jugend. „In die Welt aufbrechen“, das war (und bleibt) das Leitmotiv von Günther Uecker, mit dem Programm: „nicht abmalen, für bildnerisches Handeln verwenden“. Und die neuen Erfahrungen in den eigenen Ansatz einfließen zu lassen, wobei sich beide ergänzen und miteinander verschmelzen.

Es ist bereits etwa vierzig Jahre her, dass der deutsche Künstler das Reservat der Navajo-Indianer besucht hatte (wobei das Wort „besucht“ die tatsächliche Intensität des Aufenthalts – ein gemeinsames Leben – nicht angemessen wiedergibt). So lautete damals die Bezeichnung; heute spricht man üblicherweise von Native Americans – es gibt mehr als fünf Millionen von ihnen – oder von Indianern, also Ureinwohnern (einschließlich ihrer Nachkommen) aus der Zeit vor der Kolonialisierung. Und in Arizona stand Günther Uecker dem heiligen Berg der Navajos, der „Black Mesa“, gegenüber und setzte ihn in ein ergreifendes Werk um: Vertikalität, die in ebene Geometrie überging, in Form eines Vierecks von tiefster Schwärze. Denn der Berg war bedroht und lief Gefahr zu verschwinden – aufgrund der Gewinnversprechen, die die Kohlevorkommen weckten. Auf diese Weise zerstört man eine Landschaft, ja sogar eine Kultur, eine Zivilisation, im Namen des Fortschritts.

Genau dieser Vorwurf wird in dem kurzen Film – einem weniger als zehnminütigen Video – erhoben, das den Lesern kürzlich bekannt wurde, Anlässlich der Brognon-Rollin-Ausstellung im Delta de Namur sind wir – parallel zu „The Land and the Unfolded Map“ mit den Lebenslinien von Angehörigen des Volkes der Miskatole – nach Oklahoma gereist: „There is more to it than Beats and Feathers“ oder wie man Ohrringe mit dem Motiv eines Rotkardinals herstellt, jenem symbolträchtigen Vogel der verstorbenen Ältesten, dessen schillerndes Gefieder auf eine lebendige Frömmigkeit und Spiritualität hinweist. Die von den Mvskoke gewählte Methode ist die einer Anleitung, einer Gebrauchsanweisung oder eines Lernleitfadens, die dadurch auf einen Schlag ein ganz anderes Aussehen und eine ganz andere Bedeutung erhält. Mit großer Ruhe, einer Art Gelassenheit, genährt und beschwert von einer fast unvordenklichen Vergangenheit, wandelt sich die Stimme von Hope Craig-Corlew zur Anprangerung der Unterdrückung.

Und die bunten Perlen, die man auffädeln muss, um dem Kardinal Gestalt zu verleihen, rot, mit hellblauem Rand, weißen Flecken und einem schwarzen Auge, das einen anstarrt – all das steht ebenso für die Abfolge von Generationen, die alle möglichen Übergriffe erlitten haben, was schließlich zu dieser quälenden Frage führt: Wie können die Vereinigten Staaten die Souveränität (anderwo) verteidigen, wenn sie weiterhin einen Völkermord an den indigenen Völkern begehen? Das Tutorial übermittelt uns diese Botschaft – als digitales Trojanisches Pferd oder als Flaschenpost in den Wellen der Moderne.

Man muss vielmehr sehr weit zurückgehen, bis zur Venus, einer Kalksteinfigur aus dem Jungpaläolithikum, die 1908 in der Wachau in der Nähe von Willendorf im Jahr 1908, in der Installation von Laure Prouvost in der Kunsthalle Wien (bis zum 1. Oktober). Sie fungiert dort gewissermaßen als erster und letzter Anhaltspunkt für das, was der Besucher – wenn auch recht mühelos – bereits im Titel selbst entschlüsseln soll: „Ohmmm age Oma je ohomma mama“. Wir begeben uns also auf eine Reise in die matrilineare Welt und sehen im Film Frauen, ein wenig in der Art der Hexen bei Shakespeare oder Goya – für welchen Sabbat auch immer –, die sich in einer Höhle in den Calanques von Marseille versammelt haben. Natürlich vermischen sich Zeiten und Orte, wenn es nur noch um die Weisheit der Großmütter geht – seien sie real oder fiktiv –, ja sogar um ihr Lob und ihre Verehrung. Auf ihrer langen Liste steht unter anderem Rosa Parks, eine Ikone des Kampfes gegen die Rassendiskriminierung in Amerika.

Es ist also dieser Film, der auf zwei Bildschirmen läuft, und außerdem wirkt die Ausstellung selbst wie eine weitläufige Höhle (eher schamanisch als platonisch), in der man von Station zu Station, von Rastplatz zu Rastplatz geht, die aus einem schönen Durcheinander bestehen, aus (gefertigten) Objekten, aus gefundenen und gesammelten Materialien, aus Mobiles, die alle abwechselnd beleuchtet werden. Laure Prouvost setzt auf diese Weise auf die starke poetische Wirkung ihrer Bilder und Assemblagen, während andere in ihrer Aussage oder Botschaft direkter sind.