Ostende war einst ein vornehmer Badeort. Dort, wo der erste König der Belgier, Leopold, seine Sommer verbrachte und dessen Sohn den Strand zur „Königin der Strände, zum Strand der Könige“ machte Zitiert wird Alain D’Hooghe, der als Erster die Farbfotografien aus der Serie von Yvon Lambert im Jahr 2021 in Brüssel in der Box Galerie ausstellte und das Nachwort zu einem Katalog verfasste, der 91 Bilder enthält. Nur 34 davon werden im Projects Room Nosbaum Reding ausgestellt.
Der Titel der zweisprachigen Ausstellung ist dem Buch entnommen, das einen Dialog zwischen den Fotografien von Yvon und den von Romain Lambert verfassten „Postkarten“ in „Conversations du bord de Mer – Oostende – Gespreekken aan zee“ darstellt. Man kann sich kaum vorstellen, es anders als „Oostende“ auszusprechen, ganz im Stil des verstorbenen Arno, bei dem der rau-klangvolle flämische Dialekt in die französische Sprache einfließt. Oostende also.
Alex Reding stellt nur noch selten Fotografien aus, und noch seltener in seinen Räumen in der Rue Wiltheim, die eher für experimentelle Projekte reserviert sind. Werden die Besucher – ob sie nun Fans von Yvon Lambert sind oder nicht – überrascht sein? Es gibt einige Aufnahmen, die man als seine „Konstanten“ bezeichnen könnte – die Beine des Mädchens, die auf dem Bürgersteig aus dem Haus ragen, das sich küssende Paar unter dem Logo einer Bank. Sei es das „Klischee“ der Prostituierten, die identitätslose moderne Stadt, aber auch ein Geschäft, das so sehr aus der Zeit gefallen ist, dass es kaum vorstellbar erscheint, dass es überhaupt existiert.
Yvon Lambert übertreibt bewusst, damit man die Dinge nicht anders sehen kann als auf seine rebellische Art. Seine Aufnahmen aus Rumänien (Retours de Roumanie, 2004) oder aus Neapel (Naples en hiver, 1993 und NAPOLI, 2011) zeigen – auf eine Weise, die man als malerisch bezeichnen könnte – soziale Ungerechtigkeit und Elend oder harte Arbeit, wie in den „Derniers Feux du haut fourneau B à Belval“ (1997) mit ihrer dramatisch inszenierten Beleuchtung. Es ist noch glühend heiß, voller Schweiß, aber es ist das Ende.
Lambert hält hier im Allgemeinen mehr Abstand. Zunächst einmal ist da das Meer. Es ist ein riesiger, offener Raum. Es ist Blau. Das Blau des Himmels und das des Meeres. Es ist Weiß. Das Weiß der Wolken und das der Wellenkämme. Die Formate sind nicht sehr groß: 47 x 34 cm und 64 x 48 cm. Zwei davon sind hochformatig, was den Horizont einengt wie ein Gemälde, in dem Lambert die Unendlichkeit einzufangen möchte. Im Querformat sind einige kleine Figuren zu sehen, die in den kleinen Wellen herumhüpfen. Sie dienen als visuelle Orientierungspunkte. Wenn sich Sand und Gezeiten in schlangenförmigen Linien treffen, bindet Yvon Lambert das Bild an die Geometrie der Strandkabinen und des Stegs.
Die fotografierten Motive, die paarweise oder als horizontales Triptychon präsentiert werden, führen zu seltsamen Begegnungen, bei denen die Linien miteinander ringen: so etwa der Horizont zwischen Land und Meer und eine seltsame, aus einer Fassade zusammengesetzte Komposition. Außerdem befinden sich zwei Fotos direkt nebeneinander oben und eines darunter, wodurch ein Dreieck entsteht. Wunderschöne Fotos hätten es verdient, einzeln präsentiert zu werden, wie beispielsweise das Foto des Gemäldes. Es handelt sich um das Schaufenster des Souvenirladens, in dem Madame Ensor Muscheln verkaufte und in dessen Obergeschoss James Ensor malte.
Es ist die Geschichte von Oostende, doch Yvon Lambert zieht den Besucher in seine Assemblagen hinein, obwohl man weiß, dass „es eben Yvon Lambert ist“: Der Strand, vom Strandpromenade durch einen Windschutz aus Glas getrennt, auf dem ein Vogel wie ein ironisches „i“-Punktchen sitzt. Die Windschutzwände aus durchscheinendem, gehämmertem Glas mit abgerundeten Kanten im Vordergrund und der sich wiederholende Rhythmus des schwarzen Metallgeländers aus dem 19. Jahrhundert der Promenade im Hintergrund. Der Strand durch die beschlagene Windschutzscheibe des Autos des Fotografen an einem regnerischen Tag…
Die „richtige Distanz“, die sich in Yvon Lamberts Werk – über einen Zeitraum von nicht weniger als einem Jahrzehnt – wiederfindet, sind die zahlreichen Aufnahmen durch Fenster. Wie die kunstvoll gestalteten Fenster aus dem Jahr 1900 einer Brasserie, die der Hässlichkeit der von Bauträgern geprägten Strandpromenade entgangen ist. Man spürt auch, dass Lambert die „Menschen“ liebt, die sich noch immer im veralteten Casino-Kursaal vergnügen. In „Terres fermes“ (CNA, 2010), einem Werk, das dem Norden des Landes gewidmet ist, respektierte er auch das, worüber man sich manchmal lustig macht…
Aber warum so viele Bildreflexe in den Fenstern? Das wirkt wie eine stilistische Marotte. Beim Durchblättern des Katalogs „Conversations du bord de Mer – Oostende – Gespreekken aan zee“ hätte man sich gewünscht, an den Wänden der Galerie mehr Bilder vom Hafen und den roten Fischerbooten oder von verfallener Architektur, wie etwa der der Pferderennbahn, zu sehen.
Es ist das Ostende des melancholischen Yvon Lambert, wie dieser Filterkaffee auf einer Zeitung, auf der man Stefan Zweig und Joseph Roth erkennt – endgültig aus einer anderen Welt, verschwunden. Diese Komposition ist gar nicht so weit entfernt von dem, was unserer Zeit droht.
„Conversations du bord de Mer – Oostende – Gespreken aan zee“ von Yvon Lambert ist noch bis zum 19. November im Projects Room der Galerie Nosbaum Reding in Luxemburg zu sehen