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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Doomscroll

Die Ausstellung „Screentime/s“ im Casino Luxembourg befasst sich mit zeitgenössischen Formen der Subjektivität im digitalen Zeitalter

Erschienen in Ausgabe Mai 2026
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Unter den im Rahmen von „Screentime/s“ im Casino Luxembourg gezeigten Werken erkundet „Anhedonia“ (2017) von Jacky Connolly die erzählerischen und ästhetischen Möglichkeiten simulierter Welten. Der Film, der vollständig mit den Videospielen „Die Sims 3“ und „Die Sims 4“ realisiert wurde, begleitet eine kleine Gemeinschaft von Avataren durch Alltagsszenen, die zugleich absurd und beunruhigend sind. Er greift die Atmosphäre von Vorstadtwohngebieten auf: Reihenhäuser, gepflegte Gärten, unter violetten, fast giftig anmutenden Sonnenuntergängen.

Ein seltsam drahtiger Avatar meditiert. In „Anhedonia“ nimmt das Streben nach Wohlbefinden eine Wendung und wird zum Symptom seines absoluten Gegenteils: einem verzweifelten Versuch, die Leere zu ordnen. Jacky Connolly, die am Bard College und am Pratt Institute studiert hat, entwickelt eine Post-Internet-Ästhetik, die Groteskes, Lo-Fi und eine Form sanfter Grausamkeit miteinander verbindet. Darin findet sich die chaotische Intensität wieder, die von Begierde und Melancholie durchdrungen ist, wie in den Filmen von Gregg Araki. Sie inszeniert eine regelrechte „Bedroom Community“: Jugendliche und junge Erwachsene in einer Schwebephase, durchdrungen von einem diffusen Nihilismus. „Anhedonia“ wird fast zu einer stillen Hymne an diese jugendliche Angst.

„Die Sims“ waren für die Künstlerin „ein Fenster zu einer unzugänglichen Welt“, ein imaginäres Theater, in dem sie eine erträumte Jugend nachspielen konnte: eine Welt ohne Schule, in der man Auto fahren, bei einem Mann übernachten oder seinen herzförmigen Whirlpool ausprobieren konnte. Das Erwachsenenalter erschien darin als ein Raum voller Intrigen und Möglichkeiten, als Ausweg aus dem erdrückenden Albtraum der Schulzeit.

Dieses generationsbedingte Unbehagen findet bei Julia Kristeva seinen Widerhall. In „Die neuen Krankheiten der Seele“ beschreibt sie eine neue, zeitgenössische Pathologie: eine generalisierte Anhedonie, eine fortschreitende Erosion des inneren psychischen Raums, eine zunehmende Schwierigkeit, die eigenen Affekte zu symbolisieren und voll und ganz zu empfinden. Die heutige Jugend, überflutet von Bildern und äußeren Reizen, sieht sich mit einer emotionalen Leere konfrontiert, in der Freude und Schmerz nur schwer eine lebendige Form finden können. Dieses Unbehagen verdichtet sich in „Anhedonia“: Die Avatare spielen nicht mehr, sie verkörpern jene innere Leere, die die Post-Internet-Generation nur allzu gut kennt.

Jacky Connolly kritisiert die simulierten Welten nicht von außen: Sie taucht voll und ganz in sie ein und deckt ihre Ambivalenz auf – sie sind zugleich Zufluchtsorte und Orte des Zerfalls.

Diese Spannung zwischen realem und simuliertem Körper zieht sich auch durch die Werke von Lu Yang. In der Serie „Doku“ lässt der Künstler seinen Avatar in einer 3D-Welt agieren, in der die Reinkarnation zu einer endlosen Schleife aus Code und aufgezeichneter Bewegung wird. Während Connolly eine Entzauberung des Alltags beobachtet, stellt Lu Yang die Frage: Was bleibt von der Identität übrig, wenn der Körper zu einem unendlich reproduzierbaren Modell wird?

Mit „Mélas de Saturne“ (2020) erschließt Josèfa Ntjam einen weiteren Raum. Eine Entität namens Persona treibt dort auf der Suche nach ihren algorithmischen Ursprüngen umher: „In the loneliness of collectivity, I am Persona“. An der Schnittstelle zwischen Afrofuturismus und spekulativer Erzählung nutzt Ntjam Technologien, um ein fließendes, postidentitäres kollektives Gedächtnis zu rekonstruieren. Mélas wird zu einem Glitch, einem Riss, der die Unmöglichkeit des Zugangs zu einem stabilen Ursprung sichtbar macht.

Wie Legacy Russell schreibt: „Im Glitch-Feminismus wird der Glitch als Mittel der Verweigerung, als Strategie der Nicht-Aufführung gefeiert. Dieser Glitch zielt darauf ab, das, was in eine unbequeme und unscharf definierte Materialität gezwängt wurde – den Körper –, wieder abstrakt zu machen. Ein Körper, der (…) innerhalb binärer Zuordnungen nicht entschlüsselbar bleibt, ist ein Körper, der sich weigert, die Partitur auszuführen. Diese Nicht-Ausführung ist ein Glitch.“ Sowohl bei Ntjam als auch bei Russell ist der Glitch kein Fehler mehr, sondern eine Haltung: eine Art, Zuordnungen abzulehnen, Kategorien zu verwischen und andere Existenzformen zu schaffen.

Die Ausstellung „Screentime/s“ im Casino Luxembourg erscheint somit wie ein leicht gesprungener Spiegel unserer Zeit: ein Raum, in dem Bildschirme nicht mehr ablenken, sondern ein gewisses generationsübergreifendes Unbehagen offenbaren – das einer Jugend, die gelernt hat, in ihren eigenen Simulationen zu leben, um besser in Worte zu fassen, was draußen unaussprechlich bleibt.