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Bildende Kunst 4 Min. Lesezeit

Der weiße Ball

Die Wandteppichkunst erlebt als künstlerisches Medium ein starkes Comeback. Sportliche Vorführung bei Zidoun-Bossuyt

Erschienen in Ausgabe Juni 2022
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Es ist bekannt, welche Begeisterung die Spiele der NBA (National Basketball Association) in Amerika auslösen. Noel W. Anderson, der neue Schützling des Künstlerkollektivs schwarzer US-amerikanischer Künstler der Galerie Zidoun-Bossuyt, liefert hier in einer Einzelausstellung eine umwerfende Darstellung des Mythos der „Magie“ des Körpers schwarzer Athleten, und zwar auf einem unerwarteten Medium: dem Wandteppich.

Dieses Medium kehrt in Galerien und auf Kunstbiennalen wieder ins Rampenlicht der Kunstszene zurück. In Venedig waren zahlreiche Werke dieser Art zu sehen, und Noel W. Anderson selbst vertritt derzeit die Galerie Zidoun-Bossuyt auf der Berlinale. „Make me come out of myself“, so der Titel der Ausstellung, ist das Gegenteil des umgangssprachlichen Ausdrucks „Don’t make me come out of myself“ – bring mich nicht aus der Fassung, provoziere mich nicht. Hier heißt es vielmehr: Du wirst schon sehen, was du zu sehen bekommst. Zunächst fällt auf, dass dieser junge Mann (geboren 1981 in Louisville, Kentucky), der in Harlem lebt und arbeitet, sein ganzes Talent als Plakatkünstler und Bildhauer auf überraschende Weise visuell auf Wandteppiche überträgt.

Der Wandteppich ist seit fast tausend Jahren ein außergewöhnliches Ausdrucksmittel. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde darin die weibliche Schönheit auf dem berühmten Wandteppich „Die Dame mit dem Einhorn“ gepriesen (der angeblich auch eine ausgesprochen sexuelle Bedeutung hat, da sein Untertitel „Zu meinem einzigen Verlangen“ lautet); die Verbindung zu den zeitgenössischen Werken von Anderson wird weiter unten deutlich. Und bereits um 1080 wurden auf Wandteppichen auch kriegerische Ereignisse dargestellt. So zum Beispiel der „Bayeux-Teppich“, der die Schlacht von Hastings um die Eroberung des englischen Throns erzählt. In diesem Fall handelt es sich um eine Ode an die männliche Stärke. In der Ausstellung ist ein Werk von Anderson in denselben hellen Farbtönen zu sehen („We’ve Got’em Now! Now!“, 2022).

Das Herzstück von „Make me come out of myself“, das ganz hinten und in der Mitte der Galerie hängt – ein auf den Parkettboden gezeichneter Basketballplatz führt dorthin wie zu einem heiligen Objekt –, erinnert an ein riesiges Banner in schillernden Farben: Grün, Dunkelrot, die der in der Renaissance verwendeten Farbpalette nahekommen. Kehren wir in die Gegenwart zurück, und es wirkt wie ein riesiger Bildschirm, auf dem die Übertragung schlecht ist und die Silhouetten der Spieler und Zuschauer im Zickzack verzerrt erscheinen.

Diese verzerrten Körper finden sich in fast allen Wandteppichen und winzigen Skulpturen wieder, die die körperliche Beweglichkeit der Basketballstars demonstrieren (Trick Voltive 1 und 2, 2022). Hier ließ sich Anderson (der auch Bildhauer ist) von Figuren von NBA-Champions inspirieren. Sie sind aus demselben Material gefertigt wie Basketbälle. Doch was ist eigentlich seine eigentliche Botschaft? Bei Anderson geht es um mehr als nur die Anziehungskraft des Bildes und die geschickte Wahl der Farben. Eine Antwort findet sich im Untergeschoss der Galerie, wo der Sockel der Figuren als Sitz für den Betrachter dient.

Denn in vielen Darstellungen ist es wie bei den Spielen im römischen Zirkus: Die schwarzen Basketballspieler und ihr „magischer Körper“ (Earvin Johnson wurde ja auch „Magic Johnson“ genannt) sind nur zum Vergnügen da, für den Adrenalinkick und den Testosteronschub der überwiegend weißen Zuschauer. Weil die Bildschirme der Übertragungen auch aufgrund technischer Störungen flackern oder um die elektrisierende Atmosphäre der Spielspannung wiederzugeben, hat Noel Anderson Fäden gespannt, an denen – wie an Angelhaken – aus Basketbällen ausgeschnittene Buchstaben hängen.

Man muss in den Keller hinuntergehen. Hier befinden sich die Umkleideräume der Spieler, in denen die Gladiatoren der heutigen Zeit so sehr vergöttert werden, dass man meinen könnte, es handele sich um die Sitze des Domkapitels in einer Kirche. Unter ihren Porträts sind die Rufe aus dem Stadion hier buchstabiert, verstreut und auf den Wandteppichen wieder zusammenzusetzen. Aber was macht dieser Hund dort in der Mitte, mit aufgerissenem Maul, bereit zuzubeißen? Es ist Chien Blanc. Der Wandteppich von Noel W. Anderson gibt das Cover der Originalausgabe des Romans von Romain Gary wieder, der 1969–1970 geschrieben wurde, auf dem Höhepunkt der polizeilichen Unterdrückung der schwarzen Befreiungsbewegungen. Das ist Jahrzehnte her, damals sprach man noch nicht von Afroamerikanern. Die NBA-Spiele sind ein Moment der Anmut. Andersons Werk ebenfalls.

„Make me come out myself“ von Noel W. Anderson,
ist in der Galerie Zidoun-Bossuyt
in Luxemburg-Grund bis zum 23. Juli zu sehen