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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Durch Zeit und Raum streifen

Jan Voss ist zurück – mit seinen Gemälden und Collagen voller Einfallsreichtum und Fantasie – in der Galerie Nosbaum Reding

Erschienen in Ausgabe Juli 2021
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Sie brauchen weder einen Reisepass noch einen Impfnachweis noch irgendein anderes amtliches Dokument – Sie können die Gemälde von Jan Voss in der Galerie Nosbaum Reding (bis zum 28. August) ganz ungezwungen betreten. Und ebenso werden Sie sich dort bewegen – in Freiheit und Leichtigkeit, wie man sie an vollendeten, gelungenen Werken erkennt, ganz gleich, wie viel Mühe ihre Entstehung gekostet haben mag. Sowohl für den Künstler als auch für Sie kann es nur darum gehen, dort umherzustreifen, und lassen wir die ursprüngliche Bedeutung des Wortes beiseite, die „gegen den Sturm segeln“ bedeutet (was heutzutage zwar durchaus passend wäre), mühsam, beschwerlich und unter großer Anstrengung beim Manövrieren. Nein, die Reise erweist sich als ganz anders: Es ist ein abenteuerliches, fröhliches, schelmisches Leben, das euch mit offenen Armen empfängt.

Unter den Gemälden, die in den beiden Sälen ausgestellt sind – zögern Sie aber auch nicht, an die Tür des Büros zu klopfen –, lassen sich zwei Arten unterscheiden: Während unser Streifzug bei den einen vor allem im Raum stattfindet, kommt bei den anderen die Zeit hinzu – die Zeit einer Erzählung, die ebenso reichhaltig ist wie der Raum komplex, mit seinen Überschneidungen und Verflechtungen. Manchmal bedarf es dann der Monochromie, der Resonanzen aller Rot- und Blautöne und ihres Zusammenklangs in der Hängung, um daraus ein stimmiges Gesamtbild zu schaffen.

In seinen Collagen, bei denen man aufgrund der verwendeten Materialien aufgrund der Reliefs eher von Montagen sprechen könnte, geht Jan Voss wie ein Kartograf vor, und es liegt an uns, die Räume, Ecken und Winkel zu erkunden, die Hochebenen zu erklimmen und uns in die Schluchten zu schlängeln. Es ist ein wenig so, als würden wir aus der Vogelperspektive die vielschichtigste Landschaft erfassen, in der reichen Vielfalt ihrer Parzellen, ihrer Anhäufung, ihrer Schichtung. Man kann sich Jan Voss ohne Weiteres in seinem Atelier vorstellen, wie er den Demiurgen spielt und solche Teile aus seinem unerschöpflichen Fundus greift, um seine Welt zu erschaffen. Doch weder für ihn noch für uns gibt es zu irgendeiner Stunde, an irgendeinem Tag Ruhe; alles bleibt völlig offen, als könnte sich alles jeden Moment in Bewegung setzen. Könnte man sagen, dass der Schöpfergeist – oder, im weiteren Sinne, ein Hauch des Lebens – nicht innehält und munter auf den Betrachter übergeht?

Ebenso lebhaft, vielleicht sogar mit noch mehr Elan und derselben Unbekümmertheit, sind wir nun bereit für die nächste Streiferei. In den Gemälden, die aus unzähligen Strichen oder Spuren bestehen, aus Linien, die zu bestimmten Figuren führen können, finden wir uns in einer eher städtischen Umgebung wieder, in der Farbflecken hier und da fast schon Stadtviertel abgrenzen. Graffitis – so viele Anfänge kleiner Geschichten –, doch es liegt wieder einmal an uns, unsere eigene Fantasie spielen zu lassen. Jan Voss hat uns auf den richtigen Weg gebracht: mit Erfindungsreichtum, Fantasie und einem Humor, der manchmal ein wenig bissig sein kann.

Wir erfahren, dass Jan Voss den größten Teil der Zeit während des Lockdowns in seinem Berliner Atelier verbracht hat, weit entfernt von seiner Kleinstadt in einem Vorort von Paris – in diesem Fall Arcueil –, die an einer bestimmten Stelle in einem Gemälde verewigt ist. Bilder tauchen in seinem Kopf auf, oft ausgehend von einem Wort, einem Satz. Und davon gibt es viele, die wir zwischen den Zeichnungen lesen, zwischen den Kreaturen, die diesen Gemälden regelrecht Leben einhauchen, die von chaotischen, schelmischen Spinnweben durchzogen und erfüllt zu sein scheinen.

Die Gemälde gleichen nicht weniger einem Labyrinth. Und wie man schon längst erraten hat, ist Jan Voss das Gegenteil von Ariadne, der jungen Frau, die Theseus den Weg aus dem Labyrinth wies. Jan Voss lässt uns darin verloren gehen, immer tiefer in das Labyrinth vordringen. Auf eigene Gefahr. Zu unserem größten Vergnügen.