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Bildende Kunst 7 Min. Lesezeit

Im Sinne der Geschichte

„The Milk of Dreams“, die internationale Ausstellung, stellt sich den Anforderungen der heutigen Zeit mit Künstlern, die alle Kulturen und alle Geschlechter repräsentieren

Erschienen in Ausgabe April 2022
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Es ist unmöglich, auf der Biennale alles zu sehen. Zum einen, weil es sehr, sehr viel zu besichtigen gibt: Es gibt nicht nur knapp hundert nationale Pavillons (allerdings ohne den russischen, da Künstler und Kuratoren die Teilnahme verweigert haben), verteilt auf die historischen Giardini, das prestigeträchtige Arsenale und die einfallsreichen Ausstellungsorte in Palazzi, Kirchen und stillgelegten Hallen der Stadt. Zudem versammelt die kolossale internationale Ausstellung im langen Cordiere des Arsenale und im labyrinthartigen Zentralpavillon der Giardini mehr als 200 Künstler. Ganz zu schweigen von den Museen, Stiftungen und Kunstzentren, die sich eines spezifischen und oft hochkarätigen Programms rühmen. Außerdem sind sehr, sehr viele Menschen da. Sich in die Schlange zu stellen, um nach und nach mehr oder weniger immersive, intime oder einfach nur langwierige Werke zu sehen, ist zum Hauptsport der Biennale geworden – Gedränge, um eine bestimmte Performance mitzuerleben oder einen Platz vor einem Bildschirm zu ergattern, inklusive. Wir konzentrieren uns daher auf „The Milk of Dreams“, die internationale Ausstellung, deren Kuratierung der einflussreichen Cecilia Alemani, einer italienischen Kuratorin aus New York, anvertraut wurde.

Ihre Auswahl würdigt auf radikale Weise das Schaffen von Künstlerinnen und nicht-binären Künstler*innen (80 Prozent der ausgewählten Künstler*innen) und zielt darauf ab, „die zentrale Stellung der Männer in der Kunstgeschichte und der zeitgenössischen Kultur in Frage zu stellen“. Die alten weißen Männer sollten sich warm anziehen, denn die venezianischen Ausstellungswände öffnen sich weit für Frauen und die Welt: 213 Künstlerinnen aus 58 Ländern werden hier ausgestellt. Und schon der Eingang zur Ausstellung im Arsenale macht mit einer riesigen Skulptur der Amerikanerin Simone Leigh deutlich, worum es geht (sie gewann einen Goldenen Löwen für den besten Beitrag zur internationalen Ausstellung und vertritt die USA zudem in einem sehr gelungenen Pavillon). „Brick House“ ist eine Art afrikanische Göttin, halb Mensch, halb Haus, jedoch ohne Blick. Sie ist umgeben von Schwarz-Weiß-Radierungen der kubanischen Künstlerin Belkis Ayon, die den kubanischen Mythos einer Frau inszenieren, deren Gesicht im Gegensatz dazu nur aus Augen besteht. Man taucht sofort in diesen Surrealismus ein, der bereits durch den Gesamttitel der Ausstellung angekündigt wird, der einem Kindermärchenbuch der Künstlerin Leonora Carrington (1917–2011) entstammt. In den Giardini wird man von einer nicht minder imposanten Skulptur von Katharina Fritsch, „Elefant“ (1987), empfangen. Das Tier strahlt mit seinem flauschigen Aussehen Geborgenheit aus, doch sein flaschengrünes Fell erinnert an eine alte Bronzeskulptur und verweist auf die Bedrohung, unter der diese Tierart steht.

Zwischen diesen beiden Giganten gibt es eine Vielzahl von Körpern in allen möglichen Materialien, Haltungen, Zuständen und Eigenschaften. Die Erzählungen von Leonora Carrington zeigen recht beunruhigende Hybrid- und Mutantenwesen, die die Ausstellung als Begleiter auf einer Reise durch die Metamorphosen des Körpers und die verschiedenen Definitionen des Menschseins heranzieht. Bei der heutigen Lektüre der Autorin denkt man an technologische Dystopien, Gesundheitskrisen, Umweltkatastrophen und Krieg. Doch die Kuratorin der Ausstellung möchte in der Kunst und im kreativen Schaffen eine Antwort auf diese Ängste sehen. „Die Künstler stellen sich einen posthumanen Zustand vor, der die westliche und moderne Sichtweise des Menschen als festes Zentrum der Welt in Frage stellt.“ Die Darstellung von Körpern und deren Metamorphosen, die Beziehung zwischen Individuen und Technologien sowie die Verbindung zwischen Körpern und der Erde sind die drei Kapitel der Geschichte, zu der uns Cecilia Alemani einlädt. Amüsiert, fasziniert und beunruhigt wandern die Besucher so von den schlanken, katzenhaften Puppen der Dänin Ovartaci über die achtarmigen oder gitarrenköpfigen Kreaturen der Chilenin Cecilia Vicuna zu den Zeichnungen der Brasilianerin Rosana Paulino, in denen Frauen zu Pflanzen werden, zu den aus Kristall geformten Außerirdischen der Amerikanerin Andra Ursuta, zur ziemlich gruseligen Geschichte dieses Kindes, das mit dem Kopf seiner Mutter umherwandert (eine sehr originalgetreue Nachbildung der Büste der polnischen Künstlerin Aneta Grzeszykowska) oder auch dem Gespann aus Skeletten weißer Giraffen, die ein riesiges, von tausend Krankheiten befallenes männliches Geschlechtsorgan ziehen (von der Deutschen Raphaela Vogel).

