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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Follower oder Natur?

Zwei Frauen porträtieren sich selbst und andere. Soraya Dagman und Mia Kinsch in der Galerie Reuter Bausch

Erschienen in Ausgabe Juni 2024
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Die eine, Soraya Dagman, stellte zum ersten Mal in Paris aus. Sie wurde von Pierre El Khoury eingeladen, einem Kulturmanager und langjährigen Freund von Julie Reuter. Dieser hatte bereits vor einigen Monaten Sacha Cambier de Montravel in der Galerie vorgestellt (siehe „d’Land“ vom 01.03.2024). Zwischen den beiden Künstlerinnen lässt sich eine Verbindung herstellen. Auch Soraya Dagmans Farben sind knallig, ihre Maltechnik ebenso präzise und klassisch. Doch im Gegensatz zu einem Ausflug in die Calanque von Sormiou bei Marseille, der im antiken Stil gehalten ist und für eine heutige Erzählung unpassend wirkt, handelt es sich hier um eine Reise in das Land der Markenwelt.

Das größte Gemälde von Soraya Dagman, die auch als Illustratorin tätig ist und in der Bretagne lebt, zeigt das perfekte Porträt einer jungen Frau, wie sie sich viele auf Instagram in Szene setzen: lange falsche Wimpern, volle Lippen, blaue Fingernägel. Es glitzert, es ist kitschig wie es nur sein kann, in einer Farbpalette aus Rosatönen, die ins Violette übergehen.

Derselbe violette Farbton findet sich auch in einer kunstvollen Drapierung wieder, die an die Stufen eines Podiums erinnert („Vanités voilées“), auf dem üppige Früchte angerichtet sind – die Weintrauben lassen an ein römisches Bankett denken, doch es gibt dort auch Erdbeeren in einer Plastikschale. Das Ganze wurde bei einem Hard-Discounter gekauft, dessen Markenname deutlich auf der Tüte dieses modernen Stilllebens zu sehen ist.

Man kann sich vorstellen, dass Soraya Dagman selbst das viel schlichtere Mädchen ist, das in Jeans und rosa Sweatshirt mit dem Finger auf einen abgenutzten Spiegel zeigt („Das Mädchen im Spiegelbild“), oder dass sie es ist, die in der Haltung einer Sprinterin den Schnürsenkel ihres Sneakers bindet. Es ist jedenfalls die Haltung beim Start eines Laufs, die durch das Design der Schuhe suggeriert wird, die ursprünglich für das Stadion entworfen wurden…

Soraya Dagman ist eine anspruchsvolle Malerin, die sich auch von ihrem Studium der Kunstgeschichte und Archäologie inspirieren lässt. Ist das vielleicht der Grund, warum in ihren Bildern eine Muschel zu sehen ist? Und ist die Illustratorin mit der blauen Farbe in „Les oranges“ eine Hommage an Hergé? Pierre El Khoury hat jedenfalls erneut eine Künstlerin ausgewählt, deren Ausdruck – obwohl technisch perfekt – nicht auf den ersten Blick entschlüsselbar ist. So auch bei dem sehr geheimnisvollen Bild „Verwelkte Blume“, auf dem eine junge Frau mit undurchschaubarem Gesicht wie ein Pinsel in einem goldfarbenen Ozean steht.

Die Luxemburgerin Mia Kinsch* war in der Gruppenausstellung zum Saisonende 2023 der Galerie Reuter Bausch vertreten. Die junge Künstlerin kehrt dieses Jahr mit etwas größeren, quadratischen Acrylbildern auf Leinwand zurück, um auf einfache Weise – mit farbigen Flächen, die von einer Linie umrandet sind (sie ist auch Illustratorin) – Momente des Alltags zu erzählen. 7 Uhr: die morgendliche Umarmung, 7:30 Uhr das Aufwachen, 8 Uhr das Bad usw. bis hin zur abendlichen Umarmung ihres kleinen Hundes und dem Schlafengehen im Tanktop mit ihrem Markenzeichen: ihrem eigenen Gesicht mit Manga-Zügen.

Mia Kinsch sagt es selbst: Sie liebt die Nacktheit und stellt sich in „Barfuß in einer Sommernacht“ auch so dar. Aufgrund des Formats der Leinwand nennen wir das Bild „Die große Badende“ … Doch der bisher als ihr Stil erkennbare, vorgetäuscht naive Stil bleibt erhalten. In der Ausstellung „Couleurs en échos“ versucht sie sich an schnellen Aquarellskizzen. Eine Arbeit, die an die der angehenden Künstler von einst in den Aktkursen der Kunstschulen erinnert: nur dass hier die Modelle selbst entschieden haben, wie sie und er (es gibt einen Mann in der klassischen männlichen Pose mit angehobenem Knie) ihren Körper am liebsten darstellen möchten.

Mia Kinsch zeigt diese Momente unverfälscht und ungefiltert.

* Hinweis: Mia Kinsch ist die Tochter des Vorsitzenden des Verwaltungsrats von