Die Völklinger Hütte, Weltkulturerbe in der Nähe von Saarbrücken und ehemalige riesige Roheisen- und Stahlfabrik aus der Blütezeit des Saar-Industriezeitalters, ist Gastgeber der sechsten Ausgabe der Urban Art Biennale. Eine große Veranstaltung, bei der sich die großen Namen der Street-Art treffen. Eine Form der Straßenkunst, die sich seit einiger Zeit etwas institutionalisiert hat, da sich bestimmte Galerien – ganz gegen den Trend und entgegen den ursprünglichen Absichten – dafür begeistern, sie zu sammeln, deren Künstler jedoch oft relativ anonym bleiben und deren Werke der breiten Öffentlichkeit unbekannt sind.
Vielleicht ist dies ein erstes Paradoxon, das es in Bezug auf die Straßenkunst hervorzuheben gilt: Das Kunstwerk ist da, direkt vor uns, es blickt uns an, doch wir sehen es nicht. Gefangen im unruhigen Rhythmus des Tagesablaufs halten wir selten inne, obwohl es direkt vor uns steht. Gerade darin liegt der Reiz dieses Festivals: Es bietet diesen Werken einen geeigneten Rahmen für die Betrachter, die – ähnlich wie die Anhänger des mexikanischen Muralismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts – diese Fresken als bescheidene Erzählungen lesen können.
Dem Betrachter bietet sich somit ein Rundgang durch urbane Kunstwerke: Darunter befinden sich auch Werke der Straßenkünstlerin Rouge Hartley, die in Trier geboren wurde, aber in Bordeaux lebt und arbeitet. Mit „La diversité des tactiques“ präsentiert sie ein auf den ersten Blick figuratives Werk, das durch die verschiedenen Motive, die sie einsetzt, nach und nach in die Abstraktion abgleitet und die dargestellte Figur durch die Form einengt.
Auch wenn das Werk von Rouge Hartley eher einem Gemälde ähnelt, gibt es doch verschiedene Herangehensweisen und Arten, urbane Kunst zu erleben. So auch dieses Porträt von Kaya Urhan, einer Metallarbeiterin, geschaffen vom deutschen Künstler Hendrick Beikirch. Der Künstler, der für seine riesigen Porträts im städtischen Raum bekannt ist, zieht den Blick des Betrachters bereits beim Verlassen des Bahnhofs Völklingen auf sich. Beikirch versucht weder, die Spuren zu verschönern, die der Lauf der Jahre und die Härte der Arbeit im Gesicht hinterlassen haben, noch dem dargestellten Mann seine wohlwollende Gutmütigkeit zu nehmen. Er versucht nicht, ihn zu jemandem Besonderem zu machen, nur weil er sich für das Thema der Darstellung eignet, sondern ihm seine Menschlichkeit zurückzugeben.
Sich auch darum bemühen, dem Ort – auch wenn er nun von seinen Arbeitern verlassen ist – seinen früheren Charakter zurückzugeben. So wird der Zug, der einst die Arbeiter beförderte, erhalten und vom französischen Künstler Maxime Drouet in Szene gesetzt. Bekannt für seine komplexen künstlerischen Malereien auf Zugfenstern, stellt der Street-Art-Künstler zum ersten Mal einen ganzen Waggon in einer Ausstellungshalle aus. In der großen Mineralienhalle mit einer Fläche von tausend Quadratmetern realisiert er ein Modell eines „whole train“ und bemalt die Fenster und Türen des Waggons. Die Farben heben sich deutlich ab und verleihen diesem Werk eine einzigartige Ausstrahlung, ähnlich der eines Buntglasfensters. Eine Kathedrale, die die Arbeit der Menschen verherrlicht.
Dieses ständige Spiel mit dem öffentlichen Raum – dem „Spielfeld“ der Straßenkünstler sowohl im bildnerischen als auch im ethnologischen Sinne – greift der französische Künstler Benedetto Bufalino in seinen Installationen auf. So entwirft er für die Urban Art Biennale in Völklingen das Werk „La table de ping-pong sur les voitures“ (2022), bei dem ein riesiger Tischtennistisch, der auf den Dächern von drei Autos installiert ist, zu Ballwechseln in Lebensgröße einlädt. Bufalino spielt gerne mit der Wahrnehmung von Alltagsgegenständen und entzieht ihnen ihre ursprüngliche Funktion.
Urban Art Biennale, Weltkulturerbe Völklinger Hütte, bis zum
6. November