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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Die stillen Zeugen

Traditionelle Kultur, Krieg und Erinnerung. Die erstaunliche Technik der Iranerin Samira Hodaei in der Valerius Gallery

Erschienen in Ausgabe April 2025
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© Marianne Brausch

Samira Hodaei ist „in der Ästhetik der Globalisierung und den Kommunikationstechniken“ absolut zeitgemäß. So steht es auf ihrer Website zu lesen. Von Seiten der Galerie Valerius ist es gewagt, kopflose Palmen an ihre Wände zu hängen. Dies ist das einzige Thema der Ausstellung, in der eine Hommage an die Dattelpalmenkultur der vom Iran-Irak-Krieg (1980–1988) verwüsteten Region im Süden des Iran zu erkennen ist. Auf den ersten Blick nichts besonders Verlockendes.

Zunächst einmal sind einige Erläuterungen erforderlich. Würde man Samira Hodaeis Technik wörtlich nehmen, könnte man sagen, es handele sich um eine Art Pointillismus. Doch das Werk dieser iranischen Künstlerin, die 1981 in Teheran geboren wurde und heute in Berlin lebt und arbeitet, hat nichts mit der westlichen Kunstströmung eines Seurat zu tun, und die gelben Kugeln, die sich durch „Headless Palms“ ziehen, haben nichts mit den Sonnen von Arles bei Van Gogh zu tun. Samira Hodaeis Malweise lässt die Farbpixel wie Bildschirmansichten erscheinen.

Auf den ersten Blick mag das schön erscheinen, so geschickt ist es – und genau darin liegt die Stärke von Samira Hodaeis Kunst. Dadurch ist es ihr bisher gelungen, durch die Maschen des Zensurnetzes eines Regimes zu schlüpfen, das seit 1979 und der Islamischen Revolution zu einem der restriktivsten in Sachen Meinungsfreiheit geworden ist. Insbesondere was Frauen betrifft. Dennoch wird Samira Hodaei im Westen sowie in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgestellt und anerkannt. Ihre Frauenporträts „Harem of the Heart“ wurden 2013 in der Schweiz gezeigt, „Philosophy of the Bedroom“ 2016 auf der Abu Dhabi Art Fair und „Cinema Europe“ 2018 im Künstlerhaus Bethanien in Berlin.

Ihre „Meisterleistung“, wie sie gegenüber einer deutschen Zeitschrift erklärt, „besteht darin, dass es uns immer wieder gelingt, die Zensur zu überlisten“. Dabei zeigt sie das „wahre Ich und das soziale Ich der Frauen“. Nur selten weicht Samira Hodaei von ihrer pointillistischen Technik ab, bei der sie Glaspixel direkt aus der Tube auf die Leinwand aufträgt. Für sie ist dies eine Metapher für die pixelige virtuelle Welt des Internets im Allgemeinen und in ihren Werken auch für die Störung durch die iranische Zensur sowie für den Empfang von Informationen, die nicht der Propaganda entsprechen.

In seinem Werk lassen sich noch weitere Deutungsebenen finden, die mit dem Iran in Verbindung stehen. So sind die Glaspunkte mit einer dünnen Schicht Lack überzogen, dessen Ausgangsmaterial … Erdöl ist. Zu diesem Thema war Ende 2024 in der Konschthal in Esch im Rahmen der Ausstellung „Dis-placed II“ eine parallele Projektion historischer Dokumente zu sehen, die die Gemeinsamkeiten zwischen der Arbeit der Arbeiter im luxemburgischen Bergbaugebiet und den iranischen Ölfeldern aufzeigte. Sogar die Entdeckung der beiden Rohstoffe fällt zusammen: Es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Eine weitere Ausdrucksform dieser facettenreichen Künstlerin, wie ihr Werk, das während eines Aufenthalts im Bridderhaus entstand – ebenfalls parallel zur Ölförderung: ein netzartiges Gemälde, das vollständig aus Arbeitshandschuhen gefertigt wurde. Der Begriff des Verlusts – sei er traditioneller, historischer oder identitätsbezogener Natur – beschäftigt Samira Hadaei buchstäblich. Dies gilt auch für die aktuelle Ausstellung in der Galerie Valerius mit „Headless Palms“.

Zwar hat die Dattelpalme über Generationen hinweg Bauernfamilien ernährt und zeugt damit von einer jahrtausendealten Tradition in der Region Arvand Kenar im Süden des Iran, doch die landwirtschaftliche und menschliche Kultur ist mit den Raketen verschwunden, die die Palmen während des Iran-Irak-Kriegs entwurzelt haben. Die Palmenhaine sind noch immer da, die Baumstämme stehen aufrecht wie Gedenksteine. Aus dem Begleittext zur Ausstellung erfahren wir, dass die Palme „Teil der Familie war“, mit anderen Worten, „dass sie ein Mensch war“. Sie sind gestorben, die Palmen, und mit ihnen der Daseinsgrund der Menschen.

Samira Hodaei versteht es, Erinnerungen schön erscheinen zu lassen, wenn man ihren meisterhaften Umgang mit den in einem regelmäßigen Raster angeordneten Glasmalerei-Punkten betrachtet. Man denkt dabei an die Herstellung von Teppichen aus hochwertiger Wolle, die „von Hand geknüpft“ sind. Man muss sich vorstellen, wie präzise die Punkte einzeln aufgebracht werden – unabhängig von der Größe der Bilder (von 180 x 80 cm bis 18 x 13 cm). Die leuchtenden Farben für die Erde oder den Himmel (Rosa-Rot, Petrolblau oder umgekehrt) lassen das Feuer wieder aufflammen, und die gelben Kugeln markieren die Flugbahn der Raketen (gelb-rot-blau), die „die Königin der Bäume“ zerfetzt und in Brand gesetzt haben.

Auf zwei sehr großen Formaten (180 x 80 cm) haben die Palmen unter den insgesamt vierzehn Gemälden noch ihre Krone. Ihr Kopf ist, gemäß dem Untertitel der Serie „Find a Face“, schwer beschädigt. Die eine brennt, die Äste der anderen gleichen abgeschnittenen Flügeln. Wir befinden uns mitten im Geschehen der Zerstörung. Die mittelgroßen Formate, die überwiegend von vorne betrachtet sind, zeigen Porträts nach der Schlacht: nur noch Stämme, keine Köpfe mehr. Die Stammkörper weisen das Rot des Blutes und das Braun der Verbrennungen auf. Die Ausstellung endet mit einem Triptychon (das leider durch einen Einzelverkauf getrennt wurde), auf dem die Palmenhaine von einem Bewässerungskanal durchzogen werden, dessen Wasser nun brackig ist. Der perspektivische Blick dringt tief in die Region Arvand Kenar vor, wo nun Stille herrscht.