Einer der erstaunlichsten Aspekte dieses gewaltigen menschlichen Freskos ist die Vielfalt der verwendeten Techniken und Medien. Während die Fotografie an Attraktivität zu verlieren scheint, nehmen Zeichnung und Malerei einen herausragenden Platz ein. Traditionelle Techniken wie Weben (Ighaan Adams, Südafrika), Stricken (Rosemarie Trockel, Deutschland), Keramik (Ambra Castagnetti, Italien) und Terrakotta (Gabriel Chaine, Argentinien) stehen neben den innovativsten Materialien aus der Raumfahrtindustrie (Teresa Solar, Spanien), der künstlichen Intelligenz (Lynn Hershman Leeson, USA) oder, im Gegensatz dazu, dem Recycling von Materialien und Gegenständen (Tau Lewis, Kanada) oder von Erde und Pflanzen (Precious Okoyomon, Großbritannien)…

Der Rundgang durch „The Milk of Dreams“ wird von fünf „Zeitkapseln“ unterbrochen – historische Exkurse, die uns neue Perspektiven und Hilfsmittel zum Verständnis der behandelten Themen bieten. Diese Bereiche, die durch unterschiedliche szenografische Gestaltungen (mit Teppichboden und einer Beleuchtung, die auf die Konservierung dieser teilweise jahrhundertealten Werke abgestimmt ist) klar abgegrenzt sind, ergeben ihren Sinn durch den Dialog, der mit den zeitgenössischen Künstler*innen entsteht. Denn auch hier werden vor allem Frauen präsentiert, die in einer auf Männer ausgerichteten Kunstgeschichte meist an den Rand gedrängt wurden. Ein Werk, das ignoriert oder vergessen wurde und dennoch das zeitgenössische Schaffen prägt.

Der sehr dichte, sehr intensive Rundgang durch die internationale Ausstellung zeichnet somit eine Bestandsaufnahme einer Welt von morgen, die die Welt von gestern nicht einfach ad acta legt. Hunderte von Werken reihen sich aneinander, fügen sich ineinander ein, treten in einen Dialog oder in einen Gegensatz zueinander und bilden schließlich eine Art konzeptuelle, aber dennoch gefühlvolle Erzählung.

In den Palästen

Während der Biennale überbieten sich die Museen und privaten Stiftungen in Venedig gegenseitig mit Ausstellungen großer Namen und internationaler Größen. Die Werbeanzeigen an den Vaporetto-Haltestellen und die Plakate in der Stadt kündigen unter anderem Anish Kapoor, Bruce Nauman, Tony Cragg, Marlene Dumas, Joseph Beuys, Katharina Grosse, Sabine Weiss, Ugo Rondinone an, ganz zu schweigen von Gruppenausstellungen wie „La magie du surréalisme“, „On fire“ oder „Homo Faber“.

Wir möchten hier ganz besonders „Open End“ von Marlene Dumas im Palazzo Grassi empfehlen, eine bewegende Ausstellung mit Gemälden der südafrikanischen Künstlerin, die sagt: „Ich möchte, dass meine Bilder wie Gedichte sind. Gedichte sind wie Sätze, die sich entblößt haben.“ Und entblößt sind ihre Gemälde in der Tat oft: Sie durchbrechen die Intimität, treiben ihre Motive in die Enge und offenbaren ganz ungeniert ihre eigenen Obsessionen. Und doch, weit entfernt von Hochglanzpornografie, wirken Dumas’ Werke wie verwaschen, kühl und von unendlicher Poesie.

Die Hängung bietet diesen teilweise sehr kleinen Gemälden einen schönen Raum, in dem sie atmen können und so den Blick des Besuchers auf sich ziehen. Marlene Dumas gibt sich nicht mit dekorativen Effekten zufrieden. Sie wagt das Hässliche, das Schmutzige, das Gewalttätige, wie in ihren Bildern rund um Palästina. Sie malt die Freiheit, die Unterdrückten, die Verurteilten und die Prostituierten. Sie taucht ihre Pinsel in Empörung und Großzügigkeit, wie bei dieser Serie von Porträts kultureller Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ermordet und verfolgt wurden. Die Serie mit dem Titel „Grands hommes“ umfasst heute 44 Zeichnungen, die hier zum ersten Mal vollständig zu sehen sind.

Von ganz anderer Dimension, um nicht zu sagen von einem gewissen Größenwahn, nimmt Anselm Kiefer alle Wände bis zur Decke eines der prestigeträchtigsten Säle Venedigs ein: die „Sala dello Scrutinio“ im Dogenpalast unter dem Titel „Questi scritti, quando verranno bruciati, daranno finalmente un po’ di luce“ (Diese Schriften werden, sobald sie verbrannt sind, endlich ein wenig Licht spenden), ein Zitat des venezianischen Philosophen Andrea Emo. Diese Gemälde sind gewissermaßen die Antwort auf die italienischen Meister Tintoretto, Palma il Giovane oder Andrea Vicentino, die den Saal nach dem Brand, der seine Ausstattung 1577 zerstört hatte, neu ausmalten, wobei auch die neuen Gemälde dazu bestimmt sind, zu vergehen, sobald sie aus dem Dogenpalast entfernt werden. Venedig steht im Mittelpunkt dieser eindrucksvollen Installation, nicht so sehr als Objekt der Verehrung oder Bewunderung, sondern vielmehr als Metapher für den Austausch und die Einflüsse zwischen Orient und Okzident. Man erkennt darin natürlich die jahrhundertealten Mythen, die im Werk des Künstlers durchscheinen, in dem sich seine eigenen Ängste mit der Finsternis unserer Zeit verbinden.