Sie hat gerade ihr Studium abgeschlossen. An der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Brüssel, Fachbereich „Bildende und räumliche Kunst, Malerei mit Spezialisierung“. Auch wenn nicht ganz klar ist, was genau darunter fällt (Malen, Schilder, Fassaden, Schaufenster, Dekorationen ?), so erhält die 23-jährige Französin Gladys Bonnet, geboren in Mougins, wo sie auch lebt, eine erste Einzelausstellung mit dem Titel „Les interstices de la mémoire“.
Gladys Bonnet (man weiß auch nicht, wie und warum dieses Mädchen aus dem Süden zum Studium nach Brüssel gegangen ist) ist eine Malerin im akademischen Sinne des Wortes. Im 21. Jahrhundert ist es ein Kompliment, sich durch die Präzision der Arbeit mit dem dreizinkigen Pinsel in die flämische Tradition des Goldenen Zeitalters einzureihen und als belgische Vorgänger aus dem letzten Jahrhundert Realisten, bissige, humorvolle und surreale Künstler wie René Magritte oder Félicien Rops zu zählen. Wie die großen Meister der Vergangenheit arbeitet sie auf Holz, und die Grundierung ihrer Bilder wird traditionell aus Kaninchenhautleim und Meudon-Weiß hergestellt und anschließend geschliffen. Ein Verfahren, das dafür bekannt ist, die Pigmentpartikel gut zu fixieren.
Wenn man sagt, dass sie sich auf Vorgänger wie die „Seconds“ berufen kann, dann deshalb, weil jedes gemalte Motiv die Veranschaulichung eines Themas oder einer Situation ist, die einfach erscheint, in Wahrheit aber wie eine Schublade voller Geheimnisse ist. Es gibt noch etwas anderes. Sei es in ihren Innenraumszenen, ihren Außenaufnahmen oder ihren kleinen Figuren. Denn die Größe reicht von mindestens der einer Briefmarke (3,9 x 2,8 cm) bis maximal der einer Postkarte (40,3 x 30 cm). Was die Formate betrifft – Hochformat, Querformat, Quadrat –, hat Gladys Bonnet offensichtlich keine anderen Bedenken als die, die der Darstellung dessen entsprechen, was sie malt. Wie in einem Skizzenbuch, nur dass es sich um Malerei handelt.
Die Lücken der Erinnerung. Hier sind Bruchstücke von Geschichten, zweifellos persönlicher Natur, teils real, teils imaginär. Es ist eine innere Reise in eine Bibliothek („Eine Vision“), hinaus in ein Bergtal („See der Wunder (2)“) und in eine Ebene (Grüner See). Auch auf die Gefahr hin, in Stammtischpsychologie abzurutschen, wollen wir nicht behaupten, dass Gladys Bonnet an einem Problem arbeitet, das ihrer Psyche eigen ist. Doch die Seen sind ein Loch, und hier ist der Wächter der Höhle. Denn es gibt auch unterirdische Zufluchtsorte (Höhlenstruktur, Ausgang der Höhle im Nebel).
Man könnte sagen, dass Gladys Bonnet ein bisschen wie Alice im Wunderland ist – die, sobald sie dem Kaninchen in seinen Bau gefolgt ist, in eine skurrile Geschichte stürzt und uns mitreißt, so schön wie die smaragdgrüne Farbe der „Façade de cristal“ oder so beunruhigend wie der brennende Himmel der „Trois pins“. Begegnen wir „Une jeune fille volante“, die wie eine entzückende kleine Ratte im Tutu über der Landschaft Entrechats vollführt, so taucht hier der „Homme rampant“ auf, der sich abmüht, sich aus der Höhle zu befreien … Man sieht, dass es Nacht ist, man spürt, dass ihm kalt ist. Das kleine Bild ist violett gefärbt. „Nächtliche Umarmung“ hat die Farbtöne der Wärme zweier ineinander verschlungener Körper (so viel zur Erotik), doch in „Höhlenstruktur“, „Einschnitte (1)“ und „Einschnitte (2)“ fließt Blut.
Es gibt also kleine Rückschläge, und die kleinen Freuden des Lebens sind wie Talismane. Man kann den „Kleinen Tannenbaum“ (2,1 x 1,7 cm) und den „Orangenbaum“ (5,3 x 4,1 cm) einfach in die Tasche stecken. Damit knüpfen wir an eine alte Tradition an: das Porträt der Verlobten, das einem Prinzen überreicht wurde, oder das Medaillon, das als Halskette getragen wurde und das Gesicht des oder der Geliebten zeigte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man ein Foto der geliebten Menschen in der Brieftasche aufbewahrte. Heute speichert man sie auf dem Handy.
Eine Reihe kleiner Karten, alle im gleichen Format, sind in vier Reihen angeordnet. Das Exemplar der Tuschezeichnungen ist ein Unikat. Doch „Faksimile“ – dieses Wort passt gut zur Alltäglichkeit des Lebens (Das Büro, Der Regenschirm). Eine alltägliche Eingeschlossenheit, ein vergänglicher Schutzraum. Die angelehnte Tür steht isoliert in einer Landschaft. Man betritt kein Haus. Tatsächlich ist es bei Gladys Bonnet ein wenig so, als würde man in einen Spiegel blicken und gemeinsam mit ihr hindurchgehen.
„Les interstices de la mémoire“ von Gladys Bonnet ist noch bis zum 17. Juni im Projects Room der Galerie Nosbaum Reding, 4 rue Wiltheim in Luxemburg-Stadt, zu sehen