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Bildende Kunst 3 Min. Lesezeit

Die Experimentierfreudige

Metall, Holz und Keramik im Dienste nicht-funktionaler Haushaltsgegenstände: die faszinierende Ästhetik von Hisae Ikenaga in der Projects Gallery Nosbaum Reding

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Es ist die erste Einzelausstellung von Hisae Ikenaga in einer luxemburgischen Galerie. Die mexikanisch-spanische bildende Künstlerin (1977 in Mexiko-Stadt geboren), die zwischen Luxemburg, Spanien und Frankreich lebt, blickt auf einen ebenso internationalen Bildungsweg zurück: Spanien, Japan, Mexiko. In Luxemburg gewann sie den LEAP-Preis 2020, der innovative Arbeiten im Bereich der zeitgenössischen Kunst auszeichnet, sowie den „Art in Situ“-Preis der Architektenkammer (OAI) im Jahr 2021. In diesem Gebäude mit schlichter architektonischer Gestaltung trägt ihr Projekt den Titel „Reproduktion von Elementen“: Zu sehen sein werden (ab Januar 2022) nachgemachte Lichtschalter, Feuerlöscher, Handläufe und Heizkörper neben den Türen oder wie Gemälde an den Wänden und am Treppengeländer aufgehängt.

Gaston Bachelard, der Philosoph, dessen Werk „Die Poetik des Raums“ seit seinem Erscheinen im Jahr 1958 aus den Architekturschulen nicht mehr wegzudenken ist, wird in diesem Zusammenhang im Text der Galerie Nosbaum Reding zitiert, der die Ausstellung „Industriel-viscéral“ einleitet. Den Mittelpunkt des Hauptraums in der Wiltheim-Straße nimmt „Rack“ ein. Pfosten aus verchromten Eisenrohren und Eichenholzbretter sind die üblichen Bestandteile eines Regals, auf dem Alltagsgegenstände platziert werden. Hier beginnt die Poesie von Hisae Ikenaga: Zwar stehen glasierte Keramikbecher ordentlich auf einem Serviertablett, doch befindet sich dort auch eine Art ungebranntes Keramikfliesenstück, als wäre sie noch nicht bearbeitet worden, und auf dem Regal darüber steht ein Objekt, wie man es in seiner Wohnung aus ästhetischen Gründen aufstellt – bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich um ein seriengefertigtes, mit einer Laubsäge gesägtes Bettfußteil aus Holz handelt. Seine Rundungen finden ihre Entsprechung in den weißen Keramik-Eingeweiden, die an den verchromten Industriestangen hängen.

Vier Regale dieser Art, die keinen praktischen Zweck erfüllen, sind an der linken Wand befestigt und werden so zu Gemälden. Die rechte Wand wird vollständig von den Collagen mit Interieurmotiven der „Only Wood“-Serie eingenommen. Auf Magazinseiten, die wie diese Luxusausgaben unter glänzendem Plexiglas eingelegt und wie kleine, kostbare Gemälde auf Eichenleisten platziert sind, hat Hisae Ikenaga die Sitzflächen von Stühlen ausgeschnitten und auf den gedeckten Tischen Teller, Besteck und Geschirr angeordnet – also genau das, wofür ein Holzstuhl gemacht ist – zum Sitzen – und Keramikgeschirr – zum Essen.

Es ist bedauerlich, dass in der Ausstellung – die ausgestellten Werke stammen zwar alle aus diesem Jahr, doch die bildende Künstlerin verfolgt diesen Ansatz bereits seit 2016 – keine Arbeiten aus eben jenem Jahr zu sehen sind, die bildlich gesprochen eher wie faltbare, die in zweidimensionale Objekte verwandelt wurden, die kopfüber an der Wand hängen, und die hier ein Geschirrtuch und Topflappen, dort eine Wasserwaage oder eine Zange, einen Kleiderbügel oder ein Paar Socken enthielten. Die Idee, die diese Alltagsgegenstände auf wirkungsvolle Weise unpassend erscheinen ließ, findet sich hier in den Collagen der „Décompositions en douceur“ (verwickelte Chromrohre und Sofas) wieder. Eine ironische Bestandsaufnahme der industriellen Produktion, vom Bauhaus bis hin zu zeitgenössischen Designherstellern.

„Industriel-viscéral“ geht einem jedoch im zweiten Raum der Projects Gallery buchstäblich unter die Haut. Man weiß nicht, ob man sich im Labor eines Konditors oder eines Pharmaunternehmens befindet, ob man Zeuge eines chirurgischen Eingriffs oder einer Obduktion wird. Hier hat hat Hisae Ikenaga auf Edelstahltischen und Stahltabletts eine Ansammlung von Gläsern und Glaspipetten, Werkzeugen sowie glasierten und pigmentierten Keramiken angeordnet, die sowohl in der Küche als auch in einem Operationssaal oder an einer archäologischen Ausgrabungsstätte ihren Platz hätten. Diese Installation ist ein fantastisches Werk (im Sinne der Installation) oder ein fantastischer Ort (im Sinne des Raums) für einen heutigen Sammler, so wie es in der Vergangenheit die Kuriositätenkabinette waren.