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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Große Ausstellung

Ihr Name prädestinierte sie zweifellos dazu, in großen Dimensionen zu denken. Die Installationen im XXL-Format haben jedenfalls maßgeblich dazu beigetragen, das Werk von Katharina Grosse weltweit bekannt zu machen. Nun…

Erschienen in Ausgabe Juni 2024
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Ihr Name prädestinierte sie zweifellos dazu, in großen Dimensionen zu denken. Die Installationen im XXL-Format haben jedenfalls maßgeblich dazu beigetragen, das Werk von Katharina Grosse weltweit bekannt zu machen. Nun widmet ihr das Centre Pompidou-Metz eine groß angelegte Ausstellung mit dem Titel „Déplacer les étoiles“, in der die Malerei die materiellen Grenzen des Ortes überschreitet.

Katharina Grosse wurde 1961 in Freiburg im Breisgau geboren und wuchs in einem gebildeten Umfeld in der vom Ruhrgebiet, einer von der Arbeiterklasse geprägten Industrieregion, auf. Ihre Mutter ist Künstlerin, ihr Vater Rektor der kurz zuvor gegründeten Universität Bochum, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Da das junge Mädchen in einem familiären Umfeld aufwuchs, das intellektuelle Neugier förderte, verbrachte sie einen Aufenthalt in Paris, wo sie die Gemälde von Géricault und Delacroix entdeckte, nicht zu vergessen Matisse, dessen Farbgebrauch einen starken Eindruck auf sie machte. Erst im Alter von 19 Jahren beschließt sie, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Sie schrieb sich daraufhin an der Kunstakademie Düsseldorf ein, an der die größten deutschen Künstler der letzten Jahrzehnte unterrichtet hatten, darunter Joseph Beuys, Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Anselm Kiefer, mit dem sie den Sinn für Monumentalität teilt. Unzufrieden mit ihrer künstlerischen Praxis hat sie das Gefühl, dass die Möglichkeiten der Malerei durch die Tradition des Rahmens und der Bilderleisten eingeschränkt werden. Für sie kann die Malerei eine sinnliche Raumerfahrung bieten, die sich von der der Architektur unterscheidet. Eine Überlegung, die die junge Frau in den 1990er Jahren im Kontakt mit Italien und dessen Wandfresken vertiefte, die aber durchaus auch durch andere Ereignisse in der Geschichte der Kulte und Künste genährt worden sein könnte, von den Höhlen von Lascaux über die orthodoxen Ikonostasen bis hin zum mexikanischen Muralismus, dank derer der Gläubige buchstäblich in die Bilder hineingeht. Die Folge dieser kritischen Reflexion: Katharina Grosse tauscht ihre Pinsel gegen die Sprühdose und die Leinwand gegen eine direkt an den Wänden realisierte Intervention. Diese Wende in ihrem Schaffen zeigt sich 1998 mit dem „Green Corner“ für die Kunsthalle Bern (Schweiz), wo das Grün in der Ecke des Raums ins Schwarze übergeht, als wäre es verkohlt. Damit werden neue technische und ästhetische Prinzipien festgelegt und in ihrem zukünftigen Werk umgesetzt: das Fehlen eines Vermittlers zwischen dem Künstler und dem Ort, der Einsatz von Industriefarben, die Verwendung einer Sprühpistole, die es ihm ermöglicht, unzugängliche Stellen zu erreichen und darüber hinaus die Unebenheiten einer Oberfläche hervorzuheben.

Die Ausstellung im Centre Pompidou-Metz greift diesen Ansatz auf und gliedert sich in drei Abschnitte. Man betritt das Schlafzimmer, das die Künstlerin in ihrer Düsseldorfer Wohnung bewohnte und das sie 2004 mit Sprühfarbe neu gestrichen hat. Der Raum im Maßstab 1:1 ist in der Eingangshalle aufgebaut: Um ein ungemachtes Bett herum, dessen Decken und Laken umgedreht und zerknittert sind, als hätte Grosse es gerade verlassen, liegen ein Stapel angesammelter Bücher (darunter erkennt man insbesondere Werke von Virginie Despentes) und auf dem Boden ausgebreitete Kleidungsstücke. All dies sind Hinweise, die aus dem Privatleben der Künstlerin entnommen und dann der (sensiblen) Prüfung durch die Malerei unterzogen wurden: Farbspritzer, die sie überdecken, ihre Vertrautheit abschwächen und neue Konturen innerhalb eines bestimmten materiellen Raums zeichnen. Der Rundgang setzt sich im Inneren des Hauptschiffs fort, dem idealen Raum für die beiden anderen spektakulären Arbeiten von Katharina Grosse. Die erste, besonders poetische Arbeit besteht aus einem hängenden Baum mit ausgebreiteten Wurzeln, der wie durch Zauberei schwerelos vor uns steht (er soll unverändert aus einem Wald an der Mosel hierher transportiert worden sein). Wie schon bei „Bedroom“ überlagert Grosse unterschiedliche Welten und vermischt das Lebendige mit dem Geschmack für Künstlichkeit und Artefakte; der Baum ist hier in weiße Vorhänge gehüllt, große Segel, die wie das Versprechen eines Abflugs ausgebreitet sind. Die Installation, die im Zeitalter des Anthropozäns besonders beunruhigend wirkt, erinnert auch an die Arbeit von Henrique Oliveira im Palais de Tokyo.

Dann entdeckt man die ursprünglich in Sydney entstandene Installation, die die bildende Künstlerin im Centre Pompidou-Metz neu interpretiert hat. Die Installation besteht aus 8.250 Quadratmetern hängendem, mit Sprühfarbe gefärbtem Stoff und scheint sich mit dem Ort, an dem sie ausgestellt ist, zu verschmelzen: Ihre riesigen Stoffbahnen reichen bis zur Decke und erstrecken sich über die gesamte verfügbare Fläche des Raums. Das Publikum hat alle Zeit der Welt, in diese Höhle der Farben einzutreten, sich dort sogar zu verlieren und über die Stoffe zu schlendern, die den Boden bedecken. Bestimmte, von den Stoffbahnen gezeichnete Kurven lassen die Materialien auf eine Reise gehen und erinnern an die Formen, die gleichzeitig vom Einbaum, den Wellen und dem Fuji in Hokusais berühmtem Holzschnitt aufgegriffen werden. Die räumliche Weite gewinnt dabei die Oberhand über die materielle und rationale Weite der Architektur. Dieser Wille, die Grenzen des Ortes zu überschreiten – die Sterne zu pflücken, in Anlehnung an den Titel der Ausstellung – ist auch in den Farbansammlungen spürbar, die den Boden bedecken, diesmal außerhalb des Gebäudes. Auf dem Vorplatz der Menschenrechte setzt sich die Installation unendlich fort. Als wolle sie den Betrachter einladen, nach draußen zu treten, um dort den Traum, den Himmel zu berühren, fortzusetzen.

Ausstellung von Katharina Grosse,