Isabella Ferreira zeigt Zurückhaltung, wenn es darum geht, von einem Kapitel zu erzählen, das in der Geschichte ihres Landes doch ein schmerzliches war: die Salazar-Diktatur in Portugal. Die politische Flucht in den 1960er Jahren und die Weigerung, sich militärisch zu engagieren, um Angola, Mosambik und Guinea-Bissau, damals noch afrikanische Kolonien, unter seiner Kontrolle zu halten.
An den Wänden des „Projects Room“, einem experimentellen Nebenraum der Galerie Nosbaum Reding, sind Porträts von Männern und Frauen zu sehen, die illegal die Pyrenäen überquert haben. In Luxemburg mehr noch als in Frankreich, wo sie oft als Pächter auf den landwirtschaftlichen Betrieben im Süden arbeiteten. Das in den 1970er Jahren unterzeichnete bilaterale Abkommen festigte rechtlich den Einsatz portugiesischer Arbeitskräfte zunächst in der Stahlindustrie und später im Baugewerbe.
Dennoch: Ob legal oder illegal – Einwanderung ist immer ein innerer Konflikt. Ganz zu schweigen von der heutigen Zeit, in der Europa nach wie vor ein Eldorado ist, das zu den Tragödien der Schiffbrüchigen im Mittelmeer führt. Um die Erzählung der Ausstellung „O Salto“ zu verstehen, muss man daher wissen, dass Isabelle Ferreira – zwar auf sanfte Weise, aber im Stil der Prozesskunst – arbeitet, um den Besucher durch eine erzählte Geschichte zu sensibilisieren.
Um den Unterschied zu verdeutlichen, sei hier das große Gedenkwerk von Christian Boltanski, „Les Monuments“, erwähnt, das den Opfern der Shoah gewidmet ist. Die visuellen Emotionen, die durch die von Isabelle Ferreira gezeigten Gesichter aus „O Salto“ hervorgerufen werden, sind vergleichbar, doch der Ursprung ihres künstlerischen Schaffens liegt nicht im Verschwinden: Es handelt sich um eine Neukomposition – die Überquerung der Pyrenäen, die sie mit dem Untertitel „Die Erfindung des Mutes“ versieht.
An den Wänden sind also Halbgesichter zu sehen, oft die rechte oder linke Hälfte eines Frontalporträts; und wenn das Gesicht im Profil dargestellt ist, verdeckt Isabelle Ferreira die Augen der auf Holz übertragenen Fotografien mit einer Art Augenbinde, einem pastellfarbenen Streifen. Blau wie der Himmel, ockerfarben wie die Erde. Sie haben die Größe eines Porträts, wie man sie früher in den Häusern der Eltern hängen sah. Der Schlüssel zu diesen Porträt-Hälften liegt in „Toute la vie du visage“, wo man in Rahmen gleicher Größe Passfotos sieht, die zu viert in einem Fotoautomaten aufgenommen wurden.
„O Salto“, was „der Sprung“ bedeutet, erzählt anhand dieser Fotos die Geschichte einer Botschaft während der Überquerung der Pyrenäen nach Frankreich: Sobald die illegalen Einwanderer die Berge und die Grenze überwunden hatten, schickten sie der Familie per Post die Hälfte des mitgenommenen Passfotos. Sie waren wohlbehalten angekommen, nun galt es, die Schlepper zu bezahlen. Alles lässt sich immer mit Geld regeln…
Doch der Preis der Freiheit war auch die Anstrengung der Überquerung des Gebirges. Das Holz, auf das Isabelle Ferreira die Porträts der Männer und Frauen gedruckt hat, ist wiederverwertet und zerschnitzt. Es symbolisiert die bescheidenen Lebensumstände der Flüchtlinge. Denn die Gefahr bestand darin, von einer Patrouille der Grenzschutzbeamten erwischt zu werden. Einige Porträts sind zudem mit Decken bedeckt. Sicherlich, um sich vor der Kälte zu schützen, um sich zu verstecken. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man darin die Symbolik der Installation. Sie sind in den Farben Portugals gehalten, Grün und Rot, die auch die Farben des Baskenlandes sind.
In dieser Sprache, die auf beiden Seiten der Pyrenäen gesprochen wird, heißt „Vorwärts!“ „ibili“. „Ibili“ ist der Name für Wanderstöcke, die traditionell aus Kastanienholz gefertigt werden. Dieser traditionelle Hirtenstock mit eiserner Spitze wird vom Künstler mit Metallklammern verziert. Damit wird mit wenigen Mitteln die Schwierigkeit des Vorankommens zum Ausdruck gebracht. Doch da sind die Landschaften, flüchtige Einblicke, die wir erreichen werden. In der Nacht. Das ist die Hoffnung, wie eine Lücke im Nachthimmel.
Isabelle Ferreira erzählt ein Stück Geschichte. Die Migration hingegen nimmt kein Ende.
„O Salto – Die Erfindung des Mutes“ von Isabelle Ferreira ist bis zum 27. Mai im Projects Room der Galerie Nosbaum Reding zu sehen