In der pulsierenden Galerie PJ in Metz wechseln die Ausstellungen schneller als die Jahreszeiten. Nach Irina Gabiani ist nun Hervé Creff an der Reihe, sich der Riege der von Pierre Funes und Ji Sun Son, dem Gründerpaar der Galerie, eingeladenen Künstler anzuschließen – mit einer Auswahl neuerer Werke, die für eine Ausstellung mit dem schelmischen Titel „Terry Bored“ zusammengestellt wurden. Oder besser gesagt: er kehrt dorthin zurück, denn der im Fensch-Tal ansässige Künstler war dort bereits 2020 und 2022 Gegenstand zweier schöner Ausstellungen.
Hervé Creff wurde im Algerien vor der Unabhängigkeit geboren und erlebte die Turbulenzen der französischen Kolonialgeschichte und damit auch die Sorgen seiner Familie angesichts einer, gelinde gesagt, instabilen politischen Lage mit zahlreichen Anschlägen, Verwirrungen und Vergeltungsmaßnahmen. Der aus einer bretonischen Bauernfamilie stammende Künstler hat aus seinen ländlichen Wurzeln eine besondere Verbundenheit mit diesen Landschaften bewahrt, die noch nicht von der Industrialisierung verändert wurden. Seine Malerei ist jedoch weder naturalistisch, noch verfällt sie einer idealisierenden Nostalgie.
Ganz im Gegenteil: Creff ist bestrebt, jede Form von Plausibilität zu untergraben. Auf welche Weise ? Nach dem Vorbild von Gérard Garouste und Philip Guston, an die seine Malerei unweigerlich erinnert, greift der lothringische Künstler die figurative Malerei auf, um deren plastischen Charakter hervorzuheben, und hat Freude daran, Verzerrungen und Unähnlichkeiten einzubauen sowie Unverhältnismäßigkeiten zu schaffen, die den Betrachter nur in Erstaunen versetzen können. Ein kleiner menschlicher Körper kann problemlos das Gewicht eines großen Kopfes tragen, wie man beispielsweise in „L’argent de la vieille“ (2024) sehen kann. Von jeglichem Realismus befreit, weist das Gemälde hier keinerlei Widersprüche auf. Auch die Farbgebung bekundet ihre Untreue gegenüber der Ordnung der Realität, sei es durch Übertreibung, indem sie manchmal auf grelle Töne zurückgreift, sei es durch Untertreibung, indem sie im Gegensatz dazu gedämpfte Töne (Schwarz, Grau, Dunkelgrün, Nachtblau) hervorhebt. Ebenso trägt seine Arbeit an der Perspektive zu einer Wahrnehmungsdesorientierung bei. Die Fluchtlinien können dabei irreführend sein und zu nichts anderem führen als zu einer Art Umherirren des Blicks, wie es bei diesem kleinen Gemälde mit dem Titel „À vot’bunker madame“ (2024) der Fall ist, in dem er eine Treppe zu einem Ort (dem besagten Bunker) entwirft, die sich davon entfernt. Ein solcher verzerrter Umgang mit der Perspektive zeugt von einem gewissen Sinn für Humor, was natürlich durch seinen wiederkehrenden Einsatz von Wortspielen bei den Titeln seiner Bilder unterstrichen wird. Diese komplexe Nutzung der Perspektive findet sich auch in „Va e via“ (2024) wieder, wo ein Aquädukt mit dunklen Bögen (in Anlehnung an De Chirico ?) in eine Tiefe hinabführt, der Volumina widersprechen, die andere perspektivische Ansichten einnehmen (insbesondere Draufsichten oder Profilansichten), wodurch das Gemälde zu einem poetischen Feld wird, in dem sich gegensätzliche Blickwinkel verflechten.
