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Bildende Kunst 5 Min. Lesezeit

Die Kunst der Unschärfe

Zeitgenössische Kunst

Erschienen in Ausgabe Juli 2023
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Jedes Jahr – was zeigt, dass sie fleißig arbeitet – stellt Sandra Lieners einen neuen Stand ihrer Arbeit aus. In diesem Jahr trägt die Serie bei Fellner contemporary den Titel „abstract/extract“.

Seit ihrem Debüt in der luxemburgischen Kunstszene im Jahr 2014 wurde vielfach behauptet, sie sei von Street Art (Graffiti), vom städtischen Raum (übereinander geklebte, zerrissene Plakate) oder sogar von Straßenszenen mit Figuren (Schnappschüsse mit dem Smartphone). „Visuelle Impulse, die sie wie ein Gesamtkunstwerk inszeniert“, so Paul di Felice in der Einleitung zum soeben erschienenen Katalog „The Book“. Er betont jedoch die Arbeit der Malerin im Atelier. Ihr Vorbild ist nach Sandra Lieners’ eigenen Angaben Michel Majerus, zu dem man Tina Gillen hinzufügen kann, die sie in einem Interview mit culture.lu anlässlich der vorliegenden Ausstellung zitiert.

„Abstract/extract“ – das ist ein prägnanter Ausstellungstitel für eine neue, verschwommene oder unscharfe Werkreihe. Zu sehen sein wird auch die Serie „Supersize“ aus der Ausstellung „Interlude“, die letztes Jahr bei Ceysson & Bénétière zu sehen war. Warum nicht noch einmal diese Werke betrachten, die an eine Geistersilhouette und ein Bestiarium erinnern? Eine Art Bison, eine Ziege, ein Vogel – allesamt Holzausschnitte, die mit dicken Strichen schwarzer Ölfarbe überzogen sind. Man erfährt, dass es sich um (sehr) große Vergrößerungen von Ausschnitten anderer Werke handelt. Oder das kleine Werk „Sour yellow“, eine Art Schrift, die an Streifen aus Hieroglyphen erinnert (gelbe, auf grauem Hintergrund übereinanderliegende Streifen, 40 cm x 70 cm), ebenfalls eine Wiederaufnahme aus dem Jahr 2022, sowie die ikonische große Leinwand 124-051 aus der Serie von 2018, „Beyond the surface, New York“ (180 cm x 200 cm).

Dieses Werk enthält alle Elemente, die Sandra Lieners „ausgemacht“ haben: Sandra Lieners ausmachen: Buchstaben (hier in Form eines amerikanischen Nummernschilds), ein vertikaler Farbstreifen, der an den Hauptteil des Bildes angrenzt (den die Künstlerin als „Zeugen“ bezeichnet). Auch hier, im Untergeschoss, ist er zu sehen und bringt uns tatsächlich dem ersten Werk der aktuellen Ausstellung, „abstract/extract“, näher. Angefangen bei den Farben: Braun und vor allem Rottöne – redder, red, reddest –, eine Abstufung in Intensität und Flächenausdehnung auf der Leinwand. Es ist ein dreiteiliges Diptychon, das den Besucher empfängt, wie ein Teppich auf dem Boden, und sich dann an der Wand oder an der Bilderschiene emporzieht – dem üblichen Ort, an dem Werke in einer Ausstellung aufgehängt werden.

Der schmale Streifen verläuft diesmal horizontal und erinnert an die Predella eines Altarbildes. Man darf nicht vergessen, dass Sandra Lieners an der Accademia di Belle Arti in Florenz studiert hat (2014–2016). Die roten Farbspritzer wiederum können an die Wiener Aktionisten erinnern. Die junge Frau, die zwischen Luxemburg und Frankreich lebt, ist zwar erst 33 Jahre alt. Sie war noch nicht geboren, als Otto Muehl, Günter Brus und Hermann Nitsch in den 1960er Jahren wirkten. Doch sie studierte 2016 und 2018 an der Angewandten in Wien. Ihr Aufenthalt in New York im Jahr 2017, der durch den Edward-Steichen-Preis ermöglicht wurde, findet seinen Niederschlag in dem emblematischen Werk „124-051 Beyond the surface, New York“.

Um sich „redder, red, reddest“ anzunähern, muss man auf Papier laufen, das auf dem Boden liegt und aus ihrem Atelier stammt. Das Erdgeschoss der Galerie, so klein es auch ist, zeigt noch immer Elemente, die seit Beginn von Lieners’ Schaffen immer wiederkehren, wie die Farbmuster, an denen sie Farben testet, oder die Reste zerdrückter Farbtuben (The rest is history). Das wirkt in einem so kleinen Raum ein wenig überladen, wenn auch „bis zum Äußersten“. Vor allem aber gibt es in diesen Zeiten steigender Temperaturen und in einer Zukunft, in der vieles schmelzen wird, „Dissolve“, diese gewellte Polycarbonatplatte, deren Linien von oben nach unten tatsächlich zu verschwinden scheinen, wie eine mit Füllfederhalter geschriebene Schrift, deren Tinte nach und nach versiegt. Aus Platzmangel oder wegen mangelnder Befestigung wird es im Erdgeschoss ein wenig zu unübersichtlich.

Die zweite dieser durchscheinenden, mit schwarzen Graffiti verzierten Platten wird im Keller zu sehen sein. Melt durchbricht zudem die Anordnung der Serie „abstract/extract“, der jüngsten Produktion von Sandra Lieners, in der sich schwarze und weiße Leinwände abwechseln – allesamt Diptychen mit „Kontrollfeld“ im unteren Bereich, die eher an Schrift erinnern (130 cm x 100 cm), und großen Leinwänden (180 cm x 120 cm) in Grau-Blau, Weiß und Gelb, wie Vergrößerungen von Wasserbewegungen, eine digitale Pixelierung… Man könnte hier einen Bezug zum Impressionismus, zur Digitalkunst oder sogar zur Fotografie sehen: Die schwarz-weißen Gemälde haben einen schwarzen Rahmen, ähnlich wie früher der Rand von Fotonegativen. So gelehrt die Bezüge auch sein mögen, die man bei „black“, „blackest“, „R“, „A“, „été“ suchen mag – Stoffstücke sind auf die Leinwand aufgebracht und sorgfältig vernäht. Diese Stofffetzen, mit denen der Maler seine Pinsel abwischt, erinnern an „The rest is history“: zerdrückte Farbtuben, Farbreste, vereint in einem einzigen Werk. Es handelt sich um eine Neuauflage aus dem Jahr 2021. Auf dem Boden liegt dasselbe Papier wie im Erdgeschoss, hier mit Kohleflecken übersät, die der Künstler wie verstreut hatte. Die Schritte der Besucher haben daraus ein abstraktes Werk gemacht.

Im hinteren Raum stellt Sandra Lieners zudem „1523“ aus, ein Kakemono-Pastell-Frottage auf Japanpapier, benannt nach dem Baujahr der Gewölbesäule im Keller. Man hätte es vorgezogen, wenn sich die Ausstellung auf die abstrakten Auszüge beschränkt hätte, die neue Serie, die den Titel der Ausstellung trägt. Der hintere Raum der Galerie Fellner contemporary ist nach wie vor der Raum zu viel, der noch in den Griff zu bekommen ist.

„abstract/extract“ von Sandra Lieners ist
bis zum 15. Juli bei Fellner contemporary zu sehen,
2 rue Wiltheim in Luxemburg