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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Wirkliche Fantasien

Den ganzen Sommer über werden im Arendt House durchdachte, spontane und technisch anspruchsvolle Werke präsentiert. Besichtigung

Erschienen in Ausgabe Juni 2022
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Das Pflanzliche, das Menschliche und das Mechanische. Die Schwarz-Weiß-Fotografien „On the Other End“ (2018) von Lauriane Bixhain sind spontan durch eine Glasscheibe aufgenommen worden. Wie durch den Kühlergrill eines alten Automodells, bei dem alle Lichter leuchten. Ein Wandel der Zeit, ein Wandel der Bedeutung: Die Aufnahmen entstanden in einem ehemaligen Industriegebiet der Stahlindustrie in Montréal, das sich zu einem Standort der IT-Branche gewandelt hat. Die Fotografien von Lauriane Bixhain haben, wenn man das – wie diese junge Frau von hinten, die für ein Fitnessstudio wirbt (heutzutage muss man seine Muskeln anders trainieren als zu jener Zeit, als Anstrengung den Körper muskulös machte) – etwas Undefiniertes, das ihnen ihre Definition raubt.

Die Fotografien von Boris Loder sind in Farbe gehalten und verschmelzen Formen sorgfältig zu Kompositionen, die alles in Quadrate einrahmen. Von Menschen zurückgelassene Abfälle, von der Natur ausgestoßene Rückstände, von Tieren ausgeschiedene Exkremente – „Particles“ (2019) – sind in transparenten Würfeln eingeschlossen, die manchmal zum Nährboden für neue Vegetation werden. Passt der allgemeine Titel der Ausstellung „Really Abstract?“ zu ihnen? Ganz sicher ja, insofern, als Loder sorgfältig Abfälle ausgewählt hat, die an bestimmten Orten (dem Campus Geeseknäppchen, der Kennedy-Allee), die deren Identität ebenso sicher offenbaren wie ihre dreidimensionale Umgebung – für diejenigen, die wie Boris Loder die Besonderheiten dessen kennen, was hier geschieht, und hier Spuren hinterlassen, nicht anderswo.

Paul Di Felice, Kurator der Ausstellung, sagt: „Dieser Titel schwirrt mir schon seit Jahren im Kopf herum. Ich hatte vor langer Zeit bereits eine andere Serie von Peter Granser im Casino präsentiert und vor einigen Jahren seine ‚Nightsky‘-Arbeiten im Museum in Stuttgart gesehen. Dann habe ich die Arbeiten von Jessica Backhaus in Arles gesehen und wollte diese Perspektiven mit zwei jungen luxemburgischen Künstlern in einen Dialog bringen, die ich bereits bei anderen Anlässen wie dem ‚Europäischen Monat der Fotografin‘ und ‚Lët’z Arles‘ vorgestellt hatte.“

Etymologisch geht „abstract“ auf den lateinischen Begriff „abstrahere“ zurück, was so viel wie „herausziehen“ bedeutet. In diesem Sinne entspricht die Arbeit der vier Fotografen durchaus der von Di Felice gegebenen Definition. Die Nachthimmel aus der Serie „Heaven in Clouds“ von Peter Granser sind genau das. Sie stammen aus dem Jahr 2011. Zu dieser Zeit hielt sich der Fotograf in der viertgrößten Stadt Chinas auf, die hier durch das Architekturfoto „Carcass“ symbolisiert wird. Während Loder und Bixhain bereits einen Prozess des städtischen Wandels thematisieren, verläuft dieser in China für Millionen von Menschen offensichtlich exponentiell und ununterbrochen. Zwei Konstruktionssysteme sind zu sehen: das eine aus Betonbalken, das andere aus Stahlträgern, wobei unklar ist, welches gerade abgebaut und welches gerade errichtet wird, um das andere zu ersetzen. Dies ist symbolisch für eine Welt im ständigen Wandel, ohne greifbare Realität des Augenblicks.

Dennoch träumen die Hunderttausenden von Neuankömmlingen in den Großstädten von einer besseren Zukunft in diesen Megastädten. Die drei Nachthimmel dieser Stadt haben die Mattheit von Gemälden, die gleichmäßig auf eine mit Sprühfarbe bearbeitete Leinwand aufgetragen worden wären. Dabei handelt es sich jedoch um Fotopigmentdrucke auf Arche-Papier. „Nightsky“ – diese drei großformatigen Abzüge (128 x 180 cm), die nachts fotografiert wurden, haben jeweils eine dominierende Farbe: ein Türkisblau, ein opaleszierendes Grün – Farbtöne, in die man am liebsten eintauchen und ja, in Richtung einer besseren Zukunft schweben möchte.

Ein dritter Hintergrund ist jedoch ein ins Orange tendierender Ocker. Er ist, anders als die beiden vorherigen, keine abstrakte Realität. Peter Ganser hat die Trübung dieses Farbtons (und anderer, scheinbar verführerischer) fotografiert, die durch einen verschmutzten Himmel entsteht. Die Nuance wirkt schmutziger. Der Rand tendiert zu einem orangefarbenen Schein. Es ist der optische Effekt, den eine Neonreklame an einer nahegelegenen Fassade erzeugt, der das Licht, das die Luftverschmutzung durchdringt, fast strahlend oder … verlockend wie ein saures Bonbon erscheinen lässt – ein kleines Stückchen der Träume von einer besseren Zukunft.

Diese Abstraktionen entspringen einer alltäglichen Realität, die Peter Granser über Jahre hinweg technisch ausgefeilt hat, um schließlich zu diesen außergewöhnlichen Fotomalerien zu gelangen. Bauhaus und Surrealismus kommen einem in den Sinn, wenn man die Bilder von Jessica Backhaus betrachtet. Die meist kreisförmigen Ausschnitte sind klar, ebenso wie die Farben, die – um noch einmal auf die Kunstgeschichte zurückzugreifen – an die Farbpalette einer Sonia Delaunay erinnern. Muss man die Serien „Cut Outs“ (2021) und „Shifting Clouds (A Trilogy)“ (2017) deshalb unbedingt einordnen? Jessica Backhaus findet und schafft diese Wunderwerke des formalen Gleichgewichts durch technisches Experimentieren. Sie hat uns erlaubt, das praktische Geheimnis ihrer Papierschnitte zu lüften, und sobald das Auge den „Trick“ durchschaut hat, ist man umso mehr verblüfft: Jessica Backhaus setzt eine Komposition aus Papierstücken auf dem Boden zusammen. Genau in dem Moment, in dem die Sonnenwärme die Papierkreise einrollen lässt und ihre Schlagschatten erscheinen, löst sie den Auslöser für diese geheimnisvollen und wunderbaren Fotografien aus. „Really Abstract“?, wirklich?

Die Ausstellung „Really Abstract ?“ ist bis zum 4. September im Arendt House (41A, Avenue J.-F. Kennedy in Luxemburg-Kirchberg) zu sehen