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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Die vier Temperamente von Marie-Odile Turk-Gaillot

Malerei

Erschienen in Ausgabe März 2022
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Der Jazz hatte sein NHOP, die Malerei hat nun ihr MOTG. Marie-Odile Turk-Gaillot bahnt sich über ihre Heimat Lothringen ihren Weg von den Bergen bis in die Bretagne, während sie ihre Staffelei aufstellt … in ihrem Atelier. Denn im Inneren lässt sie ihre zierliche Gestalt ruhen, um Außenwelten zu malen, Landschaften, die keine braven Landschaften sind, sondern Naturen – nicht tot, sondern stark, stark durch einen Ausdruck, der an den der deutschen Expressionisten erinnert. Diese Malerei schlägt in der Tat eine Brücke zu den Künstlern der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“, die in einer Zeit schufen, die vom Ersten Weltkrieg überschattet war. Ist es da ein Zufall, dass manche Gemälde buchstäblich nach Blau und Gelb schreien, diesen Grundfarben, die heute die Farben eines verwundeten Landes sind? Da die meisten der ausgestellten Werke ein oder zwei Jahre alt sind, kann man sagen, dass dies, gelinde gesagt, vorausschauend ist. In diesen Bildern steckt Gewalt, wie dieser große rote Pflasterstein an einem Strand, den man aus dem Mai ’68 erahnt und von dem man erwartet, ihn voll ins Gesicht zu bekommen. Ja, die Kunst von MOTG ist keine „Art brut“, sondern „brutale Kunst“, roh und ungeschliffen, deren Farben primär sind, ohne grell zu wirken, und deren Formen auf die Welt der Mineralien verweisen.

Von den schneebedeckten und vereisten Gipfeln bis hin zu den Bilderleisten in den Galerien – es ist eine Hymne an die vier Elemente, die in seinen Gemälden allgegenwärtig sind. Diese Elemente entsprechen, wie man seit Hippokrates und Aristoteles weiß, den vier Temperamenten. Erde, Wasser und Luft stehen am Ende seiner Palette, die man im Dialog mit Bachelard stehen hört, der – weit mehr Dichter als Philosoph – wie kein anderer am Ufer des lymphatischen Wassers träumen, beim Einatmen der blutigen Luft sinnieren, das zornige Feuer psychoanalysieren und den Willen der melancholischen Erde aufspüren. „Die Heimat ist weniger eine Weite als vielmehr eine Materie“, schreibt er, und unsere Malerin antwortet ihm durch ihre Gemälde: „ubi bene, ibi patria“. Denn sie ist in Metz ebenso zu Hause wie in Merl, vor allem in der Bretagne und auch in den Alpen, und ihre Gemälde sind – abgesehen von Anekdoten und Malerischem – so viele Postkarten von Landschaften, die, wie wir bereits sagten, zu Innenräumen geworden sind, zu ihrem Inneren. Und sie verwischt die Grenzen: Die Erde der Berge wird zum Wasser des Gletschers, die Gischt des Meeres erinnert an den Schnee der Alpengipfel, und die Wolken am Himmel sind wie Schafe, die sich für Wellen halten. Und auch wenn der Pinsel sich heute sträubt, Pflanzen und Tiere, ja sogar den Menschen darzustellen, lösen sich diese Grenzen schließlich im Öl der Farbe auf. Und wir ertappen uns dabei, wie wir die Seele im Unbelebten aufspüren, dort eine Raubkatze erblicken, die wie der Leviathan aus den Fluten auftaucht, hier eine Silhouette, die ihren Melancholie hinter sich herzieht, während ihre Arme über den Boden kratzen.

La Gaillot, wie man auch von der Callas oder der Kahlo spricht, hat seit ihren ersten Ausstellungen, in denen Bäume und Akte im Mittelpunkt standen, einen langen Weg zurückgelegt: Die Badenden von Avignon haben sich durch die Hand unserer Gorgone in Felsen verwandelt, die wie Schwimmerköpfe wirken, die ihre Bahnen in den Hallen von Pont-Aven und Crozon ziehen. Es sei denn, wir sind, wie das Kind des Erlkönigs, Opfer einer Halluzination, die uns zur Beute des Schattens macht. Aber ist es nicht gerade das Wesen der Kunst, den Betrachter in die beunruhigende Fremdartigkeit einer Welt zu versetzen, die verstört und sich entzieht ? Doch die Kunst von MOTG trübt niemals die Stimmung; sie tröstet, wie Schopenhauer es predigte, in der Freude über die Explosion der Primärfarben, die zur Ursprünglichkeit des Weltursprungs zurückführen, nämlich zum Meerwasser. Das nur darauf wartet, sich mit dem Feuer zu vereinen, diesem vierten Element, das wir (vielleicht) bei einer nächsten Ausstellung des Künstlers wiederfinden werden.

Die Ausstellung ist bis zum 30. April bei Fellner Contemporary, 2a, Rue Wiltheim in Luxemburg, zu sehen