Während Hervé Creff mit unterschiedlichen perspektivischen Effekten jongliert, gelingt es ihm, Abstraktion und Figuration miteinander in Einklang zu bringen, wie Pierre Funes in der Broschüre zur Vorstellung des Künstlers hervorhebt. Diese Tendenz zur Abstraktion zeigt sich auf verschiedene Weise. Wenn sich die Volumetrie der Objekte auflöst, um durch die Frontalität vollständig mit ihrem Erscheinungsbild übereinzustimmen, und sie so zu reiner Oberfläche, reiner geometrischer Form werden, gewissermaßen entrealisiert, wie in „Highlight“ (2024), „Teddy Bored“ und „Rendez-vous“ (2024), wo jeweils die schematischen Umrisse eines von vorne gesehenen Wohnhauses zu erkennen sind. Oder auch, wenn die dargestellten Objekte nicht mehr identifizierbar und erkennbar sind und sich außerhalb jeglicher verbaler Sprache befinden, da man nur das klar aussagen kann, was man klar wahrnimmt. Zahlreiche Gemälde wirken daher auf den Betrachter seltsam und verweisen auf nichts Vertrautes im Bereich unserer sinnlichen Erfahrung, wie beispielsweise „État des lieux“ (2024), „Just A Tow of Us“ (2024) oder „Blue Moon“ (2024).
In einem für die Ausstellung gedrehten Video spricht Hervé Creff über seine Herangehensweise, die er so frei und persönlich wie möglich gestalten möchte. Für ihn geht es darum, ohne vorgefasste Vorstellungen zu malen, um sich selbst zu entdecken und eine Malerei zu erreichen, die frei von Klischees ist. Dennoch lassen sich gewisse äußere Einflüsse erkennen, die sich vielleicht erst im Nachhinein oder unbewusst während des Malvorgangs manifestieren. Man erinnert sich, dass seine früheren Arbeiten Spuren der amerikanischen Kultur trugen, von der populären Figur der Mickey Mouse bis hin zu Figuren zu Pferd und mit Hut, wie man sie aus einem Western kennt. Im Rahmen der vorliegenden Ausstellung lässt sich der Bezug zur italienischen Populärkultur anhand des Filmtitels erkennen, den eines seiner Gemälde trägt (L’argent de la vieille, eine berühmte Komödie von Luigi Comencini aus dem Jahr 1972), oder durch die geheimnisvollen Bögen in den architektonischen Kompositionen von De Chirico. Auch die Präsenz von Matisse wird durch das Motiv einer ausgeschnittenen Vase in „La salle du trône“ deutlich. Als Höhepunkt der Ausstellung in Messina scheint dieses große Gemälde jegliche Unterscheidung zwischen Abstraktion und Figuration aufheben zu wollen und spielt dabei geschickt mit der Durchlässigkeit dieser beiden Bereiche. Zu diesem Zweck greift der Künstler auf einen Schattenspiel-Effekt zurück (die Silhouette eines Hundes, die durch eine Hand simuliert wird), verdichtet auf monströse Weise eine Katze und einen Stuhl und zeichnet dann auf den Boden drei schwarze Linien, die von Matisses Vase ausgehen, wobei das Ganze durch eine orangefarbene Wolke hervorgehoben wird. Die Wortspiele gehen hier in Bildspiele über, deren Geheimnis der Betrachter selbst lüften muss, ähnlich wie bei einem Rebus.
So subjektiv und persönlich Creffs Poetik auch sein mag, zeigen bestimmte Motive doch, dass kein künstlerisches Werk gänzlich frei von äußeren Bezügen ist. Es gibt kein Schaffen aus dem Nichts, und auch kein Schaffen, das vollständig subjektivistisch oder objektivistisch wäre. Der Künstler erzählt uns beispielsweise, dass eine Erinnerung den Anstoß zu seinem Werk „Teddy Bored“ gab: Als Kind sah er einen Teddybären, der an der Decke eines bretonischen Bauernhofs hing. In seinem wunderschönen Werk „Une échelle pour Jacob“ lässt sich die Präsenz einer rauchenden Fabrik erahnen. Dies erinnert uns daran, dass das Fensch-Tal einst ein bedeutendes Zentrum der Stahlindustrie war und dass Hervé Creff auf Baustellen im Tiefbau gearbeitet hat, bevor er sich ganz der Malerei widmete.
Die Ausstellung „Teddy Bored“ von Hervé Creff ist noch bis zum 25. Mai in der Galerie PJ in Metz zu sehen