Warum berühren uns Säulen (wir haben nicht von Pfeilern oder Pfosten gesprochen) so sehr? Weil sie in unserem Gedächtnis – wenn auch unbewusst – etwas wachrufen: ein sehr altes architektonisches Element. Das nennt man einen Archetyp. Die Säule hat seit jeher die Form eines Schafts. Hier seien das alte Ägypten, das antike Griechenland und Rom, die islamische Epoche in Südeuropa (Italien und Spanien) sowie, näher an unserer Zeit, im christlichen Europa die orthodoxen, romanischen und gotischen Kirchen genannt. Eine letzte Anmerkung vor der Ausstellung von Julia Cottin in der Konschthal in Esch-sur-Alzette: dass verzierte Säulen stets mit einem Kult, mit etwas Heiligem in Verbindung stehen oder – doch diese Erinnerung soll hier nicht thematisiert werden – dass sie die Portiken adeliger Häuser schmückten und dabei die Giebel griechischer Tempel nachahmten.
Im zweiten Stock der Konschhal angekommen, biegt man nach links ab, man durchschreitet die schmale Tür zum Project Room und steht in diesem relativ kleinen Raum mit niedriger Decke plötzlich vor der Erinnerung und dem Zauber der sich auftürmenden Säulen des „Forêt de Juma“. Julia Cottin wurde 1981 in Châlons-sur-Saône geboren, absolvierte 2006 ihr Studium an der renommierten École Supérieure d’Art et de Design in Saint-Étienne und verbrachte ein Jahr am Art Institute of Chicago. Sie arbeitet besonders gerne mit Holz. Sie kennt die Beschaffenheit der Bäume ihrer Heimatregion, Burgund, sehr gut. Sie versteht es, Eiche (hart), Buche (weich) und alle Holzarten der westeuropäischen Wälder zu bearbeiten.
Ihre Arbeiten waren bereits an anderen Orten und bei verschiedenen Festivals zu sehen (im Schloss Monflanquin im Departement Lot oder beim Festival „Vent des Forêts“ im Departement Meuse). Diesmal ist das Konzept von „Forêt de Juma“ das Ergebnis seines Aufenthalts in der brandneuen Künstlerresidenz im Bridderhaus in Esch. Die Verbindung zu Luxemburg ist möglicherweise historischer Natur. Man darf nicht vergessen, dass es zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der napoleonischen Besatzung das „Département des Forêts“ war. Die Verbindung ist vor allem pflanzlicher, geografischer und geologischer Natur und steht im Zusammenhang mit dem Süden des Landes, der von Pragmatismus geprägt ist. Die Anordnung wirkt zufällig – die Säulen von „Forêt de Juma“ haben keine tragende Funktion. Sie sind jedoch entsprechend der Anordnung eines kleinen Waldstücks am Ellergronn, neben Esch-sur-Alzette, angeordnet.
Wir haben also die Tür zum Project Room der Konschthal durchschritten und schlendern nun durch „Forêt de Juma“, wobei unser Blick von der Textur und der unterschiedlichen Gestaltung jeder einzelnen Säule durch Julia Cottin gefesselt wird, auch wenn sie alle – der unveränderlichen Ordnung des Archetyps folgend – aus einem Sockel, einem Schaft und einem Kapitell bestehen. Ihre Proportionen sind an die Höhe des Raumes angepasst.
Die Harmonie ist sichtbar, auch wenn sie unbewusst ist und auch wenn es hier und da kleine Unebenheiten in den Zwischenräumen zwischen der unregelmäßigen Oberfläche der Kapitelle und der glatten, geraden Decke gibt. Nun lassen wir unsere Augen und Finger darüber gleiten: Es gibt rohe Sockel aus Baumstammabschnitten. Es sind Kreise unterschiedlicher Höhe. Es gibt quadratische Sockel, wie ein Würfel. Kaum grob behauen, und dann gibt es bearbeitete Sockel, roh, aber pyramidenförmig, schmal wie ein Flaschenhals. Und es gibt Säulenschäfte ohne Sockel. Es gibt gerade und glatte Säulenschäfte, bei denen Julia Cottin lediglich die Rinde des Baumes entfernt hat. Es gibt gehämmerte Säulenschäfte, als wären sie bereit, einen Putz aufzunehmen, damit dieser besser haftet. Es gibt ein verdrehtes Fass, ähnlich den Säulen des Hauptaltars von Sankt Peter in Rom im Vatikan. Es gibt Fässer, die auf halber Höhe verziert sind, was, soweit man sich erinnern kann, in der Geschichte der Säulendekoration nicht vorkommt.
Es gibt eine behauene, eiförmige Säule – sie ist die eleganteste – und zwei Säulenschäfte, die die gewundene Form eines Baumstamms haben, so wie er gewachsen ist. Die Kapitelle sind größtenteils schlicht. Sie entsprechen der seit jeher bestehenden technischen Funktion der Säule: Die Basis des Kapitells kann die gleiche Breite wie der Schaft haben oder bereits breiter sein und wird dann nach und nach breiter, je näher sie der zu tragenden Deckenlast oder der zu tragenden Platte kommt. Eines ist mit Palmenblättern verziert, wie in den antiken Tempeln Ägyptens. Ein anderes erinnert an das Schuppenmotiv, das man in romanischen Kirchen sieht; ein weiteres ahmt das traditionelle Motiv der gotischen Kirchen nach, das Akanthusblatt.
Man könnte die Aufzählung der Formen von Julia Cottins bildhauerischem Schaffen noch fortsetzen – was zugleich eine Hommage an alle Zimmerleute und insbesondere an die „Compagnons du Devoir“ ist. Man könnte eine Art Gedicht à la Prévert verfassen, eine Aufzählung à la Georges Pérec erstellen oder einen zeitgenössischen Stand-up-Auftritt mit dem abgehackten Rhythmus eines Rap-Songs gestalten. Stattdessen laden wir zu einer realen Vision ein: Stellen Sie sich einen „Forêt de Juma“ auf zwei Etagen vor. So wie in Bari in Apulien. Dort stehen die Säulen der byzantinischen Basilika, die heute unter der Erde liegt und über der sich, nach demselben Grundriss, eine Ebene höher die Säulen der katholischen Kathedrale erheben. Zwei Ausdrücke, die jemanden feiern, den wir auch bei uns gut kennen: den Heiligen Nikolaus!
„La Forêt de Juma“ von Julia Cottin ist bis zum 15. Oktober im Project Room der Konschthal Esch zu sehen