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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Dialektisch, innen, außen

Ein Einblick in das Werk von Tina Gillen – mit Blick auf die Passgenauigkeit des Ausstellungsortes

Erschienen in Ausgabe Juni 2023
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Eine strahlende Sonne, die ihre Strahlen in alle Richtungen wirft, erhellt das Obergeschoss und durchflutet jeden Winkel der Konschthal Esch. Das verdeutlicht schon auf den ersten Blick die Strahlkraft der Ausstellung von Tina Gillen, ebenso wie die Leichtigkeit, die zumindest im Titel „Flying Mercury“ angekündigt oder angedeutet wird. Wesentlicher ist jedoch ihre Gestaltung, ihre Anpassung an die schwierigen Ausstellungsbedingungen, die der Architektur innewohnen. Und diejenigen, die Tina Gillens Beitrag zur jüngsten Biennale in Venedig kennen, werden sich teilweise auf vertrautem Terrain wiederfinden – allerdings nur teilweise, denn schon die einladende Sonne verbreitet ein ganz anderes Licht.

Wir werden noch auf diese Bedingungen zurückkommen, denn sie sind Teil des eigentlichen Arbeitsprozesses von Tina Gillen. Beschäftigen wir uns zunächst damit, was die Bilder auf andere Weise aussagen: eine Dialektik, die sich durch alle Räume zieht – Gemälde im Innen- und Außenbereich, Wohnraum, wenn man so will, und Landschaft – sowie für die Malerei selbst, ihre Art und ihren Stil zwischen Figuration und Abstraktion. Nach dem Sonnenstrahl fällt unser Blick direkt auf ein Bild, das einer Postkarte ähnelt; an anderer Stelle verweilt er bei Hütten oder sogar bei einem regelrechten modernistischen Bauwerk. So kommt es vor, dass es sich gewissermaßen einschließt, um sogleich in die Ferne zu entfliehen – die einen führen uns beispielsweise in einen von Sonnenstrahlen erhellten Wald, die anderen erheben sich wie eine Barriere aus Eismassen. Dieses Hin und Her findet sich in den Bildern von Tina Gillen wieder, und in einem Raum, der uns besonders in seinen Bann zieht, einem Zwischenraum aus Öffnungen, aus Fenstern mit ihren Rahmen und Einfassungen. Als Metapher der Malerei selbst bleiben wir knapp im Bereich der Figuration, doch Rothko ist ganz nah, eine atmosphärische, ätherische Abstraktion.

Wenn Tina Gillen in ihren Bildern auf jegliche menschliche Präsenz verzichtet, dann deshalb, weil es an uns liegt, uns ihnen gegenüber zu positionieren, in sie einzutauchen, durch sie zu schlendern oder noch weiter zu gehen. Denn sie spricht zu uns über unsere Welt, genauer gesagt über unsere Umgebung, und fordert uns dazu auf, uns damit auseinanderzusetzen. Und dort, wo sich ihre Malerei von den Bilderleisten befreit, um in solche dreidimensionalen Konstruktionen überzugehen, findet die in Venedig gesehene Holzhütte so ihr Pendant in Esch ganz hinten im Erdgeschoss, mit einer Luke, durch die eine Person hindurchgehen kann, um hinein- oder hinauszugehen. Ist das nicht wie eine Einladung zu einer Pause, zu einem Moment, der zum Nachdenken einlädt ?

Diese Holzhäuser tauchen also in ihren Gemälden auf; schon während ihres Studiums in Wien an der Hochschule für Angewandte Kunst hatte Tina Gillen ihr Augenmerk auf Wohnformen gerichtet und eine Serie über Häuser in Vorstadtvierteln geschaffen. Darüber hinaus ist es genau das, was unser Leben in Zukunft stark beeinflussen wird: die Folgen des Klimawandels. Muss man bei der Betrachtung solcher Bilder so weit gehen, den Kontrast der Himmel zu erkennen – die einen kalt, grün, blau, die anderen warm, orange, rot – in der gesamten Gemäldeserie „Heat“ (2022)?

Jeder kann sich seine eigene Interpretation bilden. Was jedoch unbestreitbar ist, ist die Meisterschaft, mit der die Künstlerin vorgeht. Oftmals greift sie dabei auf Fotografien zurück, die sie selbst aufgenommen oder aus verschiedenen Quellen zusammengetragen hat, und schöpft so aus einem reichhaltigen Bildarchiv, das sie bildlich umsetzt. Und diese können von Ausstellung zu Ausstellung variieren und erweitern sich ständig. Auf dieselbe experimentelle Weise versteht es Tina Gillen, mit den Ausstellungsorten zu spielen. Im Arsenale in Venedig war Dichte gefragt; in der Konschthal Esch nutzte sie die verschiedenen Ebenen in den selbst vielfältigen, mehr oder weniger offenen oder geschlossenen Räumen für eine ganz andere Inszenierung; ein Moment, um ihr Thema zu erweitern, es zu entfalten und dabei gemeinsam mit ihrer Kuratorin Charlotte Masse die Vorgaben in einem schönen Gleichgewicht zu berücksichtigen.