Yann Tonnar, bekannt als Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, kehrt mit „Stadtrand“ zur Fotografie zurück. Auch wenn das bewegte Bild eher sein Fachgebiet ist, kehrt er hier zu seiner ursprünglichen Tätigkeit als Fotograf zurück, indem er sich selbst bewegt und nicht das Bild. Im Laufe des Jahres 2021 stieg er auf sein Fahrrad, um den Randstraßen rund um die Stadt zu folgen, und kehrte mit einer Reportage zurück, die teils soziologisch, teils ästhetisch geprägt ist.
Dieser doppelte Ansatz ermöglicht sowohl eine Ausstellung im Luxembourg Center for Architecture (Luca), wo die Bilder in die Analyse der städtebaulichen Entwicklung einfließen, als auch eine Präsentation als reine Bildwerke bei Projects Nosbaum Reding. Die beiden „Stadtrand“-Ausstellungen haben ein Thema gemeinsam, das nicht unbedingt sofort ins Auge fällt. Es ist also der Blick des Besuchers – sei er nun Fotografie-Liebhaber (bei Nosbaum-Reding) oder Fachmann für Architektur, Stadtplanung und Umwelt (im Luca) –, der dazu eingeladen ist, das zu betrachten, was man auf Französisch als „ Nicht-Orte “ nennen könnte.
Es war der Ethnologe und Anthropologe Marc Augé, der 1992, also vor dreißig Jahren, diesen Begriff verwendete, um den Beginn unserer Epoche zu analysieren, und dafür plädierte, was noch getan werden könne, um das Land zu bewohnen, sich zu begegnen und dort sozialen Zusammenhalt zu schaffen. Es war zu Beginn der Zeit der realen und virtuellen Autobahnen, die den Einzelnen scheinbar frei, aber einsam machten. Die kleine Abhandlung hatte in den Architekturhochschulen durchschlagenden Erfolg. Heute plädieren diejenigen, die an der Spitze des Berufsstandes stehen, ähnlich, aber gewissermaßen als Gegenpol zu Augé: dafür, diese Randgebiete der Stadt brach liegen zu lassen. Sie versprechen Selbstversorgung mit Lebensmitteln, da sie bewirtschaftbar sind, sowie Zusammenleben, Austausch und Teilen. Die Fotos von „Stadtrand“ zeigen den Kampf des Gemeinguts (engl. „common ground“) gegen Globalisierung und Individualismus, da es niemandem gehört und somit allen gehört.
Philippe Nathan und Norry Schneider werden Anfang nächsten Jahres eine Veranstaltung rund um diesen „Lebensgürtel“ moderieren und damit das Programm 2023 des Luca eröffnen; außerdem wird der französische Architekt und Stadtplaner David Mangin, Gewinner des Grand Prix d’architecture, wird über „(De-)Konstruktion der Peripherie auf andere Weise“ sprechen. Das Luca zeigt sich damit entschieden kritisch.
Aber welche Bilder von welchem Stadtrand verbreitet „Stadtrand“ eigentlich? Wenn das Luca der Ort der Debatten ist, muss man doch in die Galerie Nosbaum-Reding gehen, um in der von Yann Tonnar kuratierten Ausstellung zu sehen, was diese „Nicht-Orte“ sind, die von der Stadterweiterung so begehrt sind. Um sie für das Auge des Besuchers begehrenswert zu machen, hat Tonnar ästhetisch ansprechende Serien zusammengestellt, in denen das Volle im Kontrast zur Leere steht. Die rechteckige Form eines Brückenunterbaus im Vergleich zur Seitenfassade eines Zweckgebäudes, die Fülle der Rückfassade eines Hangars und der Grundriss eines Sportplatzes. Oder die Design-Spielerbänke, die im Kontrast zu einer improvisierten Bank am Waldrand stehen.
Mauern und Zäune gibt es in vielen verschiedenen Formen: als blau gestrichene Baustellenmauer, als umgestürzte Wand eines Sondertransports (eines ausgewachsenen Baumes), als Absperrungen, die die Straße versperren, als lästige Instandhaltungsarbeiten, die Fußgängern im Weg stehen, oder als Loch in einer Mauer, aus der ein Windstoß eine Plane gerissen hat… Es gibt weitere, wenn auch paradoxe Beispiele in „Stadtrand“: die Erdhalde und das gepflügte Feld, wo – als Symbol schlechthin – der Kirchberg* (und warum nicht auch der Ban de Gasperich?) und seine Türme am Horizont aufragen.
Tatsächlich sind auf den Fotografien von „Stadtrand“ nur wenige Orte zu erkennen. Der Bildinhalt hat Vorrang vor dem Ort: Autobahn statt Waldweg, Stromtransformatoren und eine Straßenlaterne mitten im Nirgendwo. Illegale Müllhalden gehören natürlich zum Programm der Verunstaltung der Landschaft, ebenso wie die im Abriss befindliche Villa und der komfortabel ausgestattete Schuppen mit Satellitenschüssel und Klimaanlage… Yann Tonnar hat zudem mehrere Ansichten von selbstgebauten Gartenhäuschen und Trampolinen „festgehalten“, die für Kinder in nicht unbedingt gepflegten Gärten aufgestellt wurden.
Die Fotoausstellung „Stadtraum“ ist bei Projects Nosbaum Reding noch bis zum
14. Januar und im Luca noch bis zum
13. Januar zu sehen. Das Programm der Vorträge und Workshops finden Sie auf luca.lu