Die Ausstellung von Roger Ballen in der Valerius Gallery kann gar nicht anders heißen als „Into the Ballenesque“ – genau wie das Universum, das er geschaffen hat, um die „Verdammten dieser Erde“ Südafrikas zu verherrlichen. Noch bis diesen Samstag hat man Zeit, sich diese in einem geschlossenen Raum inszenierten Szenen anzusehen. Die Fotos sind wie immer quadratisch, schwarz-weiß und mit Blitz aufgenommen. Der Raum an sich spielt keine Rolle, außer für die Aufnahme. Er symbolisiert eine physische und mentale Gefangenschaft. Dies ist ein erster Anhaltspunkt, um die 18 Fotografien von Roger Ballen aus den Serien „Shadow Chamber“ (2001–2004), „Boarding House“ (2004–2007) und „Asylium of the Birds“ (2005–2013) zu verstehen, die mit rohen Elementen einen menschlichen Zustand völliger Entbehrung veranschaulichen.
Neben dem geschlossenen Raum sind Metallfäden ein weiterer Hinweis auf die unmögliche Kommunikation: Sie hängen herab, sind zu einem Käfig verwoben oder nehmen sogar die Form eines Fotofilms an (Unwind, 2013). Dieser Draht taucht zum ersten Mal in dem Porträt „Sgt F. de Bruin, Department of Prisons Employee, Orange Free State“ (1992) auf, das Teil von Roger Ballens dokumentarischer Schaffensphase ist. Der Gefängniswärter posiert von vorne, und es sieht so aus, als würde der Draht sein Gehirn durchqueren, indem er in das eine Ohr eintritt und aus dem anderen wieder austritt. Roger Ballen, 1950 in New York geboren, der seit Anfang der 1980er Jahre in Johannesburg lebt, fotografierte diese „ Fresse “ im Rahmen eines seiner Einsätze als Geologe – seinem Beruf – in den abgelegenen Dörfern einer Bergbauregion. „Dorps, Small Towns of South Africa“ erschien 1986.
Mit „Platteland“ (1994), benannt nach der Region, wurde Roger Ballen berühmt. Das Porträt der Zwillingsbrüder Dressie und Caisie (Twins, 1993) erregte Aufmerksamkeit als anthropologische Dokumentation und international in intellektuellen Kreisen und der Kulturwelt auch als fotografische Porträts. Doch Roger Ballens Arbeit, die entartete Weiße zeigte, löste damals in Südafrika einen Skandal aus. Die weiße Gesellschaft wollte diese ausgebeuteten weißen Bergarbeiter nicht sehen, die unter erbärmlichen Lebensbedingungen vergessen, in sich selbst zurückgezogen und unter sich verheirateten.
An den schimmeligen und schmutzigen Wänden dieser „Wunderhöfe“ entdeckte Roger Ballen noch etwas anderes: kindliche Zeichnungen im Stil der Art brut. Diese wird er nach den 2000er Jahren in seinen Inszenierungen verwenden, in denen man nicht mehr die echten Gesichter sieht, sondern eben diese Zeichnungen, die als Masken getragen werden. So verhält es sich auch mit dem Kind in „Look Alike“ (2012). In diesem trostlosen Universum führt derjenige, der sich als Kind fragte, warum er nicht wie die Vögel fliegen könne, die weiße Taube ein. Man sieht sie auf den in der Valerius Gallery ausgestellten Fotografien natürlich als Symbol der Reinheit, der Unschuld und der möglichen Freiheit. Ballen, ein Mann der Gegenkultur und des Systemwiderstands, geht jedoch so weit, ihr in „Ascension“ (2013) eine quasi-religiöse „Auferstehung“ zu widmen. Prosaischer betrachtet sieht man nur sie als lebendes Element in der Hand eines männlichen Körpers, der aus einem Mantel hervorkommt. (Headless, 2005).
Der Vogel kann auch das Gesicht verdecken. So wie der weiße Flügel eines Vogels (Blinded, 2005). Man fragt sich, wer hier geblendet ist: wir, die wir das mit Blitz aufgenommene Foto betrachten, oder der Mann, der der Gans zweifellos den Hals umdrehen wird. Denn auch wenn uns die ballenesken Figuren durch ihre Unschuld berühren, ist ihre reale Welt brutal. In „Bite“ (2007) steckt ein Mann seinen Finger in das Maul einer Schlange. Es ist ein Spiel auf Leben und Tod. Auch die Sexualität ist ein Lebensinstinkt: In „Excited Man“ (2001) zeigt Roger Ballen das erregte Gesicht eines Mannes, dessen Kopf im Schritt einer riesigen Plüschbärin steckt. Politisch korrekter ist „Playroom“ (2012), in dem Marionetten mit Tierköpfen einen Kinderwagen mit einer Puppe schieben, so wie sich ihre Vorbilder selbst darstellen.
Wie eine Skizze von Menschen ist „Into the Ballenesque“ die Veredelung der Unschuld im Rahmen des Themas „Rethinking Identity“ der EMOP 2023. Und es zeigt, wie ein Fotograf dem Unmöglichen eine Identität verleiht.