Der belgische Maler Yves Zurstrassen – es ist ein bisschen so, als hätte er Luxemburg lange gemieden. Eine einzige Ausstellung, vor fast zwanzig Jahren, in der Galerie Lea Gredt. Dann nichts mehr, bis heute, mit einer groß angelegten Rückkehr bei Ceysson & Bénétière im Wandhaff. Und diese Charakterisierung gilt natürlich für die Ausstellungsräume ebenso wie – und das darf auch nicht fehlen – für die rund dreißig großformatigen Werke, die aus den letzten zehn Jahren stammen. Tatsächlich handelt es sich bei Ceysson & Bénétière sogar um zwei Ausstellungen: eine erste, kleinere in der Eingangshalle, in der der Besucher, sobald er diese Schwelle überschritten hat, im Gegensatz zum weiteren Verlauf der Ausstellung mit (Re-)Collagen konfrontiert wird – dort kleinformatig, sehr farbenfroh, ja sogar bunt, mit allerlei übereinanderliegenden Elementen, auf die er später in einem ganz anderen Kontext wieder stoßen wird. Doch um bei dieser Art von Auftakt zu bleiben: Auf seine Weise vermittelt er bereits einen Eindruck von der extremen Freiheit, die sich Yves Zurstrassen in diesen Ölgemälden auf Papier, das auf Karton geklebt ist, nimmt, er tobt sich darin aus, entfaltet sich letztendlich in einem komprimierten Kosmos aus Formen und Farben, in einer ungezügelten Verspieltheit.
Auch bei den großformatigen Werken ist die Freiheit dieselbe. Nur ist die Anordnung zurückhaltender, man könnte sagen: durchdachter. Zumindest ist das der Eindruck, den der Besucher unmittelbar nach den ersten Schritten im Inneren der Galerie gewinnt. Und die Anordnung der großen Räume wirkt sich hier sehr vorteilhaft aus, und die Hängung hat die Tatsache gut genutzt, dass unser Blick – abgesehen von der einen oder anderen weiter hinten liegenden und versteckten Ecke – sehr weit schweifen kann und zahlreiche Gemälde gleichzeitig erfasst. Ein besonders vorteilhafter Umstand, wenn der Künstler, wie Yves Zurstrassen, in Serien arbeitet. So entdecken und vergleichen wir gemeinsam Ölgemälde auf gelbem, blauem oder rotem Hintergrund. Sie sind in der Regel zwei mal zwei Meter groß, doch die Hintergründe sind keineswegs einheitlich, sondern lebendig, wie Szenen, die man hinter einem Vorhang erblickt, überlagert von Entwürfen und Skizzen aus schwarzen Rastern.
An anderer Stelle besteht der Hintergrund aus Teilen, die durchbrochene Flächen aufgreifen, die mal sehr geometrisch, mal unregelmäßiger gestaltet sind, was in „Tierra del sol“ aus dem Jahr 2015 beispielsweise unseren Blick in schöne Wirbel lenken kann – wiederum im Gegensatz zu den Einschnitten aus schwarzer Farbe, die durch die Lebendigkeit der Pinselstriche belebt werden. Man erkennt leicht, dass es sich bei den eben erwähnten Gemälden um ein systematisches Werk handelt, dessen Reiz – und weit mehr noch, dessen wahrer Wert – durch ständige Erfindungsgabe entsteht.
Eine Frage der Herangehensweise, wie Yves Zurstrassen selbst in einem Interview mit Olivier Kaeppelin betont, das in der Ausstellungsbroschüre abgedruckt ist: „Ich muss das System, das ich selbst aufgebaut habe, aufbrechen. Ich brauche diesen Rhythmus: Behauptung, Wiederholung, Bruch. Das System, das ich entwickle, in Frage zu stellen, bereichert mich, gibt mir neue Energie und ermöglicht mir, zu existieren.“
Zu Beginn seines Textes schreibt Olivier Kaeppelin: „Ein Gemälde von Yves Zurstrassen zu entdecken, es ‚zu sehen‘ bedeutet zunächst, über eine Oberfläche zu gleiten, vielleicht zu tanzen … und dann in ein Universum unendlicher Beziehungen einzutauchen … “. Das stimmt, und noch stärker gilt dies vor der Entdeckung für den Schaffensprozess selbst. Die Metapher lässt sich übrigens auf andere Disziplinen ausweiten: Turnen, Schwimmen, natürlich Gleitsportarten und sogar Fallschirmspringen. Paradoxerweise passt sie am besten zu den Gemälden mit dem Titel „Still Life“ aus dem Jahr 2015 – nichts könnte lebendiger sein; man verliert sich endlos in dem Labyrinth, das die freien Figuren von Zurstrassen auf der Leinwand gezeichnet haben, so wie andere es auf dem Eis tun ; ebenso wie für die wenigen Gemälde aus dem Jahr 2013, deren Titel lediglich aus den Jahreszahlen ihrer Entstehung bestehen.
Daraus lässt sich schließen, dass diese Werke uns dazu anregen, den Moment der malerischen Praxis von Yves Zurstrassen selbst nachzuerleben. Sie laden uns während der gesamten Ausstellung zu bereichernden Momenten der Neuschöpfung ein.