Das ist mal der Nachwuchs. Und noch viel mehr. Ganz wie der Titel der Ausstellung verspricht: „Endloser Sonntag“. Bekanntlich wird das Centre Pompidou in Paris, das derzeit noch teilweise geöffnet ist – insbesondere für die Ausstellung „Paris noir: Präsenz und Einfluss schwarzer Künstler in Frankreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ –, am kommenden 22. September vollständig schließen, da bis 2030 Renovierungsarbeiten geplant sind. Das sind zwar lange Jahre, aber die riesigen, unerschöpflichen Sammlungen des Musée d’art moderne werden an anderer Stelle weiterleben. Und nach der Ausstellung zu urteilen, die letzte Woche im Centre Pompidou-Metz eröffnet wurde, auf die reichhaltigste und faszinierendste Art und Weise, die man sich vorstellen kann. Im Rahmen der Ausstellung „Expansion mit Maurizio Cattelan“ – so lautet der Titel – wurde der italienische Künstler gebeten, 250 bis 400 Werke aus den Sammlungen (die beiden Zahlen sind nur Anhaltspunkte, bei einer solchen Fülle verliert man den Überblick) mit etwa vierzig seiner eigenen Kreationen zu ergänzen, und wie er schreibt, hat er die zentrifugale Bewegung am besten in den Depots der Museen beobachtet. Dabei fügt er jedoch eine Befürchtung hinzu: dass Sammlungen zeitgenössischer Kunst nicht weniger als das, was er von einem Umzug der Naturgeschichte berichtet, mit derselben Brutalität und derselben Gleichgültigkeit sortiert werden.
Das gibt den Ton für eine Ausstellung vor, die ein Werk nach dem anderen bereithält, bei denen man innehalten möchte; die Begeisterung ist ungebrochen, und dies geschieht mit einem spielerischen Geist – genau wie bei Maurizio Cattelan, dessen Humor ein wenig provokativ ist. Schon am Eingang des von Shigeru Ban und Jean de Gastines entworfenen Gebäudes, in der Eingangshalle, werden wir gewarnt: Dort ragt eine monumentale Hand empor, das Werk namens L.O.V.E., doch der Mittelfinger ist zum Stinkefinger geformt, und die anderen Finger sind abgeschnitten – nicht weniger.
Und so beginnt ein endloser Rundgang – ganz im Sinne dieses Sonntags, an dem sie fröhlich durch die Säle schlendert –, durch eine Inszenierung, die die Linienführung des Gebäudes aufgreift, im Rhythmus eines von Maurizio Cattelan zusammengestellten ABC-Buches, Bekenntnisse, Reflexionen – es fällt schwer, diese Texte einzuordnen, die im Katalog zudem mit Werken in Verbindung gebracht werden, die vom Verlauf der Ausstellung abweichen. Das macht unsere Aufgabe nicht gerade leichter. Es gibt Ausstellungen, bei denen es schwerfällt, sich überhaupt etwas zu merken; in diesem Fall ist es genau das Gegenteil: die Fülle, und man ist verwirrt, weil man nicht über alles sprechen kann.
Im ersten Raum beispielsweise, im Hauptschiff – wobei anzumerken ist, dass sich die Ausstellung bis zur Galerie 1, unter das Dach und in den Garten erstreckt –, befindet sich das Skelett von Felix, einer riesigen Katze, die man für einen Dinosaurier halten könnte, also eine museale Umdeutung, eingebettet zwischen großformatigen Gemälden mit raffinierten und verführerischen Farb- und Formspielen, die sich in Absicht und Ausführung unterscheiden, aber alle gleichermaßen imposant sind – Werke von Joan Mitchell und Helen Frankenthaler. Dazu entlang einer Seite eine Serie von Miriam Cahn, diese beunruhigenden Figuren, diese provokativen Körper, die in ihrem Farbstrom kaum Gestalt annehmen.
Wenn man die Ausstellung beschreiben will, kann man natürlich nicht so weitermachen. Der Besucher wird sich zwei bis drei Stunden Zeit nehmen, zwei- bis dreimal wiederkommen – wir haben ja bis Februar 2027 Zeit. Jeder soll in seinem eigenen Tempo vorgehen, seinen Neigungen folgen und sich gerne den Überraschungen hingeben. Das, was man auf einen Schlag entdeckt, das, womit man nicht gerechnet hat. Und was soll man zu diesen bedeutenden Momenten sagen, in denen der Besucher vor der Wand von André Bretons Atelier steht, die rekonstruiert und als große Geste des Surrealismus präsentiert wird, mit dem legendären Flachrelief aus den Vatikanischen Museen als Kontrapunkt: „Gradiva“, „die Gehende“, die die Fantasie des jungen Archäologen aus der Novelle von Wilhelm Jensen beflügelt und Freuds Gedanken in Gang setzt; oder auch der Spieltisch von Marcel Duchamp, dem großen Meister des Schachspiels, der dem Schachbrett von Maurizio Cattelan, „Good versus Evil“, und dessen einzigartiger Sammlung von Schachfiguren gegenübergestellt wird.
Es gibt noch andere, intimere, weniger spektakuläre Werke. Da wäre zunächst die Installation von Jochen Gerz, „Vivre“, mit ihrer Kreideinschrift auf dem Boden und dem gerahmten Text an der Wand. Eindringlich wie die Werke der Österreicherin Birgit Jürgenssen, eindringlich wie die Graphitzeichnungen von Sandra Vásquez de la Horra. Das Glücksgefühl, wenn Delphine Seyrig in Chantal Akermans Film auf der Leinwand erscheint. Die Zeit, in der man vergisst, vor Bacons großem Triptychon zu verweilen, ebenso vor Braques „Vanitas“. Man sieht die enorme Bandbreite und die sowohl emotionale als auch intellektuelle Faszination, die sich immer wieder erneuert und doch beständig ist.
Zurück zu Hause wird es den anderen Rundgang durch die Ausstellung geben, in einer anderen Reihenfolge als im Katalog, wobei nun die Texte aus dem ABC-Buch von Maurizio Cattelan im Mittelpunkt stehen. Und es bleibt noch, an einem anderen Tag die Vermittlung zu erleben, die Insassen der Justizvollzugsanstalt Metz anvertraut wurde, wodurch der Beitrag zu den Texten der Italienerinnen aus der Justizvollzugsanstalt Giudecca fortgesetzt wird. Vielleicht wieder am Sonntag, auf ganz andere Weise. p